Der Lauterbacher Dieter Deubel bei der Schafschur im Vorjahr in Storndorf. FOTO: AU
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Der Lauterbacher Dieter Deubel bei der Schafschur im Vorjahr in Storndorf. FOTO: AU

Schafschur trotz Corona gesichert

  • vonDieter Graulich
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Am Montag haben die Friseure wieder die Geschäfte öffnen dürfen. Da haben die Menschen in der Corona-Krise Glück. Anders sieht es bei den Schafen aus, für die jetzt ein "Friseurbesuch " ansteht. Der Schafzuchtverband beklagt, dass aus Osteuropa erwartete Schafscherer wegen Corona-Beschränkungen nicht einreisen dürfen. Im Vogelsbergkreis ist man glücklicherweise eigenständig, dort wird noch selbst geschoren.

Schäfer brauchen Hilfe: Schafscherer dürfen nicht einreisen, die Schafschursaison beginnt jetzt. Dieser Tage veröffentlichte Hubertus Dissen, stellvertretender Vorsitzender des Hessischen Verbandes für Schafzucht und -haltung (HVSZH), dass aktuell allein in der Region um Kassel mindestens 4000 Schafe auf den jährlichen "Friseurbesuch" warten würden. Das Problem: Die Schafschur wird in den großen Schäfereien Hessens seit vielen Jahren von professionellen Schurkolonnen, Gruppen von Schafscherern aus dem Ausland, ausgeführt, die aktuell aufgrund der Pandemie nicht einreisen dürfen. Im Gegensatz zu den sogenannten Erntehelfern in der Landwirtschaft aus Osteuropa, für die eine Ausnahmegenehmigung zur Einreise bereits erteilt wurde, können die Schafscherer diese nicht in Anspruch nehmen. Der Unterschied liegt darin, dass "Erntehelfer" zur Nutzung der Ausnahmegenehmigung nach der Einreise auf einem Betrieb bei ein und demselben Arbeitgeber bleiben müssen. Das können die Schurkolonnen, die aus bis zu sechs Profischerern und einer gleichen Anzahl an Helfern bestehen können, nicht gewährleisten. Sie reisen von einem Schafschurauftrag zum nächsten und besuchen innerhalb einer Woche mehrere hessische Schäfereien. "Anders ist die Schafschur der rund 125 000 hessischen Schafe nicht zu schaffen", berichtet Dissen.

Im Vogelsbergkreis sieht man unterdessen gelassen auf die kommende Schersaison. Denn bereits seit vielen Jahren ist man in dieser Hinsicht eigenständig unterwegs, Könner an der Schafschere müssen lediglich die Grenzen von Landkreisen überwinden. Die gängigsten Schafscherer im Vogelsberg sind Mario Bott aus Bimbach, Dieter Deubel aus Lauterbach und Günter Witzkowski aus Hünfeld.

Diese Schafscherer sind inzwischen auch einem breiten Publikum bekannt, denn sie sind meist auch beim "Tag des Schafes" im Schafhalterverein Vogelsberg tätig.

Auch nach Angaben von Wolfgang Pschierer vom Vorstand des Schafhaltervereines Vogelsberg bedeuten die Einreiseprobleme von Schafscherern aus Osteuropa im heimischen Raum keine Schwierigkeiten. "Das ist im Vogelsberg kein Problem, weil man hier noch einheimische Scherer hat. Das Problem allerdings ist, dass diese auch immer älter werden."

Pschierer macht zudem auf einen weiteren Umstand aufmerksam, der in Hinblick auf die Einreiseschwierigkeiten der Schafscherer aus Osteuropa etwa Entspannung bedeutet: " Generell ist jedoch jetzt noch keine Scherzeit, da die sogenannte Schafkälte noch nicht vorbei ist. Der Zeitraum, in dem die Schafskälte auftreten kann, beginnt am 4. Juni und endet am 20. Juni. Um den 11. Juni gibt es in Mitteleuropa oft einen Kälteeinbruch, der sich vor allem in Deutschland auswirkt. Die Schafskälte tritt allerdings nicht jedes Jahr auf.

Schafscheren bedeutet auch Schafwohl, und wie das in Zeiten der Pandemie und einem Einreiseverbot für Schafscherer aus dem Ausland gewährleistet werden kann, dafür kann Reinhard Heintz, Vorsitzender des Hessischen Verbandes für Schafzucht und -haltung, auch keine einfache Lösung anbieten. "Wir wollen unsere Schafherden tierschutzgerecht halten, das gebietet uns nicht nur das Tierschutzgesetz, sondern auch unsere Berufsehre, auch wenn der Erlös für den Wollverkauf seit vielen Jahren nicht einmal mehr die Schurkosten decken kann." Dabei sind vor allem die größeren Schäfereien, die als Haupterwerbs-Familienbetriebe organisiert sind, schon seit vielen Jahren von den Serviceleistungen der ausländischen Schurkolonnen abhängig. "Es gibt einfach nicht mehr genug Einheimische, die dazu bereit wären, die körperliche Schwerstarbeit der Schafschur professionell auszuüben und die fachgerechte Schafschur kann man sich auch nicht im Handumdrehen beibringen. Sie erfordert viel Geschick und jede Menge Übung. In einer professionellen Schurkolonne kann nur mithalten, wer bereits mindestens 1000 Schafe geschoren hat, über die nötige professionelle Ausrüstung und die nötige Fitness verfügt. Kurz und mittelfristig sind die Schafscherer aus dem Ausland einfach nicht zu ersetzen, wir brauchen eine Ausnahmegenehmigung zur Einreise der ausländischen Schafscherer und ihrer Helfer, und zwar jetzt, denn die Zeit für eine termingerechte Schafschur drängt.

Es geht für die Schafschur in Hessen um etwa 50 bis 70 Personen, die zusätzlich eine Einreisegenehmigung bräuchten", informiert Heintz.

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