Am Landgericht Gießen wird das Verfahren wegen Mordes in einem Alsfelder Kleingartengelände gegen einen 37-Jährigen verhandelt, oben mit Anwalt Ralf Becker. FOTO: JOL
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Am Landgericht Gießen wird das Verfahren wegen Mordes in einem Alsfelder Kleingartengelände gegen einen 37-Jährigen verhandelt, oben mit Anwalt Ralf Becker. FOTO: JOL

Tödliche Hammerschläge

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Im April ist in einer Alsfelder Kleingartenanlage ein Mann mit einem Hammer erschlagen worden. Nun steht der mutmaßliche Täter vor dem Landgericht in Gießen. Die Anklage geht von einem heimtückischem Mord aus. Der Angeklagte gibt die Tat zu, sein Verteidiger weist auf eine psychische Erkrankung hin, die zur Tat beigetragen haben kann.

Die Tat hat Alsfeld erschüttert: Mit einem Hammer erschlägt ein Mann in einer Kleingartenkolonie seinen Grundstücksnachbarn. Ein halbes Jahr danach beginnt nun der Prozess gegen den 37-Jährigen beim Landgericht Gießen. Am ersten Verhandlungstag gibt der Angeklagte die Tat zu und sagt, dass er die Schuld trage. Sein Verteidiger Ralf Becker verweist auf eine psychische Störung. Zu Wort kommt auch der Rechtsmediziner, der von mindestens acht Hammerschlägen auf den Kopf des getöteten Familienvaters ausgeht. "Jeder davon konnte tödlich sein", erläuterte der Sachverständige.

Zum Auftakt stellte Staatsanwalt Thomas Hauburger die Anklage wegen heimtückischen Mordes vor. Der Angeklagte habe an jenem 4. April versucht, über einen Streit von 2018 zu reden. Der Nachbar habe kein Interesse daran gehabt, worauf der 37-Jährige einen 1,2 Kilogramm schweren Hammer geholt und auf den Nacken geschlagen habe. Der Angegriffene sei hingefallen und mit weiteren Schlägen traktiert worden.

Der 37-Jährige gab über seinen Anwalt eine Erklärung ab, wonach es ihm "unendlich leid tut". Er habe mit dem Gartennachbarn sprechen wollen, was der 47-Jährige abgelehnt habe. "Ich habe mich über die Ignoranz geärgert." Die Wut habe sich gesteigert, dann hatte er auf einmal den Hammer in der Hand, stand hinter L. und schlug zu. Vom weiteren Geschehen habe er nur eine verschwommene Erinnerung, sagte der 37-Jährige.

Streit vor der Tat

Auf Nachfragen der Vorsitzenden Richterin Regine Enders-Kunze schilderte er genauer den Hintergrund der grausigen Tat. Demnach gab es zwei Jahre zuvor bereits einen Streit zwischen den Nachbarn im Alsfelder Kleingartengelände "Beerenwiese". B. erläuterte, er habe die Hecke zwischen den Grundstücken stark zurückgeschnitten, was seinen Nachbarn L. geärgert habe. Er habe ihn "Hurensohn" genannt, weshalb er ihn kurz darauf angesprochen habe. Dabei habe er das spätere Opfer mit einer Bierflasche bedroht.

Zwar habe er sich über den Vorsitzenden des Kleingartenvereins entschuldigt, aber L. und einige Bekannte hätten ihn weiterhin mit "Hurensohn" tituliert. Es kam zu einem weiteren Streit, in dessen Verlauf es auch eine Rangelei gab. Seither hätten die Grundstücksnachbarn nicht mehr miteinander gesprochen.

Der Konflikt habe aber weiter in ihm gearbeitet, besonders die Aussage, nach der L. gefordert habe, man solle den anderen als Algerier abschieben. An jenem Tag im April ging der Angeklagte zu L. und er habe darauf verwiesen, "dass wir beide Ausländer sind", weil das spätere Opfer aus Polen stammte. Als L. nicht mit ihm reden wollte, sei er in seinen Garten gegangen, wo sich der Zorn immer weiter aufgestaut habe. "Ich war richtig wütend", sagte B. im Rückblick. Er habe dem späteren Opfer mit dem Hammer nur Angst machen wollen. "Ich war nicht normal, war nicht bei mir", betonte der 37-Jährige. Verteidiger Becker bohrte besonders zur Krankheitsgeschichte nach. Der Angeklagte war 2009 nach Deutschland geflüchtet, hatte bereits zuvor Probleme in der Familie. Er habe schon früher bei Konflikten unkontrolliert um sich geschlagen, gab er zu. 2009 flüchtete er nach Deutschland, 2012 wurde er wegen einer schweren Depression in der Psychiatrie behandelt. Ein weiterer Klinikaufenthalt schloss sich an.

Nachbarin schrie Täter an

Wenn er seine Medikamente nahm, sei er ruhig und ausgeglichen gewesen, aber bereits ab 2018 nahm er die Mittel nur noch unregelmäßig. Sie hätten ihn müde gemacht, wenn er zur Arbeit in einem Reinigungsdienst musste. Zudem würden sie die Libido beeinträchtigen, beklagte der verheiratete Vater zweier Kinder.

Wie der Verteidiger herausarbeitete, fielen die früheren Streitigkeiten mit dem Gartennachbarn, eine Sachbeschädigung und die tödliche Tat vom April in eine Periode, in der B. die Medikamente unregelmäßig genommen hat. So ergab sich das Bild eines Mannes mit zwei Gesichtern. Eine Zeugin der Gewalttat im April sagte aus, sie kenne B. als ruhigen und hilfsbereiten Nachbarn in der Kleingartenanlage.

Am Tattag im April hatte sie mit ihrer Tochter im Garten gesessen, als sie Schreie hörte. Sie lief auf den Weg vor der Parzelle und sah B., der mit einem Hammer auf etwas am Boden einschlug. Als sie näher kam, sah sie, dass da ein Mensch lag. Sie rannte zu B. und schrie ihn an, er solle aufhören. Der Angeklagte sei dann weggegangen, um kurz darauf zurückzukehren und noch einmal auf sein Opfer einzuschlagen. Nach der Tat habe er teilnahmslos gewirkt". Nach dem Geschehen habe er sich die Hände gewaschen und auf die Polizei gewartet.

Ihre Tochter bestätigte in ihrer Aussage, dass B. mehrfach auf den regungslos daliegenden 47-Jährigen eingeschlagen hat. Dabei habe er keinen Ton gesagt. Der Rechtsmediziner hat am Tatort zwei Blutspuren gefunden. Sie deuten darauf hin, dass der 47-Jährige im Stehen geschlagen wurde und dann umgefallen ist. Er fand Verletzungen am Kopf, die auf mindestens acht Schläge mit dem Hammer hindeuten. Vermutlich habe das Opfer zwei Schläge erlitten und es sei dann zu Boden gegangen. Jeder der Schläge sei tödlich gewesen. Beim nächsten Verhandlungstermin am 16. Oktober sollen Polizisten angehört werden. Der psychiatrische Gutachter und die Ehefrau des Getöteten sollen bei einem Folgetermin aussagen.

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