Vereinzelt gibt es Berichte von Frauen, die Kopftuch tragen, über Beleidigungen. FOTO: JOL
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Vereinzelt gibt es Berichte von Frauen, die Kopftuch tragen, über Beleidigungen. FOTO: JOL

Überwiegend tolerant

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Diskriminierung im Alltag kommt nicht oft vor, aber sie nimmt zu. Das ergibt der Bericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Im Vogelsberg ist die Lage vielschichtig. Positive Berichte über gelebte Toleranz stehen neben der Klage über eine Benachteiligung von Frauen mit Kopftuch, wie Nachfragen ergeben.

Frauen mit Kopftuch, die keinen Job finden, Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft, die keine Wohnung finden, Frauen, denen ein beruflicher Aufstieg versperrt wird - das sind alles Beispiele für offene Diskriminierung. Darum kümmert sich die Antidiskriminierungsstelle des Bundes, die kürzlich ihren Jahresbericht vorgelegt hat. Demnach nimmt vor allem die Zahl der Beschwerden wegen rassistischer Benachteiligung zu. Der Vogelsbergkreis muss laut gesetzlichen Vorgaben keine Antidiskriminierungsstelle unterhalten. Allerdings versteht sich die Kreisverwaltung nach außen und innen als den Prinzipien von Fairness, der Gleichbehandlung, der Akzeptanz von Vielfalt und der Teilhabe verpflichtet. In einer Mitteilung der Kreisverwaltung heißt es, man sei darauf bedacht, entsprechend zu handeln.

Das heißt nicht, dass im Vogelsberg eine heile Welt besteht. Fachstellen des Kreises, die beispielsweise Kontakt mit ehrenamtlichen Helfern in der Betreuung geflüchteter Menschen haben, erzählen davon, dass es vereinzelt Berichte über Diskriminierung gibt. Das gelte auch für andere Bereiche der Verwaltung mit Kundenkontakt. Belastbare Zahlen liegen nicht vor. Einige Gesprächspartner baten darum, nur so zitiert zu werden, dass sie nicht identifiziert werden. Sie befürchten persönliche Nachteile.

Ein vielfältiges Bild ergibt eine Umfrage der Alsfelder Allgemeinen Zeitung. So berichten Gesprächspartner von Diskriminierung und aggressiven Tönen gegenüber Migranten und Frauen mit Kopftuch. Es gibt es aber auch Stimmen, nach denen die Toleranz in der Region groß ist.

So betont Earl Tillich, dass er nie Probleme in Mücke hatte. Er ist in der Kommune aufgewachsen und hat nie wegen seiner dunklen Hautfarbe Ablehnung erfahren. Dabei stand der kommunikative Mücker immer im Licht der Öffentlichkeit: "Ich habe 28 Jahre im Hallenbad gearbeitet und war Ausbilder auf Landesebene."

Als gutes Zeichen wertet er, dass die gut 120 Flüchtlinge, die ab 2015 in die Vogelsberg-Gemeinde kamen, gut integriert sind. "Das lief einwandfrei." Tillich betont, er habe nicht den Eindruck, dass es hier mehr Rassismus in der Öffentlichkeit gebe.

Auch die Ablehnung gegenüber Schwulen ist kleiner geworden, sagt Tillich. In den 1970er-Jahren hat sich kein Homosexueller geoutet, das habe sich erfreulicherweise geändert. Als Vorsitzender des Karnevalvereins hat er mit Freude registriert, dass das erste homosexuelle Prinzenpaar fast überall positiv aufgenommen worden ist. Nur bei zwei Veranstaltungen gab es so derbe Sprüche, dass die Nieder-Ohmener Prinzen vorzeitig den Saal verließen.

Die Stimmungslage sieht eine Aktive aus der Flüchtlingsarbeit etwas negativer. Ihrer Beobachtung nach wird Rassismus in den vergangenen Jahren offener geäußert. "Das hat man sich früher nicht so getraut", betont sie. Dabei sei die Integration von Geflüchteten in den letzten vier Jahren eine Erfolgsgeschichte. Die weitaus meisten Schutzsuchenden hätten Deutsch gelernt und Arbeit gefunden.

Sie hat eine Mutter mit drei Kindern aus Eritrea unterstützt. Die älteste Tochter studiert inzwischen, ein Sohn bringt sehr gute Schulnoten nach Hause. Doch es gab auch Ausgrenzung durch Mitschüler, Reibung mit einem Arzt und Behörden. Sie selbst hat immer noch Sorge, angegriffen zu werden, weil sie sich für Flüchtlinge einsetzt. Am einfachsten hätten es Migranten, wenn sie möglichst unauffällig in der Gesellschaft mitschwimmen. Das sieht ein Jugendlicher mit ausländischem Hintergrund ähnlich. Er hatte in der Schulzeit keine Schwierigkeiten, nur hin und wieder gab es dumme Sprüche, die er bewusst ignoriert hat. "Irgendwann hören die auf", fügt er an.

Gute Erfahrungen

Schwieriger ist es für Frauen, die aus religiösen Gründen ein Kopftuch in der Öffentlichkeit tragen. So berichtetet eine Vogelsbergerin mit arabischen Wurzeln, dass sie mehrfach bei der Jobsuche gescheitert ist, weil sie das islamische Kopftuch trägt. "Es ist meine persönliche Entscheidung, ich wurde dazu nicht gezwungen und stelle es meinen Töchtern frei, Kopftuch zu tragen", betont sie. Eine Frau mit türkischem Hintergrund kann nicht verstehen, weshalb Frauen wegen eines Kopftuchs abgelehnt werden. "Das ist ihre eigene Entscheidung, die man respektieren kann." Aber auch sie hat erlebt, dass es auf der Straße Beleidigungen gegen Frauen wegen der Kopfbedeckung gab.

"Es gibt überall gute und schlechte Menschen", erklärt sich Hasan Demir solche Berichte. Er selbst hat "keinerlei schlechte Erfahrungen" gemacht, sagt der Inhaber von Deluxe Kebap in Homberg. Er lebt seit 1993 in Deutschland, lange Zeit davon in Wetzlar, und führt seit drei Jahren den Imbiss. Nach vielen Jahren in der Gastronomie sagt er über seine Kundschaft, "sie sind alle sehr zuvorkommend".

Ein Indiz dafür, dass noch einiges zu leisten ist, liefert die Kriminalstatistik. Im Vogelsbergkreis hat die Polizei im Vorjahr 43 fremdenfeindliche Straftaten registriert, im Jahr zuvor waren es mit 21 nur halb so viele.

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