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Die Lauterbacher Trachtengilde umrahmt die Veranstaltung mit Liedern und Tänzen.

Stimmung der Bauern auf Nullpunkt

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Vogelsbergkreis (au). "Das Erntedankfest hat für uns Bauern einen sehr großen Stellenwert. Wir wissen nur zu gut, dass die Erträge unserer Tiere und Früchte trotz des Einsatzes modernster Technik und großer Hingabe in sehr hohem Maße von der Witterung und dem Klima abhängig sind. Die letzten beiden Jahre haben dies deutlich gezeigt", betonte Volker Lein, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Vogelsberg und stellvertretender Präsident des Hessischen Bauernverbandes, am Sonntag im Rahmen des Kreiserntedankfestes in der Turnhalle Frischborn. Der Dank für ein gutes Erntejahr stehe in der Prioritätenliste deshalb an oberster Stelle, sagte Lein.

Er räumte ein, dass er mittlerweile große Schwierigkeiten habe, sich jeden Tag für seine Passion, die Landwirtschaft, neu zu motivieren. Die Stimmung unter den meisten Bauern sei auf dem Nullpunkt angekommen. In ganz Deutschland stellten Bauern auf ihren Feldern grüne Kreuze auf, um zu zeigen, dass die derzeitige Landwirtschaftspolitik unerträglich sei: "Immer mehr Verbote, kostentreibende Auflagen und die ausufernde Bürokratie sind für uns nicht mehr auszuhalten", konstatierte Lein. Als negative Schlagworte in der Diskussion nannte er Massentierhaltung, Wasser- oder Umweltverschmutzung, Klimawandel, Tierquälerei, industrielle Landwirtschaft oder Agrarfabriken, Feinstaub, Insekten- oder Bienensterben, Gülleüberdüngung, Anbindehaltung, Tiertransporte, Gentechnik oder Glyphosat und nicht zuletzt Profitgier. "Wir Bauern sind gefühlt an allem schuld." Die Agrarwende bezeichnete er als "völligen Blödsinn". Die Bauern seien andauernd zu Veränderungen bereit, allerdings brauche man Entscheidungen mit Augenmaß und klarem Menschenverstand. Lein wandte sich gegen ideologische, populistische auf nichtwissenschaftlichen Erkenntnissen basierende Vorgaben und verordnete Zwangsökologisierung. Abschließend wünschte sich Lein, dass die Leistungen zur Verbesserung der Artenvielfalt in der nachhaltigen Erzeugung hochwertiger Nahrungsmittel und Bioenergie entsprechend honoriert werden sowie wieder gesellschaftliche Wertschätzung finden und das nicht nur zum Erntedank.

Lauterbachs Bürgermeister Rainer-Hans Vollmüller wies ebenfalls auf die aufregenden Zeiten der Landwirtschaft hin. So herrsche aufgrund der aktuellen Situation große Unsicherheit und Verärgerung: "Es sind für uns alle spannende Zeiten." Dies habe auch der Verein für landwirtschaftliche Fortbildung Lauterbach erlebt, der mit dem Kreiserntedankfest sein 100-jähriges Bestehen feierte. Wenn man sich alles vergegenwärtige, dann könne man die derzeitige Verunsicherung in der Landwirtschaft verstehen. Vollmöller meinte jedoch: "Mir ist nicht bange, denn die Landwirtschaft war schon immer ein Fels in der Brandung. Gerade im Vogelsberg stehe sie für Nachhaltigkeit, saubere Produkte und tiergerechte Haltung."

Über die Geschichte des Vereins für landwirtschaftliche Fortbildung informierte dessen Vorsitzende Evelyn Etling. So gründete sich der Verein vor 100 Jahren durch die Ehemaligen Landwirtschaftsschüler Lauterbach. Die Ehemaligen, das ist auch der Name, unter dem der Verein bekannt ist. Diese waren alle Schüler der Winterschule Lauterbach. Der Name änderte sich später in Verein der Fachschulabsolventen. Daraus wurde dann der jetzige Verein für landwirtschaftliche Fortbildung. Über die Arbeit des Vereins informierten Bildtafeln in der Turnhalle.

Die Grußwortredner des Nachmittages, darunter CDU-Landtagsabgeordneter Michael Ruhl, Kreisbeigeordnete Magdalena Pitzer, Ortsvorsteher Berthold Habermehl, Schulleiter Helmut Dersch, Ursula Pöhlig sowie Kurt Wiegel, gingen dann auf die Bedeutung des Erntedankfestes und des Vereins für landwirtschaftliche Fortbildung ein.

Die Lauterbacher Trachtengilde umrahmte die Veranstaltung mit mehreren Liedern und Tänzen. Das Kreiserntedankfest war am Vormittag mit einem Gottesdienst mit anschließendem Abendmahl von Pfarrer Burkhard Sondermann in der evangelischen Kirche in Frischborn eröffnet worden. Die musikalische Umrahmung hatte der Projektchor "Singsation" des Gesangvereines Lauterbach-Frischborn.

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