Romrod will zunehmender Vergreisung trotzen

Romrod (dpa/lhe). Drei Familien aus dem Rhein-Main-Gebiet sind der ganze Stolz von Romrods Bürgermeisterin Dr. Birgit Richtberg. Während der vergangenen Jahre sind die drei jungen Ehepaare mit ihren Kindern in die Vogelsberg-Gemeinde gezogen. Und nichts braucht Romrod dringender als Nachwuchs.

Denn der Kommune schwinden nicht nur die Einwohner - auch der Anteil der Jüngeren nimmt immer weiter ab. Die Probleme plagen viele Gemeinden in ländlichen Gegenden Hessens. Doch Romrod will den demografischen Wandel nicht einfach hinnehmen. Richtbergs Devise: Wenn auf dem Land die jungen Familien fehlen, muss man sie aus der Großstadt abwerben.

Ein Blick auf die Bevölkerungsentwicklung der vergangenen Jahre macht für die Bürgermeisterin der 3000-Einwohner-Gemeinde das Problem deutlich: "Jedes Jahr werden wir ein bisschen weniger." 120 Einwohner verließen Romrod in den vergangenen zehn Jahren. Prognosen zufolge wird der Vogelsbergkreis vom demografischen Wandel besonders hart getroffen. Der Bevölkerungsrückgang werde "nahezu dramatische Formen" annehmen, heißt es in einer Studie der Fachhochschule Frankfurt. Und die Wirtschaftsförderer der landeseigenen Hessen Agentur prognostizieren, dass der Vogelsbergkreis bis 2050 fast ein Drittel seiner 115 000 Einwohner verlieren wird.

Einst prägte Landwirtschaft die Region. Doch davon ist nicht mehr viel übrig geblieben. Weil etliche Höfe nicht mehr weitergeführt wurden, sind stattliche Bauernhäuser samt Scheunen und Ställen fast verlassen. "Wir haben große Höfe, in denen früher viele Generationen gelebt haben. Heute wohnen dort noch ein, zwei ältere Menschen", sagt Richtberg. Die Rente genügt meist nicht für teure Reparaturen; vielen Bauernhöfen droht deshalb der Verfall.

Derzeit geht es Romrod noch vergleichsweise gut. "Grundschule, Einkaufszentrum, Arzt und Apotheker -diese ganze Infrastruktur ist bei uns weiterhin intakt", erklärt Richtberg. Zudem glänzt seit sechs Jahren wieder ein Schmuckstück in der Ortsmitte: Schloss Romrod, das von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz aufwändig saniert und zur Denkmalakademie umgebaut wurde. Seither habe sich die Zahl der Übernachtungen in Romrod vervierfacht, berichtet die Bürgermeisterin. In der Nähe des Schlosses wurde zudem die ehemalige Synagoge renoviert, inzwischen ist ein Schlossmuseum entstanden.

Doch das allein genügt noch nicht, um die Gemeinde fit zu machen für die Zukunft - darin sind sich die Kommunalpolitiker einig. Deshalb wurde eine Forschungsgruppe der Universität Kassel eingeladen, um über die neue Nutzung von alten Häusern nachzudenken. In etlichen Bürgerversammlungen wurde über neue Ideen für die Gemeinde diskutiert. Erstes Ergebnis: Im Ortskern soll bald ein Mehrgenerationenhaus entstehen - als Begegnungsstätte für alte und junge Bürger.

Daran anschließen will Richtberg noch eine Wohngemeinschaft für Senioren. Bislang gibt es in Romrod nämlich kein Altenheim: "In einer kleinen Kommune wie bei uns findet man kaum einen Investor. Jetzt wollen wir auf eigene Faust zeigen, dass so etwas sehr wohl funktionieren kann." Die neue Einrichtung soll Arbeitsplätze in der Seniorenbetreuung schaffen - und zudem ältere Einwohner an Romrod binden: "Wir müssen für die Älteren eine Perspektive bieten."

Auf der anderen Seite will Richtberg den fehlenden Nachwuchs nach Romrod locken - unter anderem mit einem Baukindergeld von einmalig 1500 Euro pro Kind. Jungen Familien aus den größeren Städten Hessens soll so der Umzug in den Vogelsberg schmackhaft gemacht werden. "Wir müssen ganz massiv um Familien werben", sagt die Bürgermeisterin. Besonders erfolgreich ist dabei ausgerechnet der kleinste Ortsteil Nieder-Breidenbach mit seinen nicht einmal 150 Bewohnern: In den vergangenen Jahren zogen drei junge Familien dorthin.

Vor sechs Jahren kam Christiane Becker mit ihrem Mann und zwei Kindern von Darmstadt nach Nieder-Breidenbach. Der Familienvater fand als Lkw-Fahrer eine Anstellung in der 20 Kilometer entfernten Kreisstadt Lauterbach. "Wir haben den Wechsel noch nie bereut", sagt Becker. "Hier können die Kinder auf der Straße toben, ohne dass man Angst haben muss. Und die Nachbarn passen mit auf - so etwas findet man in der Großstadt gar nicht mehr." Die Beckers wohnen in einem alten Fachwerk-Bauernhaus am Ortsrand. Ohne die junge Familie würde das Gehöft wohl leer stehen. "Solche Familien nach Romrod zu holen, ist unsere einzige Chance", sagt Richtberg.

Von einer großen Industrieansiedlung wagt Richtberg nicht einmal mehr zu träumen. Die Bürgermeisterin setzt ihre Hoffnungen vielmehr auf Selbstständige. "Ingenieurbüros oder Unternehmensberater - die müssen doch nicht unbedingt in einer großen Stadt sitzen", meint Richtberg. Durch die Medientechnik seien viele Geschäfte auch vom Land aus zu erledigen. "Ein schickes Ingenieurbüro in einem alten Bauernhaus - warum nicht?"

Wolle Romrod nicht abgehängt werden, müsse die Kommune in den Großstädten für sich werben. "Vielleicht müssen wir wirklich in Frankfurt Flugblätter verteilen und den Leuten zurufen: Kommt nach Romrod!"

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