Kommentar von Landwirten an der Bundesstraße bei Ober-Gleen zum Agrarpaket von Ministerin Julia Klöckner.
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Kommentar von Landwirten an der Bundesstraße bei Ober-Gleen zum Agrarpaket von Ministerin Julia Klöckner.

Sorge: Höfe sterben noch schneller

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Die Kreuze sind ernst gemeint, der ironische Dank an "Julia" nicht. Mit großen Transparenten an Straßen protestieren Landwirte gegen das Agrarpaket aus dem Haus von Ministerin Julia Klöckner. Zum Schutz von Insekten sollen breite Uferstreifen und die rund um den Hoherodskopf verbreiteten Vogelschutzgebiete künftig frei von Spritzmitteln werden.

Das hört Volker Lein immer häufiger, wenn er bei Berufskollegen herumfragt: "Ich höre auf." Der Vorsitzende des Kreisbauernverbands und Vizechef des Landesverbands ist frustriert, die Verzweiflung unter den Landwirten sei groß. Dazu trage nun noch das neue Agrarpaket von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner bei, das zum Schutz von Insekten breitere Schutzstreifen an Bächen und ein Verbot von Herbiziden in FFH- und Vogelschutzgebieten vorsieht. Damit fallen große Flächen aus der landwirtschaftlichen Bearbeitung heraus, wie Lein erläutert. Das zwinge viele Bauern zum Aufgeben, ist er überzeugt.

Deshalb hat sich der Kreisbauernverband der Aktion "Grüne Kreuze" angeschlossen. An der Autobahn 5 nahe Romrod sowie bei Ober-Gleen und Ilbeshausen mahnen Kreuze, sich des Wertes der Landwirtschaft für die Region bewusst zu werden. Das wird auch von Naturschützern so gesehen. So betont Dr. Berthold Langenhorst vom NABU Hessen, der sagt, wie wichtig kleine und mittlere Höfe für den Erhalt einer abwechslungsreichen Kulturlandschaft sind. Kommunen, Landwirte und Naturschützer gehörten an einen Tisch: "Es geht nur, wenn man einen gemeinsamen Weg geht."

Die gemeinsame Suche nach einem tragfähigen Kompromiss vermisst Landwirtevertreter Lein im Agrarpaket. Klöckner habe ihre Vorschläge ohne Abstimmung mit den Berufsverbänden erstellt, nun müsse man versuchen, die Folgen abzumildern.

Ziel des Agrarpakets ist es laut Lein, mit mehreren Maßnahmen mehr Raum für Insekten zu schaffen. So soll Glyphosat nach und nach verschwinden und ein Streifen von zehn Metern soll an Bächen frei von Pflanzenschutzmitteln bleiben. Bislang gilt in Hessen ein Vier-Meter-Streifen, doch dabei ist strittig, ob ein Entwässerungsgraben als Fließgewässer gilt.

Bei zehn Meter breiten Ufern würden große Flächen aus der Nutzung herausfallen. Ein Zusatzproblem seien invasive Pflanzen wie der Riesenbärenklau, die nicht bekämpft werden könnten.

Gerade im Vogelsbergkreis sei auch das von Klöckner geforderte Verbot von Herbiziden und Insektiziden in Schutzgebieten kritisch zu betrachten, wie Lein sagt. So seien 6400 Hektar landwirtschaftliche Fläche und fast 7000 Hektar Wald als FFH-Gebiet ausgewiesen. Stattliche 37 Prozent des Kreisgebiets sind Vogelschutzgebiet, wie Stefanie Becker ergänzt. Das sind rund 55 000 Hektar, sagt die KBV-Geschäftsführerin. Im Forst dürften zudem gegen Borkenkäfer keine Spritzmittel eingesetzt werden.

Ein Grundproblem ist, wie gerade die kleinen und mittleren Betriebe überleben können, wenn sie höhere Auflagen verkraften müssen, aber zu wenig für ihre Produkte erlösen. Ökolandbau scheine da kein Ausweg zu sein. "Ich befürchte eine Zwangsökologisierung", nennt das Volker Lein. Doch die Zahl der Verbraucher, die bereit sind, höhere Preise für Ökoprodukte zu zahlen, ist immer noch sehr begrenzt. "Bei den meisten Verbrauchern heißt es noch immer, Geiz ist geil." Das habe auch ein Discounter erfahren, der einige Monate lang Fleisch verkaufte, das unter verbesserten Haltungsbedingungen für die Tiere entstanden ist. Lein fürchtet, dass einfach billigere Produkte importiert werden. "Das hilft der Natur auch nicht."

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