Jüdische Braukunst 42 Stolpersteine verlegt

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Eine moderne Brauerei, Textilfabrik, das erste Kaufhaus und großen Anteil an der Gründung der SPD – Alsfelder jüdischen Glaubens haben sich in die Geschichte eingeschrieben. Auf den Spuren der Wallachs, Spiers und Baers vom Judengässchen bis zum Strauß-Haus wanderten nun Geschichtsinteressierte mit Daniela Eichelberger.

Im Plauderton erinnerte die Stadtführerin gezielt an die jüdischen Alsfelder, die seit dem 13. Jahrhundert das Leben in der Stadt an der Schwalm mit geprägt haben. Der Rundgang wurde ermöglicht durch eine Förderung aus dem Bundesprogramm "Demokratie leben". Ausgangspunkt des Rundgangs war das Burggässchen, früher "Judengässchen". Dort, nahe dem Grabbrunnen, lebten wohl schon im 13. Jahrhundert jüdische Händler. In einem Haus ist ein privates Ritualbad erhalten, wenn auch zugeschüttet. Es diente Frauen nach der Menstruation und Männern nach "unkoscheren" Aktivitäten zur Reinigung.

An der Gasse Am Judenbad lag ab 1826 die Mikwe der Religionsgemeinde in einem kleinen Häuschen. Wenige Meter entfernt, in der Metzgergasse, ist das Gebäude der alten Synagoge erhalten. 70 Plätze hatte der Betsaal, der von 1830 bis 1905 genutzt wurde. Eichelberger erinnerte an die vielen jüdischen Geschäftsleute der Kleinstadt. So handelten sie einst besonders in der Untergasse und der Mainzer Gasse mit Maßbekleidung, Bettfedern, Spirituosen, Fleisch, Lederwaren, Schuhen und Lebensmitteln. Ein besonderer Laden war das Kaufhaus der Familie Baer, das Erste seiner Art in Alsfeld. Es befand sich in dem Haus Untergasse 2-4. An dem ehemaligen Haus von Markus Strauss am Rossmarkt erinnert ein in Stein gemeißelter afrikanischer Laufvogel an den stolzen Hausbauer. Eichelberger nannte auch Samuel Spier, der Mitte des 19. Jahrhunderts zu den Gründervätern der Sozialdemokratie gehörte. In Alsfeld ist eine Gasse am Märchenhaus nach dem engagierten Pädagogen benannt. Wenige Schritte entfernt lebte im Minnigerode-Haus (Regionalmuseum) die Familie Wallach, eine der bedeutendsten Dynastien der Stadt. Feist Wallach zog 1840 von Ottrau in die Stadt mit ihren großen Märkten. Der Likörhändler kaufte 1853 der Stadt die Braurechte ab und schuf die Alsfelder Brauerei. Mitglieder der Familie gründeten eine Ziegelei und ein Sägewerk mit Holzhandel. Im benachbarten Neurath-Haus wohnte die Viehhändler-Familie Lorsch. Gustav Lorsch wurde mit seinen Söhnen Arno (14) und Norbert (15) 1942 deportiert und ermordet. An sie erinnern Stolpersteine, die vor dem Haus verlegt wurden. Eichelberger erzählte auch von einem Viehhändler in der Untergasse – auch er überlebte nicht. Mit einem Bild der einst prächtigen Synagoge wartete sie in der Lutherstraße auf. 1905 wurde das im orientalischen Stil errichtete Gotteshaus eröffnet. Es war Zentrum des Gemeindelebens bis zur Pogromnacht 1938, als es verwüstet und teilweise angezündet wurde. Später übernahm eine regionale Bank das Gebäude mit Verweis auf Schulden und riss einen Teil ab. Heute erinnert eine Gedenkplatte an die bewegte Geschichte. 42 Stolpersteine erinnern seit sechs Jahren an ebenso viele getötete Alsfelder Juden. Vor Häusern in der Kernstadt, vor allem in der Altstadt, sind die quadratischen Messingplättchen mit den Namen der Getöteten zu erkennen. Die Aktion des Fördervereins zur Geschichte des Judentums im Vogelsberg beruht auf Recherchen von Lokalforscher Heinrich Dittmar.

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