Faible für Amerika: "Die Beschäftigung mit den USA zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben", sagt "Tagesthemen"-Moderator Ingo Zamperoni. FOTO: DPA
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Faible für Amerika: "Die Beschäftigung mit den USA zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben", sagt "Tagesthemen"-Moderator Ingo Zamperoni. FOTO: DPA

"Trump macht die Risse sichtbarer"

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Die USA sind ihm fremd geworden. Ingo Zamperoni kennt Amerika sehr gut, hat jahrelang dort als Korrespondent gearbeitet. Doch mit der Wahl Donald Trumps hat sich viel verändert. Für Zamperoni wurden die USA zu einem "Anderland". So hat er sein Buch genannt, das er heute Alsfeld vorstellt. Im Interview spricht er über Trumps mögliche Wiederwahl und seine drei Heimatländer.

Ihr Auftritt könnte aktueller nicht sein. Wie viel Schaden hat Trump seit seiner Wahl Ihrer Meinung nach angerichtet?

Diese Präsidentschaft ist auf jeden Fall eine Zäsur. Vieles, was gerade im transatlantischen Verhältnis jahrzehntelang als sicher galt, ist es nicht mehr. Das hat Folgen, auch für uns. Gleichzeitig ist zwar an vielem von Trump gerüt-telt worden, aber es kam doch nicht ganz so wie angedroht.

Was genau meinen Sie?

Stichwort NATO: die hielt Trump erst für obsolet, aber derzeit findet ein gigantisches Manöver in Europa mit 20 000 US-Truppen statt mit dem Namen ›Defender Europe 2020‹, so viel zu ›Zahlt erst mal selbst für eure Verteidigung‹.

Wie wirkt sich das auf die Gesellschaft aus?

Was die USA selbst betrifft, so ist es natürlich schädlich für eine Gesellschaft, wenn der oberste Repräsentant des Staates ständig die Institutionen dieses Staates attackiert, vom FBI bis zu Gerichten oder die Presse, wann immer die ihm nicht passen. Das wirkt sich aus, ein schleichendes Gift, das nicht gerade hilft, die Gräben in dieser gespaltenen Gesellschaft zuzuschütten.

Wie sehen Sie die derzeitige Krise im Nahen Osten?

Was den Iran betrifft, das scheint sich wieder etwas beruhigt zu haben. Aber das könnte beim harten Kontra-Kurs Trumps gegenüber den Mullahs jederzeit wieder aufflammen, mit Risiken. Was den neuen Nah-Ost-Plan betrifft: vielleicht muss man in dem verfahrenen Konflikt ja tatsächlich neue, unkonventionelle Wege gehen, um das irgendwie aufzubrechen.

Durch Trump und seine Politik sind die USA für Sie zu einem fremden Land geworden. Beispiele?

Trump ist meiner Meinung nach nicht der Grund, dass die USA so gespalten und fremdartig sind. Er ist ein Ergebnis davon. Nur weil die USA derzeit so sind, wie sie sind, konnte Trump Präsident werden.

Können Sie sich das erklären?

Er macht die Risse sichtbarer, auch wenn er durch seine Aktionen ein Symptom ist, das immer mehr auch selbst zu einer Ursache wird. Es ist schon befremdlich, wie er dieses Amt auskleidet und versteht und wie ihm seine Partei, die Republikaner, so gut wie alles durchgehen zu lassen scheint, es gibt derzeit kaum innerparteiliche Opposition.

Viele Dinge, die Obama vorangetrieben hat oder verbessert hat, scheinen jetzt wieder ad absurdum geführt zu werden. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

Gerade im Umwelt- und Klimaschutz verlieren wir eine Menge Zeit und Grundlagen, die Obama mit schärferen Umweltauflagen gut geschaffen hatte. Dass Trump aus dem Pariser Klima-Abkommen ausgestiegen ist, ist natürlich ein fatales Signal. Gleichzeitig findet auf vielen Ebenen in den USA trotzdem eine Menge statt. Staaten wie etwa Kalifornien verschärfen zum Beispiel auf eigene Faust ihre Klimaschutzstandards.

Haben Sie mit den USA und Deutschland und Italien, wo Ihr Vater herkommt, sozusagen drei Heimatländer?

Ja, und das ist großartig. Ich sitze nicht zwischen den drei Stühlen, sondern aufden drei Stühlen. Ich habe diesen multikulturellen Background auch immer als Bereicherung empfunden, so sehen das meine Kinder zum Glück auch. Wenn ich mich vorstelle, dann sage ich aber meistens: Ich bin Italo-Hesse.

Wie schätzen Sie die Chancen Trumps auf eine Wiederwahl im November ein?

Wenn die Wirtschaft in den USA weiter so boomt, stehen die Chancen für seine Wiederwahl deutlich höher als für eine Abwahl. Es kommt auch darauf an, wen die Demokraten aufstellen, aber traditionell hat der Amtsinhaber immer einen Amtsbonus.

Was erzählen Ihre Freunde in den USA, wie die Stimmung derzeit ist?

Kommt darauf an. In Washington können viele die ständigen Dramen aus und im Weißen Haus nicht mehr hören, da ist die Stimmung ziemlich gedrückt. Aber je weiter man raus ins Land blickt, desto weiter könnte Washington und die Politik nicht weg sein. Vieles wird daher eher achselzuckend quittiert. Grundsätzlich aber sind die USA derzeit ein sehr polarisiertes Land. Das führt zu aggressiveren Umgangstönen und Verunsicherung.

Sie sind in "Ich trage einen großen Namen" zu sehen. Was macht den Reiz für Sie aus?

Das ist öffentlich-rechtliches Bildungsfernsehen im besten Sinne. Die Nachfahren stammen fast immer von sehr hochkarätigen und interessanten Vorfahren ab, man lernt in jeder Folge viel Neues. Und das Rätseln über die gesuchten Vorfahren macht eine Menge Spaß.

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