Bewerber zur Kommunalwahl 2021 für den Ortsbeirat (v. l.) Tobias Fiedler, Anna Mariella Nuhn, Martin Müller, Simon Scheer, Eva Raitz und Jolande Becker. FOTO: RS
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Bewerber zur Kommunalwahl 2021 für den Ortsbeirat (v. l.) Tobias Fiedler, Anna Mariella Nuhn, Martin Müller, Simon Scheer, Eva Raitz und Jolande Becker. FOTO: RS

Sechs für das Dorf

  • Rolf Schwickert
    vonRolf Schwickert
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Erst wenn etwas nicht mehr da ist, merkt man, wie wichtig es ist. Seit 2016 gibt es in Nieder-Gemünden, Bobenhausen, Otterbach und Gontershausen keinen Ortsbeirat. So müssen sich Bürger gleich ans Rathaus wenden. Das soll sich bei der Kommunalwahl im März ändern, es werden wieder Ortsbeiräte gewählt. Ein Beispiel aus Nieder-Gemünden.

Es ist in der kommunalpolitischen Hierarchie die unterste Position: Mitglied im Ortsbeirat. Aber wer die Arbeit dort kennt, weiß sie zu schätzen. So war Norbert Kartmann (CDU) von 1993 bis 2011 Ortsvorsteher in Nieder-Weisel. Damals hatte der Stadtteil von Butzbach zwischen 2000 und 2500 Einwohner, und der Ortsvorsteher war kein geringerer als der dienstälteste Landtagspräsident Deutschlands. Ein Spitzenpolitiker des Landes als Ortsvorsteher - das zeigt den Stellenwert.

In Nieder-Gemünden war Rene Michel der letzte Ortsvorsteher bis 2016. Er hatte das Amt für eine Legislaturperiode von Norbert Fischer übernommen, der dem Gremium 18 Jahre angehörte, dabei zwei Legislaturperioden als Ortsvorsteher. In die Amtszeit von Michel gehört die völlige Umgestaltung des Komplexes Dorfgemeinschaftshaus mit Feuerwehrgerätehaus sowie die Ergänzung des Kinderspielplatzes. Bei der Kommunalwahl wird jetzt wieder ein Ortsbeirat gewählt. Jedenfalls wurde kürzlich eine Liste mit sechs Bewerbern gewählt, fünf sind nur nötig, weil das Gremium fünf Sitze hat. Alle weiteren Bewerber sind allerdings für den Fall, dass ein Mitglied ausscheidet, von Bedeutung, weil es dann in der Reihenfolge der Liste nach der Wahl nachrücken kann.

Jolande Becker hatte den Anstoß zur Aufstellung der Liste für den Ortsbeirat im Ortsbezirk Nieder-Gemünden gegeben. Sie holte das ehemalige Ortsbeiratsmitglied Martin Müller ins Boot, und so war der Stein ins Rollen gekommen. 14 Personen waren jetzt bei der Listenaufstellung stimmberechtigt.

Junges Team steht zur Wahl

Das ist schon auffällig: Das erst kürzlich 50 Jahre alt gewordene ehemalige Mitglied im Ortsbeirat Müller ist der Senior unter den Bewerbern. Das andere Ende der Altersskala besetzt Anna Mariell Nuhn, die noch 17 Jahre alt ist, aber noch rechtzeitig zur neuen Legislaturperiode die Volljährigkeit erreicht. Sie hat am Wahltag Geburtstag.

Was gibt den Anstoß, dass sich Bürger für die Wahl zum Ortsbeirat bewerben? Initiatorin Jolande Becker ist 36 Jahre alt und hat festgestellt, "dass der Weg zur Gemeinde fehlt". Zwar sei das Rathaus im Ort angesiedelt, aber dort hin zu gehen, sei nicht jedermanns Sache. Einfacher sei es für Mitglieder des Ortsbeirates Themen auf der Straße oder in Vereinen aufzugreifen und in die kommunalpolitische Diskussion einzubringen. Martin Müller (50) hat sich mit Jolande Becker zusammengetan, "weil man wieder was für das Dorf bewegen muss". Müller ist in Vereinen aktiv, unter anderem sportlicher Leiter beim TSV und hat bereits Erfahrung im Ortsbeirat gesammelt.

Eva Raitz (36) war sofort begeistert über den Vorschlag und dass sich weitere Bewerber fanden. Denn aus ihrer Sicht sollte man sich für seinen Wohnort einsetzen. Als Einzelner könne man mal Anregungen geben, aber ein Ortsbeirat habe mehr Gewicht und könne immer wieder nachfassen, bis etwas passiere. Als Themen sieht sie den Zustand von Bürgersteigen, Beleuchtung und Fußgängerüberwege. Anna Mariell Nuhn (noch 17) war zwei Amtszeiten im Kreisjugendparlament, hat also schon Erfahrung mit der Arbeit in und mit demokratischen Instanzen, unter anderem Einblick in den Kreistag erhalten.

Simon Scheer (33) ist in allen Vereinen aktiv und bittet um Anregungen aus der Dorfbevölkerung. Insbesondere die Ausgestaltung der verschobenen 1250-Jahr-Feier sei eine Aufgabe auch für den Ortsbeirat. Tobias Fiedler (30) stammt aus Elpenrod, ist wegen seiner Frau nach Nieder-Gemünden gezogen. Früher war er Vorsitzender der örtlichen Jugendgruppe, ist jetzt als Fußballer und beim Club alte Kameraden aktiv.

Mehr Bewerber als Sitze im Ortsbeirat

Bei der Abstimmung über die Vorschlagsliste gab es 14 Ja-Stimmen, ohne dass die Reihenfolge verändert worden wäre. So wie es aussieht, hat Nieder-Gemünden ab dem 1. April kommenden Jahres wieder einen Ortsbeirat. Er ist in allen wichtigen Dingen zu hören, etwa zum Haushalt, und wichtig sind beispielsweise seine Stellungnahmen zur Entwicklung am Bahnhof und dessen Umfeld. Zudem soll 2021 das große Jubiläum des Dorfes nachgeholt werde;

Auf der Liste der Wählergruppe Ortsgemeinschaft Nieder-Gemünden sind sechs Bewerber in der Reihenfolge Jolande Becker, Martin Müller, Eva Raitz, Anna Mariella Nuhn, Simon Scheer und Tobias Fiedler. Fünf werden am 14. März in den Ortsbeirat gewählt, und der sechste kann bei Bedarf nachrücken. Kann keiner mehr nachrücken, verkleinert sich der Ortsbeirat bis auf drei Personen, kleiner ist er nicht mehr arbeitsfähig und gilt als aufgelöst.

Die engagierten jungen Nieder-Gemündener gingen nach Sitzungsende gleich ein weiteres Problem an: Sie werden sich als Wahlhelfer melden. Denn die werden seit Jahren händeringend gesucht.

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