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Projektion eine Teilstücks der neuen Autobahn. FOTO: DEGES

Weiterbau der A 49

Im schlimmsten Fall Grundwasserverseuchung

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Kann das wirklich jemand verantworten? Sauberes Grundwasser gehört zu den Grundrechten unseres Daseins, für das wir im Notfall bis aufs Äußerste kämpfen müssen. Informationen über die Gefährdung des Wassers ließen mir kürzlich bei einem der Sonntagsspaziergänge im Dannenröder Wald das Blut in den Adern gefrieren.

Wachstum fordert unerbittlich und ohne Rücksicht ein immer mehr und immer schneller. Wie fragil natürliche Systeme auf Veränderungen durch Menschenhand reagieren, ist wissenschaftlich bewiesen. Für Menschen, die sich diesem "Wachstumsmuss" verschrieben haben, ist der Weiterbau der A 49 bis zur A 5 nicht mehr diskutierbar.

Ich möchte mit meinem Beitrag die Problematik einer nachhaltigen und unter Umständen irreversiblen Beeinträchtigung der Grundwasserverhältnisse beleuchten. Wider besseren Wissens ignoriert und schweigt man eine massive Gefährdung des Grundwassers durch die geplante Fertigstellung der A 49-Trasse tot. Ich empfinde das als kriminelles Vorgehen.

Was die EU-Wasserrahmenrichtlinie angeht, stellt der Bau der A 49 ein erhebliches Risiko für die Trinkwasserversorgung dar. Nach Aussagen von Dr. Dennhöfer versorgt der Zweckverband Mittelhessischer Wasserwerke (ZMW) neben einer halben Million Menschen in Mittelhessen auch Menschen im Rhein/Maingebiet mit mehr als 3,5 Millionen Kubikmeter Wasser, eine Erhöhung auf fünf Millionen steht im Raum. Mehr als elf Millionen Kubikmeter förderte der ZMW vom Grundwasserkörper in Stadtallendorf in den Jahren 2017/18 für die Menschen vor Ort. Von Stadtallendorf verläuft die geplante Trasse der A 49 bis zur Anschlussstelle A 5 komplett im Wasserschutzgebiet, davon teilweise in der Wasserschutzzone II. Bei der geplanten Fertigstellung der A 49 würde an vielen Stellen in die tieferen Bodenschichten vorgedrungen, eine natürliche Schutz- und Filterwirkung würde durchlöchert.

Im Gleental verläuft eine Brunnengalerie des ZMW, die jetzt ausgebaut wird. An der Kirschbrücke nahe Niederklein ist eine Autobahnbrücke gigantischen Ausmaßes über das Gleental vorgesehen. Die Brückenpfeiler müssen wegen des lockeren Untergrundes im Auenbereich besonders tief verankert werden. Das Märchen vom Schutz der Trinkwasserschutzgebiete durch Überbauen derselben mittels Brücken wird dadurch entlarvt, dass die Pfeiler in den Schutzzonen 2 und 3a gründen. Laut Dr. Dennhöfer werden die Deckschichten des Grundwassers massiv beeinträchtigt, und aus einem größeren Einzugsbereich können Schadstoffe in die Förderbrunnen gelangen. Dieser zusammenhängende Grundwasserkörper wird gesicherten Angaben zufolge zu 76 Prozent genutzt. Mit Berücksichtigung der Trockenjahre 2018/19 haben wir seit 2003 kein meteorologisches Nassjahr mehr, das eine dringend notwendige Auffüllung der Grundwasservorräte erlauben würde.

Nimmt man das Abholzen intakter Wälder wie des Dannenröder Forstes und des Herrenwaldes, die beide unverzichtbare Wasserspeicher darstellen und Extremwetterlagen abpuffern, mit in dieses Szenario, ist dieses Grundwasserreservoir ohne Zweifel stark gefährdet.

Nach den Worten von Dr. Dennhöfer nutzt der ZMW Grundwasser im unmittelbaren Trassenbereich des Dannenröder Forstes. Manche dieser Brunnen nahe der Trasse stehen in Verbindung mit dem oberflächennahen Grundwasser. Unfälle beim Bau und dem Betrieb der Autobahn stellen ein hohes Gefährdungspotenzial für das Grundwasser dar. Zusätzlich liegt eine nicht überschaubare und sehr kritisch zu bewertende Gefahr in dem zwar sanierten, aber dennoch weiter kontaminierten Bereich im WASAG-Gelände (Westfälisch Anhaltische Sprengstoff AG).

Oberflächennahe Überwachungseinrichtungen erreichen nicht in der Tiefe liegende Brunnen. Umfangreiche Unterlagen zu Rüstungsaltlasten sind nicht öffentlich zugänglich, nur Teile eines Sanierungskonzeptes sind einsehbar. Gefahrenstoffe wie Trinitrotoluol sowie weitere stark gesundheitsschädliche Stoffe können ins Wasser gelangen. Im schlimmsten Fall stehen die Verbraucher vor einer üblen Grundwasserverseuchung größeren Ausmaßes.

Durch den geplanten Trassenbau der A 49 können grundwasserführende Schichten großflächig derart beeinflusst werden, dass sie mit genau diesen Giftstoffen kontaminiert werden.

Eine" black box" ist, wie sich die Störung von Deckschichten durch tiefe Brückenpfeiler auf die Grundwasserströmungen auswirken. Es ist ein Hohn und schmerzt tief, dass die DEGES den A 49-Ausbau mit dem selbstsicheren und wohlgefälligen Argument "Sicherung angemessener Standortqualitäten" rechtfertigt. Was meinen sie mit diesen großspurigen Worten? Interpretationsbedarf ist hier zwingend notwendig.

Damit nicht genug. Dr. Dennhöfer merkt weiter an, dass beim Bau einer Autobahn Inhaltsstoffe diverser Baustoffe über kurz oder lang in das umliegende Grundwasser gelangen, also ins Trinkwasser. Laut Fraunhofer-Institut ist der Reifenabrieb in Deutschland mit bis zu einem Drittel der größte Verursacher von Mikroplastik überhaupt. Über Böden, Grund- und Oberflächenwasser gelangen die Stoffe über die Nahrungskette in unseren Körper. Dazukommen mögliche Unfälle der Lkw-Kolonnen, die täglich wie Ameisen aneinandergereiht über die Autobahn rauschen, mit Unmengen Gefahrengut im Gepäck. Eine Vielzahl von chemischen Produkten stellt ein hohes Gefahrenpotezial für das Grundwasser dar. Als logischer Konsequenz daraus dürfen Lkw mit Gefahrengut den geplanten A 49-Abschnitt überhaupt nicht befahren. Wohin leitet man sie aber um?

Bereits ein Tropfen Öl verschmutzt bis zu 1000 Liter Wasser. Ein weiterer Aspekt der Beeinträchtigung des Grundwassers ist die großflächige Versiegelung durch Autobahnen. Hohe Verluste bei der Grundwasserneubildung sind die Folge. Bei einem zehn Kilometer langen Stück Autobahn mit einer Breite von 22 Metern gehen dem Grundwasser in unseren Breiten 66 Millionen Liter Wasser jährlich verloren. Es ist in der heutigen Zeit nicht verantwortbar, darauf zu verzichten. Jeder sollte ernsthaft und verantwortungsbewusst darüber nachdenken, in welche Waagschale er seine Stimme wirft und ob er die Gefährdung unseres Grundwassers unterstützt oder ob eine Verkehrswende, eine Wachstumsbegrenzung nicht die nachhaltigere Lösung für uns alle darstellt, besonders für zukünftige Generationen.

Christa Seim, Homberg-Maulbach

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