Bei einer Aktion auf Initiative des VdK zeigte sich: Das Aussteigen mit Rollator ist am Bahnsteig in Alsfeld schwierig. FOTO: JOL
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Bei einer Aktion auf Initiative des VdK zeigte sich: Das Aussteigen mit Rollator ist am Bahnsteig in Alsfeld schwierig. FOTO: JOL

Seit der Kaiserzeit nichts passiert

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Mit dem Rollstuhl in den Zug steigen - das ist auf der Vogelsbergbahn ein echtes Problem. So urteilt der Fahrgastverband Pro Bahn und widerspricht Verkehrsminister Al-Wazir. Die Bahn selbst sieht keine Probleme.

An der Vogelsbergbahn haben es Menschen mit Gehbehinderung schwer. Fast überall muss man eine 17 Zentimeter hohe Stufe in den Triebwagen überwinden. In Alsfeld kommt man nur über eine Treppe auf den Bahnsteig. Damit widerspricht der Fahrgastverband Pro Bahn Verkehrsminister Al-Wazir, der die Lage deutlich besser einschätzt. Pro Bahn verweist auf die vielen Stationen außerhalb des Ballungsraums, hier sei man auf "dem Stand von 1910 stehen geblieben."

Die Bahn weist die Vorwürfe zurück. Zugbegleiter würden Rolli-Fahrer über eine Rampe in die Fahrzeuge bringen. Der Nahverkehrsverbund RMV betont, man sei auf "einem langen, aber guten Weg".

Pro-Bahn-Vorsitzender Thomas Kraft geht es vor allem um die Erreichbarkeit von Zügen. Die meisten Bahnsteige weisen eine Stufe zum Einstieg in den Zug auf, den ein Rollstuhlfahrer oder Gehbehinderter kaum überwinden kann. Pro Bahn kritisiert die "Verschleierungstaktik" des Landes, wonach eine Stufe von bis zu 21 Zentimetern zwischen Bahnsteigkante und Fahrzeugtür als barrierefrei bezeichnet werde. Dies sei "ein gesellschaftlicher Sündenfall gegenüber den mobilitätseingeschränkten Menschen", sagt Kraft.

Die Lage auf den Stationen der Vogelsbergbahn sei so gut wie überall "miserabel". Die Bahnsteige im Vogelsbergkreis befinden sich außer in Alsfeld auf 26 oder 38 Zentimetern über der Schienenoberkante. Die Triebwagen der Hessischen Landesbahn haben den Einstieg auf 55 Zentimetern.

Am Halt in Nieder-Ohmen wurde 2019 die Oberfläche des Bahnsteigs saniert, jedoch keine Anhebung vorgenommen. "Im Fall von Mücke und Burg-/Nieder-Gemünden ist gefühlt seit der Kaiserzeit nichts verändert worden." In Ehringshausen stimme die Einstiegshöhe ebenso wenig wie in Zell/Romrod. Positiv ist für Kraft, dass die Bahnsteige meist ohne Treppe erreicht werden. Die Station in Lauterbach biete einen traurigen Anblick und stehe in der Ausbauliste von 2011. Kraft hat gehört, auf den Ausbau hätten sich Stadt, DB Netz und Land geeinigt. Die einzig erneuerte Station an der Vogelsbergbahn befindet sich in Grünberg mit zwei Bahnsteigen auf der Höhe von 55 Zentimetern.

Der Fahrplan der Vogelsbergbahn ist so eng getaktet, dass es für Fahrer oder Zugbegleiter knapp wird, auszusteigen und eine Rampe herauszuschieben, damit ein Rollstuhl hineingelangt.

Kraft sagt, in Hessen seien auf vielen Strecken Triebwagen mit 55 Zentimetern Einstieghöhe unterwegs, die Bahnsteige seien aber oft 76 Zentimeter hoch. "Das ist nicht barrierefrei." Hessen nehme hier eine traurige Sonderrolle ein, weil der Verkehrsverbund RMV aus Sparsamkeitsgründen die niedrigeren 55-Zentimeter-Triebwagen beschafft habe, man aber im Rhein-Main-Gebiet höhere Bahnsteige baue.

Eine Sprecherin der Bahn verweist darauf, dass die Bahnsteige der Vogelsbergbahn überwiegend barrierefrei zu erreichen seien. Das könne man über die Website www.bahnhof.de/bahnhof-de prüfen. Unter "Bahnhofssuche" könne man die gewünschte Station finden.

In Alsfeld ist laut Bahn ein größeres Projekt zur Modernisierung des Bahnhofs geplant, das auch den Einbau eines Aufzugs umfasst. Dazu gebe es aber noch keine Details.

Damit Rollstuhlfahrer in den Triebwagen einsteigen können, werden Einstiegshilfen wie Hublifte oder mobile Rampen eingesetzt. "Mobilitätseingeschränkte Reisende, die eine Stufe zwischen Zug und Bahnsteig nicht allein bewältigen können, melden sich beim Zugpersonal, das dann die mobile Rampe bereitstellt", so die Bahnsprecherin.

Ein Sprecher des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV) verweist darauf, dass die Stationen im Eigentum der Deutschen Bahn sind. Der RMV dränge darauf, dass Stationen modernisiert und barrierefrei ausgebaut werden. Nirgends in Deutschland gebe es so viele von der Allianz pro Schiene als Bahnhof des Jahres prämierte Stationen wie im RMV-Gebiet. Fahrzeuge mit Einstiegshöhe 55 Zentimeter eigneten sich für niedrigere Bahnsteige wie auf der Vogelsbergbahn. Teilweise mit Rampen können mobilitätseingeschränkte Reisende an 17 der 20 Bahnhöfe einsteigen. Alle Züge würden von einem Kundenbetreuer begleitet, das sei bundesweit nicht selbstverständlich.

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