Der undatierte Dorfplan nach Karl Erb zeigt, dass im 19. Jahrhundert zwar schon die Vogelsbergbahn und die Ohmtalbahn bestehen, das die beiden Nieder-Gemündener Ortsteile aber nur wenige Häuser aufweisen. FOTOS: PM
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Der undatierte Dorfplan nach Karl Erb zeigt, dass im 19. Jahrhundert zwar schon die Vogelsbergbahn und die Ohmtalbahn bestehen, das die beiden Nieder-Gemündener Ortsteile aber nur wenige Häuser aufweisen. FOTOS: PM

Siedlung an der Kreuzung

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Schon Bonifatius könnte durch Nieder-Gemünden gelaufen sein. Denn die Siedlung liegt seit dem frühen Mittelalter an einer bedeutenden Wegkreuzung. In diesem Jahr steht die 1250-Jahr-Feier an und ist Anlass zu Rück- und Ausblick. Begonnen wird im ersten Teil mit Hinweisen auf die Frühgeschichte bis hin zur ersten urkund- lichen Erwähnung.

Nieder-Gemünden liegt im Schnittpunkt zweier Täler, deren Flussläufe Markierungsmerkmale für die Besiedlung waren. Funde aus der Altsteinzeit sind selten, hingegen sind Funde aus der Jungsteinzeit öfters vorhanden, sodass auf eine erste Ansiedlung geschlossen werden kann. Der Beginn der Jungsteinzeit ist für Mitteleuropa mit etwa 5000 vor Christi anzusetzen.

Mit Sicherheit ist eine Besiedlung für die Bronzezeit (2200 bis 800 v. Chr.) nachgewiesen. Ein dichter Gürtel von Hügelgräbern um das Mündungskreuz von Felda und Ohm sowie dem Örtenröder Wässerchen zeigt das an.

Keltische Fluss- und Flurnamen weisen auf die Volksgruppe der Kelten hin (450 v. Chr. bis Christi Geburt). Weil sich das Besiedlungsgebiet der Chatten von Fritzlar im Norden bis Gießen und Marburg zog und Flurnamen auf die chattische Götterverehrung hinweisen, ist nicht auszuschließen, dass auch Chatten in der Vorgeschichte Nieder-Gemündens sesshaft waren. Zeitlich einordnen lässt sich diese Epoche um die christliche Zeitenwende.

Mit der Zeitenwende nähert sich der Zeitpunkt, wo aus der Vorgeschichte Historie und Geschichte für Nieder-Gemünden wurde. Eine erste Quelle berichtet von einem Dorf namens Gemunden, es ist anzunehmen, dass auch schon Straßen durch die Gemarkung führten. Ein alter Vicinalweg von Homberg kommend traf dort auf die Straße, die im späten Mittelalter (1300-1500 n. Chr.) den Namen Burg-Gemunder Straße führte und eine bedeutende Nord-Süd-Verbindung darstellte.

So wird auch das Straßenkreuz bei Nieder-Gemünden bestimmend für die Bedeutung des Ortes im frühen Mittelalter (500 bis 1000 n. Chr.) und seine damit verbundene erste urkundliche Erwähnung in der Karolingerzeit gewesen sein. In diese Zeit fallen unter anderem Karl der Große, der 800 die Kaiserwürde erlangte. Auch Bonifatius (673-754 oder 755) passt in diese Zeit, er ist im Dom in Fulda bestattet. Vielleicht war Bonifatius auch mal in der Gegend von Gemünden, denn von der Amöneburg kommend verbreitete er das Christentum. Vielleicht dürfte Bonifatius auf dem heute sogenannten Pilgerpfad gewandert sein, sicher ist jedoch, nach ihm sind dort viele Pilger und Mönche auf dem Weg nach Fulda gewandert. Der Weg befindet sich 300 Meter nördlich der ehemaligen Nieder-Gemündener Gärtnerei in West-Ost-Richtung, der Flurname ist auch heute noch der "Pilgerpfad".

Graf übergibt Zegemunden

Und genau aus Fulda kommt die für das Dorf Nieder-Gemünden entscheidende Urkunde der Ersterwähnung. Die Urkunde wird heute im Staatsarchiv Marburg aufbewahrt. In dieser Urkunde übertragen Graf Arcgoz und seine Gemahlin Liubbirc den dritten Teil ihres Besitzes zu u. a. "Zegemunden". Die Urkunde schließt mit dem Zusatz, Graf Arcgoz übergibt in diesen Orten dem heiligen Bonifatius den dritten Teil seiner Güter mit allem Zubehör.

Diese Urkunde bedarf einiger Erläuterungen: Bei Graf Arcgoz dürfte es sich um einen Grafen des Oberlahngaues handeln. Die Urkunde selbst gehört zum Lahngaukartular den sogenannten Eberhardschen Summarien. Nach Wikipedia ist ein Kartular "eine Quelle, die die Texte von Urkunden in Abschriften" enthält.

Die zeitliche Fixierung ist von Historikern für die Zeit von 750 bis 779 angesetzt. Gutachten legen die Ersterwähnung in die Amtszeit des Abtes Sturmius († 17. 12. 779, Kloster Fulda). Es ist forschungsüblich, bei nicht datengenauer urkundlicher Ersterwähnung von Ortschaften, das Todesjahr des jeweiligen Abtes, in dessen Amtszeit eine Erstbenennung erfolgt ist, als Ersterwähnungsdatum heranzuziehen. Weil jedoch auch bereits 1970 offensichtlich eine entsprechende Stellungnahme nicht in der Altregistratur des Staatsarchivs Marburg zu finden war und das Hessische Innenministerium im Jubiläumsjahr anlässlich der 1200-Jahr-Feier die Freiherr-vom-Stein-Medaille genau aus diesem Grund verlieh, ist die nun anstehende 1250-Jahr-Feier eine logische Konsequenz.

Zur Einstimmung auf die im Laufe des Jahres anstehenden Feierlichkeiten wird diese Berichterstattung in den kommenden Wochen fortgesetzt. Erwarten darf der Leser hierzu Hintergründe und Informationen zur kirchlich-religiösen Entwicklung, der Wirtschaft, der Schule, der Verkehrswege und einiges andere: Mit anderen Worten: Nieder-Gemünden im Wandel der Jahrhunderte.

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