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Die Parkraum-Detektion für die Johannesstraße ist eine Möglichkeit, Parksuchverkehr zu reduzieren.

Gießener Stadt-Plage

Streitfrage in Gießen: Was tun gegen den Parksuchverkehr?

Der innerstädtische Verkehr, der von einer nur kleinen Zahl an Parkplätzen verursacht wird, ist eine Plage. Wie der Parksuchverkehr eingedämmt werden soll, ist eine der großen Streitfragen in der Gießener Stadtpolitik.

Wer in den ersten Tagen des neuen Jahres morgens entlang einer der Hauptverkehrsadern unterwegs war, konnte sich kaum vorstellen, dass der Straßenverkehr ein großes Streitthema in Gießen ist. Fast so leer wie im ersten Corona-Lockdown waren die Straßen. Man muss aber nicht erst bis vor den Ausbruch der Pandemie zurückkehren, um ein Problem, das die Aufenthalts- und Lebensqualität der Innenstadt beeinträchtigt, zu identifizieren. Rückblende.

Das Problem: Bei herrlichem Sommerwetter sind an einem frühen Samstagabend Anfang Juli in der Innenstadt die Straßencafés und Biergärten rappelvoll. Und nicht nur die: Auf dem Brandplatz ist gegen 19 Uhr kein Zentimeter Parkraum mehr frei, ebenso auf dem Lindenplatz, die Marktlauben sind beidseitig zugeparkt. Auch auf Flächen, wo das Parken verboten ist, quetschen sich die »Stehzeuge«. Trotzdem umkurven Autofahrer die Bereiche immer wieder auf der Suche nach einem Parkplatz. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Auf der Gießener Innenstadt lastet auch außerhalb der Geschäftszeiten ein erheblicher Parkdruck, und begehrt sind vor allem die Parkplätze in unmittelbarer Nähe zur Fußgängerzone, die nach 19 Uhr zudem gebührenfrei sind. Da deren Anzahl begrenzt ist, erzeugt das viel Parksuchverkehr.

Zahlen gibt es dazu nicht. »Etwaiger Parksuchverkehr wird nicht statistisch erfasst. Er ist ein Teil der Auswirkung von generell hohem Verkehrsaufkommen«, erklärte der Magistrat Ende 2019 auf Anfrage des Stadtverordneten Michael Janitzki (Gießener Linke).

Interessant indes sind die Zahlen zum Parkplatzangebot, die der Magistrat und der Einzelhandel in den letzten Jahren veröffentlicht haben. So wird auf einem Flyer, den der Einzelhandel und die Stadtmarketing-Gesellschaft unter dem Slogan »Einfach parken. Gut einkaufen. Gießen macht Spaß« herausgegeben haben, die Zahl der citynahen Parkplätze mit rund 6600 angegeben. Diese verteilen sich auf 16 Standorte, darunter elf Parkhäuser und der Parkplatz am Messeplatz Ringallee. Aber nur drei dieser 16 Parkplätze, nämlich der Brandplatz (70 Plätze), die Johannesstraße (rund 50) und der hinter Spielwaren-Fuhr (30) gelegene und über die Neuen Bäue erreichbare, erzeugen den typischen Parksuchverkehr.

Über 7000 City-Parkplätze

Hinzu kommen hunderte Parkplätze an Straßenrändern. Innerhalb des Anlagenrings stehen knapp 800 Kurzzeitparkplätze »im öffentlichen Verkehrsraum« zur Verfügung, hatte der Magistrat in seinen Antworten auf die besagte parlamentarische Anfrage Ende 2019 mitgeteilt. Führt man beide Aufstellungen zusammen, kommt man mit Messeplatz auf etwa 7250 City-Parkplätze, von denen gut ein Zehntel im Fokus der Debatte stehen, weil sie ein Vielfaches an Verkehr erzeugen. »Der Parksuchverkehr ist schon ein Riesenproblem«, sagte Holger Hedrich, Abteilungsleiter der Straßenverkehrsbehörde, als im Februar 2021 die Parkraum-Detektion für die Johannesstraße in Betrieb genommen wurden. Womit eine Eindämmungsmaßnahme bereits genannt wäre.

Gegenmaßnahmen: Es gibt technische Möglichkeiten wie die in der Johannesstraße. Der Parksuchverkehr hat sich hier augenscheinlich reduziert, verschwunden ist er aber nicht, was die Stadt auch nicht erwartet hat. Ein Drittel weniger, lautet das Ziel. Evaluiert wird die Parkraumdetektion sinnvollerweise erst, wenn das Verkehrsaufkommen Vor-Corona-Niveau erreicht hat.

Mittlerweile stellt sich freilich die Frage, ob diese Form der Verkehrslenkung verkehrspolitisch überhaupt noch gewünscht ist - innerhalb des Anlagenrings. Die neue Koalition aus Grünen, SPD und Gießener Linke hat sich die autoarme Innenstadt auf ihre Fahnen geschrieben. Was das genau heißt, ist noch unklar, aber konsequenterweise müsste ein solches Konzept das Aus für die knapp 800 Kurzzeitparkplätze innerhalb des Anlagenrings bedeuten, weil die vor allem den Verkehr ins Stadtzentrum ziehen.

Die Debatte um den Brandplatz gibt nur einen Vorgeschmack auf die Diskussionen, die noch folgen werden. Obwohl die 70 Parkplätze nur ein Prozent der gut 7000 citynahen Parkplätze ausmachen, hat sie der BID-Verein Marktquartier für unverzichtbar erklärt, da es in der östlichen Innenstadt kein Parkhaus direkt am Anlagenring gibt. Auch einige Arztpraxen, die direkt am Brandplatz liegen, betonen die Wichtigkeit der Parkfläche. Die Koalition will die Parkplätze ersatzlos streichen und den Platz autofrei umgestalten.

Kommt autoarme Innenstadt?

Einig sind sich alle Beteiligten aus Politik und Handel dagegen über eine andere Maßnahme zur Verkehrslenkung und mithin Verkehrsvermeidung: Das in die Jahre gekommene Gießener Parkleitsystem soll modernisiert werden, damit Autofahrer zielgerichtet in die Parkhäuser gelotst werden.

Prognose: Der Parksuch-verkehr innerhalb des Anlagenrings wird in den nächsten Jahren weniger werden, aber nicht verschwinden. Eine Umsetzung der autoarmen Innenstadt erscheint bis zum Ende der Wahlzeit des Stadtparlaments 2026 unrealistisch. Die Umgestaltung des Brandplatzes und die Modernisierung des Parkleitsystems sollten bis dahin zu schaffen sein.

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