2024 soll die Autobahn 49 fertig sein und am Ohmtal-Dreieck bei Gemünden an die A 5 anschließen. FOTO: iSTOCK/ANDREAS WEBER
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2024 soll die Autobahn 49 fertig sein und am Ohmtal-Dreieck bei Gemünden an die A 5 anschließen. FOTO: iSTOCK/ANDREAS WEBER

Streit um 42 Kilometer

  • Kerstin Schneider
    vonKerstin Schneider
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Seit Wochen ist der Konflikt um den Weiterbau der Autobahn 49 Thema. Überregionale Protestgruppen haben sich eingeschaltet, um den Wald zu verteidigen. Worum geht es?

?Warum die A 49 jetzt (weiter)gebaut wird, obwohl die Planung über 40 Jahre alt ist.

Von der ursprünglichen Planung der A 49-Trasse über Marburg nach Gießen blieb nach Protesten nicht viel übrig, die "Marburg-Trasse" war nicht gewollt, obwohl sie nach Ansicht auch von Experten sinnvoller gewesen wäre. Verschiedene Varianten wurden geprüft und verworfen, schließlich die Trasse Herrenwald-West festgelegt. 2012 setzte der damalige hessische FDP-Verkehrsminister Dieter Posch den Weiterbau für das letzte Teilstück von Schwalmstadt bis zum Ohmtal-Dreieck durch. Immer wieder hatten Anwohner von Bundesstraßen, aber auch Firmen den Weiterbau gefordert. Versuche, ihn per Gericht zu stoppen, scheiterten mehrfach, zuletzt im Mai.

?Was ist mit den Kosten und der Finanzierung?

Für den Weiterbau fehlte lange das Geld (zunächst rund 600 Millionen Euro, heute geht man vom Doppelten aus). Denn man hatte sich nach anfangs anderer Praxis darauf festgelegt, nicht mehr "scheibchenweise" zu bauen, sondern ab Schwalmstadt in einem durch. Schließlich präsentierte der Bund eine ÖPP-Finanzierung, sprich der private Konzern Strabag baut und betreibt das Teilstück ab Schwalmstadt und bekommt vom Bund Geld. Ob das am Ende günstiger für den Steuerzahler wird, darüber wird gestritten, Experten meinen: Nein. Der Bundesrechungshof hat das Vorgehen vor zwei Jahren beanstandet.

?Warum Alternativen nicht berücksichtigt werden, obwohl sie billiger wären.

Weil der Bau durch ein FFH-Gebiet wie den Herrenwald eigentlich nicht möglich gewesen wäre, musste ein sogenanntes überwiegendes öffentliches Interesse nachgewiesen werden. Gerichte sahen dies als erfüllt an. So wurde der Schutz von Menschen (Entlastung der Anwohner) höher bewertet als der Schutz der Natur. Zudem musste nachgewiesen werden, dass es zum Bau durch den Herrenwald keine Alternativen gibt. "Alternative" bedeutete alternative Autobahnvariante. Hier waren die Gerichte der Auffassung, dass Varianten weiter westlich (Marburg) oder weiter östlich (Neustadt-Romrod) mindestens ebenso viele Probleme brächten wie die jetzige. Weil andere Alternativen keine Autobahn sind, hat man sich mit ihnen nicht befasst. Umgehungsstraßen, wie Kritiker sie vorgeschlagen haben, würden laut Meinung von Planern und Politikern die Probleme in Nordhessen nicht lösen.

?Wie viel Wald wird für den Bau insgesamt gerodet?

Für den Lückenschluss der A 49 zur A 5 werden laut DEGES 85 Hektar Wald gerodet, davon 27 Hektar im Dannenröder Wald. Dies entspreche rund drei Prozent der Gesamtfläche des Waldgebietes. Vom Lückenschluss der A 49 sind bezogen auf den Dannenröder Wald die Forstreviere Dannenrod und Lehrbach betroffen. Das Forstrevier Dannenrod hat 700 Hektar, die gesamte Waldfläche rund 1000 Hektar. Abgesehen vom Dannenröder Wald sind der Herrenwald und der Maulbacher Wald von Fällungen betroffen. Im Herrenwald bei Stadtallendorf werde auf 49 Hektar gefällt, im Maulbacher Wald fielen die Bäume auf 3,5 Hektar.

?Warum die Demonstranten nicht lockerlassen, obwohl offenkundig nichts mehr gegen den Bau auszurichten ist.

Sie verweisen auf den Klimawandel und die Erkenntnisse in den vergangenen Jahren zur Erderwärmung. Jeder bestehende Baum werde gebraucht. Zudem sehen sie den Weiterbau der Autobahn als falsches Signal und sie fordern eine Verkehrswende hin zu umweltfreundlicheren Fortbewegungsarten. 36 Gruppen, Bürgerinitiativen, Naturschutzverbände, Wissenschaftlergruppen und Verbände von Parteien unterzeichneten 2019 den sogenannten Dannenröder Appell, der Alternativen zur Autobahn aufzeigt.

?Welche Protestgruppen dabei sind.

Lokal haben sich schon vor vielen Jahren Bündnisse wie "Keine A49", die Aktionsgemeinschaft zum Schutz des Ohmtals, die Schutzgemeinschaft Gleental oder "Schwalm ohne Autobahn" gegründet. Bundes- und europaweit agierende Gruppen sind seit einigen Monaten "Wald statt Asphalt", Koala-Kollektiv, Extinction Rebellion oder die bekannteren Organisationen wie Greenpeace, Robin Wood oder "Fridays for Future".

?Warum so viele Demonstranten von außerhalb kommen.

Im Vogelsberg sind Gegner seit Langem aktiv, über Jahre "ruhte" der Protest, weil nicht absehbar schien, dass die Autobahn noch gebaut wird. Noch Mitte der 1990er Jahre lehnten Politiker im Kreis sowie in Homberg und Kirtorf die Autobahn durch den Vogelsberg mehrheitlich ab. Das änderte sich, weil man sich vor allem in Homberg wirtschaftliche Vorteile verspricht, dort ist ein neues Industriegebiet an der A 49 geplant. Ab 2019 gab es in Kirtorf-Lehrbach Demonstrationen mit Traktoren und Fahrrädern, zu denen um die 150 Menschen kamen. Mit der Besetzung im Dannenröder Wald vor einem Jahr erhielten die Protestkundgebungen deutlichen Aufwind. Dazu haben prominente Unterstützerinnen wie Carola Rackete ("Sea Watch"-Kapitänin) oder Luisa Neubauer ("Fridays for Future") beigetragen. Sie haben den "Danni" zum Symbol erkoren, an dem sich ablesen lasse, ob es die Politiker mit einer Verkehrswende ernst meinen. Im Vogelsbergkreis sind Vertreter in Politik und Unternehmen für die Autobahn.

?Was ist mit dem Verkehrsaufkommen?

Auf dem neuen Autobahnteilstück der A49 wird von einem täglichen Fahrzeugaufkommen von etwa 38 000 Fahrzeugen ausgegangen. In Teilen von Homberg werde sich das Verkehrsaufkommen durch die A 49 dagegen bis zu verdreifachen, das betrifft vor allem die Berliner Straße, sagten Behördenvertreter schon 2007. Die Verkehrsbelastung in der Ortsdurchfahrt Homberg werde künftig bei rund 6100 Kfz am Tag liegen, im Bereich Berliner Straße sogar bei 7500 Fahrzeugen - das wäre eine Zunahme im Vergleich zu jetzt von 5200 Fahrzeugen täglich. Ein aktiver Lärmschutz ist dort bislang für Anwohner nicht vorgesehen.

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