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»Teurer Dünger besser als gar keiner«

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Von: Kerstin Schneider

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Hohe Düngerpreise machen den Landwirten zu schaffen. Die Hauptursache ist der Preisanstieg bei Erdgas, das als Rohstoff für die Düngemittelherstellung gebraucht wird. SYMBOLFOTO: DPA © Red

Dünger ist durch den Ukraine-Krieg teuer geworden. Das belastet die Landwirte. In diesem Jahr kommen sie noch mit einem blauen Auge davon, sagt Volker Lein (Bleidenrod) vom hessischen Bauernverband. Nächstes Jahr werde es aber »knapp auf den Märkten.«

Laut Bauernverband haben sich die Düngerpreise in den vergangenen Monaten verfünffacht. »Das ist wirtschaftlich für die Betriebe überhaupt nicht mehr darstellbar«, sagte Präsident Karsten Schmal dieser Tage. Die steigenden Energiekosten würden die Preise für Düngemittel schon seit geraumer Zeit in die Höhe treiben, insbesondere die hohen Gaspreise, die etwa 80 Prozent der Kosten für die Produktion von Stickstoffdünger ausmachen.

Der Krieg in der Ukraine habe die Situation erheblich verschärft. Preissprünge dieser Dimension habe er noch nicht erlebt, ebenso wenig die Sorge, ob überhaupt Dünger zu bekommen sei. »Unter diesen Bedingungen bringen die Landwirte so wenig Mineraldünger aus, wie irgend möglich.« Zwar sei die Ernährungsversorgung in Hessen und Deutschland noch sichergestellt, aber die Ernte werde kleiner ausfallen und die Lebensmittelpreise würden steigen, warnte er. Für das kommende Jahr wage er keine Prognose. »Alles hängt von der weiteren Entwicklung des Krieges in der Ukraine ab.« Nicht zuletzt, weil die Ukraine selbst als Kornkammer Europas gilt.

»Die Preise sind geradezu explodiert«, sagt auch Volker Lein (Homberg-Bleidenrod), Vizepräsident beim Hessischen Bauernverband. Und die weitere Preisentwicklung lasse sich auch nicht absehen. Inzwischen sei ohnehin die Versorgung mit Ware das Hauptproblem. »Dieses Jahr kommen wir mit einem blauen Auge davon, was ab nächstem Jahr daraus wird, kann niemand sicher sagen.«

Fakt sei, dass ab nächstem Jahr selbst unter optimistischen Annahmen »die Märkte äußerst knapp versorgt sein werden«. Dies werde sich »ganz klar« auf die Regale im Supermarkt auswirken. Versorgungsengpässe würden uns weniger in Europa (aber eben auch hier), aber mehrere 100 Millionen Menschen vor allem in Afrika und Südostasien treffen. »Unsere Hauptaufgabe ist es zwar sicher nicht, die Welt zu ernähren, aber Landwirtschaft hat auch eine globale und geostrategische Dimension«, so Lein weiter.

Die deutsche und auch die europäische (Landwirtschafts-) Politik richte den Blick zu sehr auf sich selbst, kritisiert er. Landwirtschaft sei aber sehr komplex, so Lein, der im Homberger Stadtteil Bleidenrod einen großen Betrieb betreibt. »Dreht man an einer Schraube, bewegt man automatisch auch andere.«

Politische Entscheidungen fokussierten sich leider zu oft auf nur ein bestimmtes Problem. Die EU fordere von den Landwirten in Zukunft 50 Prozent weniger Pflanzenschutz und Düngung und Flächenstillegungen von vorerst vier Prozent, Tendenz steigend. Desweiteren solle auf mindestens 25 Prozent Ökolandbau stattfinden, der nur die halben Erträge liefere. »Ob wir diese Maßnahmen, die Produktionsverluste zur Folge haben, verantworten können, stelle ich in Frage.« So war zuletzt der Vorstoß, dass Reserveflächen, die derzeit unbearbeitet bleiben, für den Anbau genutzt werden können, bei der Politik nicht auf Gegenliebe gestoßen. In diesen Randbereichen von Äckern darf beispielsweise nicht gedüngt werden.

Laut Lein reagieren Landwirte in der aktuellen Situation in erster Linie »mit Innovation und betriebswirtschaftlichem Handeln«. Dies sehe in jedem einzelnen Betrieb anders aus. Und: »Schlimmer als teurer Dünger ist gar kein Dünger.« Und weiter: »Mineraldüngung und Pflanzenschutz sichern bei steigender Weltbevölkerung Ernten und Erträge.«

Das Verwenden von organischem Dünger wie Mist oder Jauche könne dies selbst bei besserer Verteilung bei weitem nicht ausgleichen. Dünger jeglicher Art werde aber künftig »noch effektiver eingesetzt werden müssen«. Dies alles geschehe unter dem erklärten politischen Willen, auch die Tierbestände in Europa zu halbieren. Lein: »Wir sollten aus meiner Sicht die Gewichte neu austarieren, um den Markt in ruhigen Fahrwassern zu halten.« Mittelfristig sei eine Landwirtschaft nötig, »die gleichermaßen produktiv und nachhaltig ist, aber keine, die hauptsächlich Umweltaktivisten zufriedenstellt«.

Die aktuell hohen Kosten für Dünger müssten sicher weitergegeben werden. Spiele der Lebensmitteleinzelhandel da nicht mit, werde eine noch deutlichere Verknappung der Waren eintreten. »Natürlich sieht der Verbraucher dies nicht mit Wohlwollen.«

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