Ohmtalschänke schließt

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"Wir haben es gerne gemacht." Rosi und Willi Krick haben jahrzehntelang die Gaststätte Ohmtalschänke in Homberg-Ober-Ofleiden betrieben, zum Jahresende ist Schluss. Damit verliert Homberg nach Schließen des Frankfurter Hofes und des Marktbrunnens die dritte große Gaststätte innerhalb eines Jahres. In diesem Fall trifft es einen florierenden Betrieb, der innerhalb der Familie keine Nachfolge hat. Viele Stammgäste nicht nur aus dem Kreisgebiet müssen sich nach einer neuen Bleibe umschauen...

Heftige Schläge kommen von hinten aus der Küche, im Gastraum sind sämtliche Tische eingedeckt, an der Theke sprudelt es aus den Zapfhähnen: Am Donnerstagabend ist Endspurt für Rosi und Willi Krick angesagt, sie bereitet Schnitzel in der Küche vor, schneidet und klopft sie, er sichtet den Getränkevorrat in den Kühlschränken unter der Theke und reicht die ersten Biere an die Gäste des Abends. Von Endzeitstimmung keine Spur, Handwerker zischen ihren Feierabendschoppen, ein Mann reicht einen Korb über den Tresen, dort sollen die bestellten warmen Gerichte rein gelegt werden, derweil er das Warten darauf mit einem Pils überbrückt. Man kennt sich, scherzt, aber bei dem einen oder anderen schwingt schon etwas Wehmut mit: Denn das Wirtsehepaar schließt die Gaststätte zum Jahresende, hinter beiden liegt ein langes Arbeitsleben, Willi Krick hatte zudem viele Jahre lang die Doppelbelastung Beruf und Gastwirt.

Die Wirtsleute schließen die Gaststätte aus Altersgründen, aber weder die 67-Jährige noch der 72-Jährige machen einen ausgelaugten oder erschöpften Eindruck. Beide sprühen vor Energie in den letzten Stunden hinter der Theke und am Herd. Woran das liegt? Im Gespräch erfährt man, dass die Wirtsleute bei aller Arbeit auch die bereichernden Momente gesehen haben. Wenn sich ein Gast wohlfühlt, zeigt er das und kommt vor allem wieder – immer wieder. So waren Kricks Anlaufstelle auch von Gästen aus Nachbarkreisen, für die örtlichen Vereine eine Institution im Ort. Daraus lei- ten sich auch die verschiedenen Sitzecken in der Ohmtalschänke ab: Da gibt es die Fußballerecke, den Sängerstammtisch, die Feuerwehrnische und das Anglerzimmer. Im Anglerzimmer hat Gastwirt Willi Krick Hinweise auf eines seiner Hobbys verewigt: Präparierte Fische scheinen mit ihren Köpfen aus der Wand zu schwimmen oder sind in vollem Querformat einen halben Meter lang auf Regalen zu bewundern. Man sagt ja, Angeln beruhigt, und Willi Krick hat das Hobby nicht nur an der Ohm vor dem Haus betrieben, viele Jahre hat er in Irland Urlaub gemacht, große Braune Forellen zeugen von den Erfolgen. Überhaupt: Urlaub haben sich die Wirtsleute Krick immer gegönnt (gönnen können), um die Akkus für die stressige Zeit zwischen den Urlau- ben aufzuladen. So haben sie vieles von der Welt gesehen, auch wenn Gäste auf der Terrasse über der ruhig dahinplätschernden Ohm der Meinung waren, angesichts dieser Oase gar nicht verreisen zu müssen. Oder das Ehepaar Krick machte mal einen kurzen, aber sehr erholsamen Abstecher in die Therme nach Bad Nauheim, leider ist die Einrichtung derzeit geschlossen. Das Angebot in Herbstein ordnen sie als eher überschaubar ein, demnächst wollen sie mal in Bad Endbach im Nachbarkreis Marburg-Biedenkopf vorbeischauen. Zähigkeit vom Urgroßvater Drei Gaststätten gab es mal im 19. Jahrhundert in dem kleinen Ober-Ofleiden, die dritte war die von Michael Kreuder, dem Urgroßvater von Willi Krick. Bereits 1865 hatte der Urahne einen ersten Anlauf für eine Konzession unternommen, war aber zunächst abschlägig beschieden worden. Dass Urgroßvater Michael Kreuder sehr zäh war, belegt der Umstand, dass er 31 Jahre später dann die ersehnte Konzession erhielt. Wahrscheinlich hat Willi Krick etwas von dieser Zähigkeit geerbt und in seiner Gattin eine ebenbürtige Partnerin gefunden. Die damalige Gaststätte Kreuder lag auf der anderen Seite der Ortsdurchfahrt, wo heute die Ohmtalschänke steht, war die große Scheune des Gasthauses. "Es war immer schon mein Traum, direkt an der Ohm zu wohnen", blickt Willi Krick auf die Anfänge zurück, und diese Anfänge sind lange her. Denn bereits als Fünfjähriger half er an der Theke aus. Gleichwohl zeichnete sich der Hauptberuf Gastwirt zunächst nicht ab, denn er lernte Elektriker und war dann bis zum Jahr 2005 bei der Stadt als Klärmeister beschäftigt. 1976 begann die Umsetzung des Traumes: Gaststätte mit Wohnung an der Ohm. In viel Eigenleistung wurde das Gebäude bis 1980 hochgezogen. Die Wirtsleute Rosi und Willi Krick stehen noch heute sehr zufrieden in dem markanten Sechseck des Clubraumes zur Straße hin, von dem aus man die Stadt Homberg auf dem Hügel sehen kann. Und sie fühlen sich dort heute noch an ihre gemeinsamen Anfänge erinnert, wenn sie das die Seitenwand beherrschende Gemälde auf dem Rauputz betrachten: Es zeigt links das Homberger Rathaus und rechts die wehrhaft wirkende Kirche Ober-Ofleidens. Beides ist verbunden durch die Ohmbrücke von Ober-Ofleiden – allerdings nicht ganz, die drei Motive haben keinen Kontakt zueinander. Aber das hat sich inzwischen entwickelt, im Jahr der Entstehung des Bildes 1980 war ja die Gebietsreform gerade mal acht Jahre her. Die Wirtsleute sind immer noch begeistert, wenn sie an die Entstehung des Bildes denken: Ihr Architekt Herbod Gans hatte die drei Einzelmotive aus kleinen Fotografien maßstabsgetreu auf die Wand übertragen, in 220 Arbeitsstunden wurden die Skizzen dann mit Farbe ausgefüllt, dabei halfen neben Willi Krick auch Weißbinder Karl Pfeil, im Dorf nur "Pallese Karl" genannt. Wie geht es im neuen Jahr bei Kricks weiter?" "Wir werden erst mal alles so lassen, wie es ist", sagt Willi Krick. Dann feiert die Tochter ihren 50. Geburtstag, dafür kann die Gaststätte gut genutzt werden. Aber danach ist wohl Schluss mit gemütlichen Sitzecken und Theke. Unten soll eine Wohnung entstehen, die Wirtsleute wollen dort einziehen. Dann wird die Wohnung im Obergeschoss frei, und dort kann eines der Kinder, das mit seiner Familie derzeit noch im Dachgeschoss lebt ("von dort hat man die beste Aussicht"), in die elterliche Wohnung wechseln. Nachdem ein Weiterführen der Gaststätte innerhalb der Familie nicht möglich war und Kricks nicht verpachten wollen, ist das die noch verbleibende Möglichkeit der Raumnutzung. Denn dann bleibt der Traum erhalten: Nach dem Arbeiten und Leben an der Ohm folgt der Ruhestand ebendort.

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