Zeitzeugin des Kriegsendes in Homberg: Margarethe Born. FOTOS: JOL
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Zeitzeugin des Kriegsendes in Homberg: Margarethe Born. FOTOS: JOL

Der Sommer des Neuanfangs

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Die Erinnerung an Kriegsnächte in einer Schein- werferstellung und eine abenteuerliche Flucht durch den Vogelsberg sind nach Jahrzehnten noch sehr lebendig. Margarethe Born ist 93 Jahre alt und eine der wenigen Zeitzeuginnen der Ereignisse vor 75 Jahren in Homberg.

Sie erlebte die letzten Tage des "Dritten Reiches" in einer Scheinwerferstellung bei Groß-Gerau mit und war wenig später beim Einzug der US-Armee in Homberg dabei. Margarethe Born, besser bekannt als Gretel, war 1945 gerade einmal 18 Jahre alt. Ihre Erinnerungen runden die Schilderungen zum Kriegsende in der Ohmstadt ab, die vor Kurzem in der Alsfelder Allgemeinen Zeitung erschienen sind.

Ihr Vater war jung gestorben und bei Kriegsausbruch 1939 stand die Mutter alleine mit den beiden Töchtern da. Die drei mussten mit viel Disziplin gemeinsam anpacken, um die Bäckerei Schepp, wie sie damals hieß, am Leben zu halten. "Damals gab es die Bäckerei Wolf und uns". Erst nach und nach wurden die Backhäuser in den Dörfern wieder angeheizt und die Bewohner versorgten sich selbst mit Backwaren.

Mit einem französischen Zwangsarbeiter hielt die kleine Familie den Betrieb am laufen. Doch im Februar 1944 wurde die nun 17-Jährige doch noch Teil der Kriegsmaschinerie: "Wir waren wohl dem Homberger Regime ein Dorn im Auge." Sie wurde trotz Protesten zum sogenannten Reichsarbeitsdienst (RAD) eingezogen. Die Männer im waffenfähigen Alter standen da schon lange an der Front, nun wurden auch 15-jährige Jungen und die Großvater-Generation ins Feuer geschickt.

Dafür rückten Mädchen in den Stellungen des Heimatschutzes nach. Gerne ist Gretel Schepp nicht zum Arbeitsdienst gegangen. "Ich habe meine Pflicht getan, das war ich so gewohnt, aber ich war nicht freiwillig dort". Sie erlebte ihren 18. Geburtstag in Südhessen und hatte Glück im Unglück. Zunächst arbeitete sie bei einem großen landwirtschaftlichen Betrieb Seite an Seite mit zwei jungen Russinnen, zwei Belgiern und zwei jungen Leuten aus der Umgebung.

Einige Wochen später wurde sie in den Kriegshilfsdienst übernommen. Nach einer Kurzausbildung in einer Luftwaffeneinheit in Ginsheim übernahmen Gretel und zehn weitere Mädchen eine Scheinwerferstellung. Die 18-Jährige bekam Schießunterricht und eine Pistole.

Etwa 100 Meter entfernt von ihrer Baracke war eine Gruppe russischer Kriegsgefangener untergebracht.

Sie erinnert sich noch, dass Bewacher jede Nacht extra Patrouille vor ihrer Stellung gelaufen sind. Tagsüber hoben die Mädchen Schützengräben aus. Nachts waren sie abwechselnd im Einsatz, um bei Bedarf mit dem Scheinwerfer den Himmel für die Artillerie auszuleuchten. Da sie nur einen kleinen Scheinwerfer hatten, "haben wir kein einziges Mal geleuchtet". Die Angst war immer dabei, "jede Nacht Flieger am Himmel". Im Februar 1945 rückte die US-Armee immer näher und die 180 jungen Frauen aus ganz Hessen zogen sich zurück.

Über Mörfelden marschierten sie nach Birstein. Das war nahe der Heimat, Gretel hat nach eigenen Worten innerlich gejubelt, sie wollte nur zurück zu Mutter und Schwester." Bei einem Fliegerangriff in Birstein fasste sie den Entschluss, mit einer Kameradin aus Homberg zu flüchten. Zu Fuß gelangten sie bis Hartmannshain und stellten fest, dass der Bahnhof zerbombt war. An der Straße hielten sie einen Lkw an, um nach Lauterbach zu gelangen: "Der Fahrer hat uns zwischen den Brettern auf der Ladefläche versteckt. Das war ein Glück, denn wir wurden von den Kettenhunden angehalten, die nach Wehrmachtsflüchtlingen suchten", erinnert sich die 93-Jährige an eine Kontrolle. Mit dem Zug kamen sie nach Alsfeld und liefen die Strecke nach Homberg.

Kurz vor Ostern kamen sie und ihre Kameradin in der Heimatstadt an, Mutter und Schwester "waren selig". Wenig später, am 29. März, zogen US-Truppen in die Ohmstadt ein. Manche Homberger flüchteten sich in das Brauhaus. Gretel, ihre Mutter und die Schwester Waltraud zogen lediglich die Rollläden herunter und warteten ab.

Eine Gruppe junger Niederländer, die als Zwangsarbeiter im Basaltsteinbruch Nieder-Ofleiden gearbeitet hatten, standen jubelnd am Straßenrand und begrüßten die Soldaten. "Ich habe geheult", erinnert sich Gretel Born, sie hatte das Gefühl, zu den Verlierern des Krieges zu gehören. Jedenfalls war der Zweite Weltkrieg für sie vorüber.

Einige Tage später haben die drei Frauen wieder angefangen zu backen. Ehemalige Soldaten, die sich dem Kriegsgefangenenlager entziehen wollten, arbeiteten tageweise im Betrieb mit.

Ein Jahr lang hat der Alsfelder Bäcker Rahn die Backstube auf Vordermann gebracht. Doch es war hart, die Bevölkerung war arm und buk selber Brot. "Der Sommer 1945 war geprägt von viel Arbeit- Wir mussten sehen, dass wir wieder Umsatz machten und Kunden gewinnen." Sie fuhr mit dem Patenonkel über die Dörfer, um die Backwaren anzupreisen. Ende 1947 wurde es dann besser, als sie ihren späteren Mann Karl kennenlernte. Er hatte bereits einen Betrieb in Grünberg und sich einen Kundenstamm aufgebaut.

Was sie außer dem Geschäft sonst noch in diesem Sommer damals bewegte? Das gleiche wie so viele: "Heiraten, Kinder kriegen und aufbauen, aufbauen, aufbauen".

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