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Stellenkürzungen an der JLU

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Der Pleitegeier hat am Fachbereich 03 der JLU Einzug gehalten. Dort fürchten Mitarbeiter wegen finanzieller Probleme um ihre Arbeitsplätze. © SCHEPP

An den Fachbereichen 03 und 04 der Justus- Liebig-Universität klafft eine große Lücke im Etat. Laut Kanzlerin Kraus fehlt eine Summe im sechs- stelligen Bereich. Jetzt muss gespart werden. Und das geht vor allem auf Kosten der Mitarbeiter, deren Stellen zusammengestrichen werden.

Es geht hier nicht um Peanuts«, sagt Susanne Kraus, Kanzlerin und Haushaltsbeauftragte der Justus-Liebig-Universität (JLU). Da die veranschlagten Ausgaben des Fachbereichs 03, Sozial- und Kulturwissenschaften, dessen Budget um mindestens einen sechsstelligen Betrag übersteigen, müssen jetzt Sparmaßnahmen umgesetzt werden. Die Folge der Finanzmisere: Wissenschaftlichen Mitarbeitern werden die Stellen gekürzt. Dies dürfte an dem Fachbereich, an dem es schon jetzt ein hohes Maß an Lehraufträgen gibt, nicht ohne Auswirkungen auf die Qualität der Lehre bleiben.

Bei einer Krisensitzung mit Tobias Cepok, dem Hochschulpolitischen Sprecher der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), haben 16 wissenschaftliche Mitarbeiter, die befürchten müssen, von den Stellenkürzungen betroffen zu sein, ihre Wut zum Ausdruck gebracht. Denn die drohende Reduzierung von 100- Prozent- auf 50-Prozent-Stellen bedeute für sie etwa 2000 Euro brutto im Monat weniger und stelle sie daher vor große private Probleme. »Bei manchen gerät die komplette finanzielle Versorgung der Familie ins Wanken«, berichtet Cepok. Ähnlich schwer wirken sich die Stellenkürzungen auf die berufliche Karriere aus. Denn die Wissenschaftler haben ihre Forschungsvorhaben teilweise so geplant, dass sie nur mit einer 100-Prozent-Stelle zu verwirklichen seien, teilt Cepok mit.

Die Mitarbeiter fragen sich nun, wie das Problem überhaupt entstanden ist: Hat das Dekanat schlecht gewirtschaftet? Warum wurde nicht früher gegengesteuert, obwohl Kanzlerin Kraus in einer Fragestunde des Präsidiums erklärte, dass das Defizit schon in »zwei, drei Budget-Gesprächen Thema« war? Und wer trägt die Verantwortung für die Misswirtschaft?

Kraus erklärt dazu, dass die problematische Lage am Fachbereich 03 mit der Gesamtfinanzierung der JLU zusammen hänge. »Die Finanzen der JLU haben sich im Rahmen des letzten Hochschulpaktes nicht wie erwartet entwickelt; gleichzeitig sind die Ausgaben gestiegen«, so die Kanzlerin. Weniger Geld für die Universität bedeute aber auch weniger Geld für die Fachbereiche. Die Bund-Länder-Vereinbarung, auf die sich Kraus bezieht, betraf den Zeitraum von 2016 bis 2020. Bis 2020 hätten die Fachbereiche noch Rücklagen gehabt, aus denen dieses Finanzdefizit kurzzeitig aufgefangen werden konnte. Langfristig mussten die Fachbereiche ihre Stellen- und Finanzpläne aber anpassen, erklärt Kraus. Das sei am Fachbereich 03 bis heute jedoch nicht in ausreichendem Umfang geschehen.

Kraus bestätigte gegenüber der GAZ, dass es um Einsparungsnotwendigkeiten geht, die kurzfristig nicht alleine durch Stellenkürzungen erreicht werden können. Dem Vernehmen nach stehen Ausgabensenkungen von 300 000 Euro im Jahr 2022 und von 700 000 Euro im Jahr 2023 im Raum. Kraus sagt: »Wir müssen, nachdem der Fachbereich einen neuen Stellenplan aufgestellt hat, zusammen weiterüberlegen, wie wir das Problem lösen.« In einer Fachbereichsratssitzung war am Mittwoch dem Vernehmen nach sogar von einem Defizit in Millionenhöhe die Rede. Dort sollen auch weitere Einsparmaßnahmen vorgestellt worden sein. So sei aufgeführt worden, dass es die von der JLU in Aussicht gestellten Corona-Vertragsverlängerungen für einige Beschäftigte nicht gebe, Fonds, die den Nachwuchs in der Forschung unterstützen, eingestellt würden, und eine Gastprofessur für das Sommersemester gestrichen werde.

Auch am Fachbereich 04, Geschichts- und Kulturwissenschaften, sei eine Unterdeckung aufgetreten, die aber nicht mit dem Problem am Fachbereich 03 vergleichbar sei. »Der Fachbereich 04 hat seine Hausaufgaben gemacht und den Stellenplan bereits angepasst«, sagt Kraus. Aber die Geschichts- und Kulturwissenschaften bestehen aus vielen kleinen Fächern. In dem Fachbereich könne man deswegen nur schwer Stellen kürzen, ohne ein Fach zu streichen. Dekanat und Präsidium haben deshalb verabredet, sich die bestehenden Strukturen näher anzuschauen, um über weitere Schritte gemeinsam zu entscheiden.

Betroffene fordern Aufklärung

Die Dekanate, die ihre Personalpläne frühzeitig angepasst hatten, hatten die Möglichkeit, Mitarbeiter langfristig darauf vorzubereiten, dass weniger Geld zur Verfügung steht. Für einige der betroffenen Mitarbeiter des Fachbereichs 03, deren Veträge jetzt zum Teil im laufenden Semester auslaufen, kommt die Stellenkürzung indes völlig unerwartet. Um diesen Mitarbeitern mehr Zeit zu verschaffen, fordert die GEW, die Sparmaßnahmen auf fünf Jahre zu strecken. »Langfristig brauchen wir aber vor allem ein demokratisches System an den Fachbereichen, das so eine Situation verhindert«, sagt Gewerkschafter Cepok. Außerdem wollen die Mitarbeiter wissen, warum das Dekanat des Fachbereiches 03 seine Pläne im Gegensatz zu anderen Fachbereichen nicht bereits angepasst hatte. Cepok sagt: »Wir fordern deswegen, dass der Fachbereich sämtliche Zahlen offenlegt und genau erklärt, wie diese Situation entstanden ist.«

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