1981 als Lebensmittelmarkt erbaut, wurde die Halle an der Rodheimer Straße seit 1984 von Karstadt genutzt. Seit wenigen Tagen steht das "Schnäppchen- Center" leer. FOTO: SCHEPP
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1981 als Lebensmittelmarkt erbaut, wurde die Halle an der Rodheimer Straße seit 1984 von Karstadt genutzt. Seit wenigen Tagen steht das "Schnäppchen- Center" leer. FOTO: SCHEPP

Schließung trotz Erfolg

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Nach 16 Jahren hat der Karstadt-Konzern sein "Schnäppchen-Center" in der Weststadt geschlossen. Warum sei ein Rätsel, sagen Insider. Für das 14 000-Quadratmeter-Areal gibt es Interessenten. Wohnungen können dort nicht entstehen.

Vom "heißen Atem" im Nacken berichtete ein Zeitungsreporter: Der Ansturm war groß, als Karstadt im Januar 2004 sein "Schnäppchen-Center" in der Rodheimer Straße an der Stadtgrenze eröffnete. Zwar ist die Konkurrenz durch Outlet-Läden seitdem gewachsen. Doch die Umsätze seien immer gut geblieben, sagen Kenner. Umso rätselhafter sei es, dass der Konzern Galeria Karstadt Kaufhof den Markt mit 1800 Quadratmeter Verkaufsfläche im Zuge seiner aktuellen Schließungswelle aufgegeben hat. Am letzten Verkaufstag vergangene Woche kamen noch einmal zahlreiche Kunden.

Sie hofften nicht nur auf zusätzliche Rabatte, sondern nahmen auch Abschied von den insgesamt 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Nur vier davon waren direkt bei Karstadt angestellt, erfuhr die GAZ aus Kreisen des Personals. Die anderen kamen von Zeitarbeitsfirmen. Vor allem die Älteren hätten Sorge um ihre Zukunft; schließlich leide der Einzelhandel besonders unter der Corona-Krise.

Seit 1984 hatte Karstadt das Gebäude genutzt, das drei Jahre zuvor als Lebensmittelmarkt gebaut worden war. Die Coop-Gruppe eröffnete dort 1981 eine Filiale ihres Discount-Zweigs "Depot", ging aber Pleite. Karstadt richtete dort sein bundesweit zehntes "Teppichbodencenter" ein. Im Stammhaus am Seltersweg, dessen Anspruch "Alles unter einem Dach" an räumliche Grenzen stieß, gebe es nun mehr Platz für Orientteppiche, meldete die GAZ.

20 Jahre später zog sich das Warenhaus aus der Einrichtungsbranche zurück und setzte in der Weststadt auf den Spar-Trend. Im "Schnäppchen-Center" gab es preisreduzierte Ware; zum Großteil Kleidung, aber auch Spielzeug, Haushaltswaren und haltbare Lebensmittel.

Nun wurde das Schnäppchen-Center Opfer der Warenhäuser-Krise, die durch die Corona-Pandemie noch verschärft wurde. Im April suchte Galeria Karstadt Kaufhof Rettung in einem Schutzschirmverfahren, schloss zahlreiche Häuser, strich Tausende Jobs.

Ein langfristiger Leerstand droht an der Rodheimer Straße 116 wohl nicht. "Es gibt mehrere Interessenten, wir sind mittendrin in Gesprächen mit ihnen und mit der Stadt", erklärt Miteigentümer Stefan Sahl auf AAZ-Anfrage. Das insgesamt 14 000 Quadratmeter große Areal direkt am Gießener Autobahnring berge einige Tücken - vor allem zwei Strommasten mit Hochspannungsleitungen, die eine Wohnbebauung unmöglich machten.

Außerdem trennt ein Graben, der früher die Gummiinsel entwässerte, den bebauten Bereich von den Freiflächen. Zwar sei eine Aufteilung unter mehreren gewerblichen Mietern möglich, aber es sollten keine "Reststücke vom Kuchen" übrig bleiben; so Sahl.

Laut dem Immobilienunternehmer ist das Bestandsgebäude zwar optisch in traurigem Zustand, auch weil Karstadt seine Pflichten zur Pflege "wenig erfüllt" habe. Die Substanz scheine aber in Ordnung zu sein. Die Halle lasse sich vermutlich "ertüchtigen".

Freiflächen sind in Gießen gesucht

Auf dem hinteren Teil des Geländes sei ein kleinerer Neubau möglich, heißt es vom Immobilienunternehmer. Aber auch der Bedarf an Freiflächen wachse im räumlich beengten Gießen. Beispielsweise Autohändler oder -vermieter brauchten sie. Denkbar seien auch Nutzungen wie Bau-, Garten- bzw. Fahrradfachmarkt oder eine Ausstellungsfläche.

Welche Vorstellungen von Interessenten umsetzbar sind, wollen die Eigentümer mit der Stadt rückkoppeln. Ein neuer Bebauungsplan ist vorgesehen. "Es kann sicherlich Ostern 2022 werden, bis dort wieder Leben einzieht", so Sahl.

Vor zehn Jahren hatte ein Investor übrigens ein Konzept für die Flächen rund um den Schnäppchenmarkt vorgelegt. Es sah den Bau eines Hotels, einer Kfz-Prüfstelle und eines Trakts mit Konferenzräumen vor. Zuvor war eine "Hochzeitshalle" im Gespräch. Diese Vorhaben verliefen im Sande.

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