Die alte Eisenerzgrube aus den 1950er Jahren nahe dem Baugebiet "Wallenbach" in Nieder-Ohmen ist im Lauf der Jahre zum grünen Kessel mit Bäumen und einem ausgetrockneten Teich geworden, wie Karl-Heinz Rudi feststellt. FOTO: JOL
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Die alte Eisenerzgrube aus den 1950er Jahren nahe dem Baugebiet "Wallenbach" in Nieder-Ohmen ist im Lauf der Jahre zum grünen Kessel mit Bäumen und einem ausgetrockneten Teich geworden, wie Karl-Heinz Rudi feststellt. FOTO: JOL

Reste eines alten Erzreviers

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Direkt hinter den Häusern von Merlau und Nieder-Ohmen zog sich bis vor wenigen Jahrzehnten eine Grubenlandschaft hin. Im Tagebau wurden Millionen Tonnen Eisenerz abgebaut. Vor Kurzem entdeckten Arbeiter beim Kanalbau einen alten Stollen.

Da staunten die Bauarbeiter nicht schlecht, als sich auf einmal ein sieben Meter tiefes Loch auftat. Beim Ausheben eines Grabens, um den neuen Bauabschnitt des Gebiets "Wallenbach" an die Kanalleitung anzuschließen, haben sie unvermittelt einen alten Stollen im Untergrund freigelegt. Ein Ingenieurbüro untersuchte das Loch im Auftrag der Gemeinde Mücke.

Es handelte sich um einen vier Meter langen Stollen eines alten Bergwerks. Rund 7,5 Kubikmetern Material wurden gebraucht, um drei Meter des Stollens aufzufüllen. Die Gemeinde lässt nun prüfen, inwieweit die Kosten vom ehemaligen Betreiber der Stollen, der Barbara Rohstoffbetriebe GmbH, getragen werden müssen.

Der Stollen verweist auf die lange Geschichte der Erzgewinnung in Mücke. Vielleicht ist sogar der Bau der Vogelsbergbahn mit Stopp in Mücke davon beeinflusst worden, sagt Karl-Heinz Rudi. Der Geologiebegeisterte aus Ulrichstein ist seit Jahren für den Erzweg tätig, eine Dokumentation der hiesigen Bergbaugeschichte. Bis in die 1960er Jahre waren große Bereiche bei Nieder-Ohmen und Merlau, auch im Bereich des Baugebiets "Wallenbach", Erzgruben und Schlammteiche, die für die Gewinnung des Erzes notwendig waren. Davon zeugen immer wieder Einbrüche des Bodens, etwa bei Ilsdorf.

Die Erzgewinnung prägte einen größeren Bereich der Gegend von Hirzenhain im Hohen Vogelsberg über Laubach und Mücke bis nach Homberg, wo im Wald noch Relikte des Abbaus bei Deckenbach existieren. Seilbahnen brachten das Material zu Verladestationen. Besonders prägend waren die Gruben selbst, wie Rudi bei einem Rundgang zeigt. Start ist am Kunstturm Mücke gegenüber dem Aquariohm. Bis 1968/69 war dort eine Erzwäsche, in der das Rohmaterial zermahlen und gewaschen wurde.

Alte Grube sichtbar

In der Halle produziert heute eine Schreinerei, der ehemalige Verladeturm beherbergt einen Kunstausstellungsraum. Das Erzgranulat wurde früher mit einem Förderband von der Halle in den Turm transportiert. Aus dem Silo schüttete man das Material auf Ladeflächen von Lkw, die damit zum Bahnhof Mücke fuhren. Bis zu zehn Waggons füllte man täglich ab. Die Laderampe ist erhalten. Die heutige Gemeindeverwaltung war einst das Verwaltungsgebäude eines Grubenunternehmens.

In der Nähe des Kunstturm sind noch Relikte des Bergbaus erhalten. So führt Rudi zu einem Wäldchen oberhalb das Baugebiets Wallenbach. Dort steht man unversehens an dem steilen Abhang einer Erzgrube aus den 1950er Jahren. Inzwischen ist der Rand von Bäumen bewachsen, auf der Sohle steht ein Teich, der aber in diesen trockenen Zeiten ausgetrocknet ist.

Die erste große Grube Antonie entstand um 1874. Das Erz wurde damals im Tagebau gewonnen. "Dafür waren große Summen nötig, Unternehmen aus dem Ruhrgebiet und aus Berlin waren daran beteiligt." In den ersten zehn Jahren steckte man Geld hinein, um die nächsten Jahre Gewinne zu erzielen. Zunächst schaufelten die Arbeiter den Abraum beiseite, eine Erdschicht von zwei bis drei Metern, die kein Erz enthielt. Darunter fanden sich die Vorkommen von Basalteisenstein, vermischt mit Tonerde. Das Erzgestein wurde herausgespült. "Zur Wäsche braucht man viel Wasser, und man erhielt eine Schlammbrühe als Rest", berichtet Rudi. Die Abwässer pumpten die Betreiber in Teiche, wo sich das Sediment absetzte, das klare Wasser wurde wieder verwendet. Als Schlammteiche wurden gerne alte Erzgruben genutzt. Mit der Zeit füllte sich der Teich immer mehr, wenn er voll war, wurde eine andere Grube aufgefüllt. Die obere Schicht trocknete ab, im Untergrund verblieb feuchter Schlamm. Das Grundwasser schuf im Lauf der Jahre immer wieder Hohlräume. Dann tut sich immer wieder einmal irgendwo auf einem Feld ein Loch im Boden auf.

Bis zu 450 Arbeiter

Der Erzbergbau hat in der Region Tradition. Dabei werden Eisenerze abgebaut, die vor 17 bis 15 Millionen Jahren an die Oberfläche gefördert wurden. Damals war der Vogelsberg ein Vulkangebiet, durch Hunderte Schlote floss über einen langen Zeitraum Magma auf die Landschaft und erstarrte zu Basalt. Das eisenhaltige Gestein löste sich bei tropischen Temperaturen in seine Bestandteile auf, dadurch entstand der abbaubare Eisenstein. Die große Masse des gelösten Erzes spülten Regen und Bäche fort, doch an manchen Stellen lagerte sich Eisenstein ab.

Die Landschaftsstruktur, wie sie heute ist, entstand erst in der letzten Eiszeit. Damals schmolzen die Gletscher, und die Rinnsale schufen die heutigen Täler. Bereits die Kelten und Römer haben in Mittelhessen Erze abgebaut. Im Mittelalter grub man Stollen in den Boden, um kompakte Erzbrocken zu bergen, die eingeschmolzen werden konnten. Erst im 19. Jahrhundert war die Aufbereitungstechnik so weit, dass auch die Mischung aus Ton und Eisenstein als "Wascherz" verarbeitet werden konnte. Der Ton war leichter und ließ sich mit viel Wasser aus der Mischung entfernen.

In Merlau war die Gewerkschaft "Louise" seit 1889 tätig, ihren Sitz hatte sie in Essen. Bei dem Unternehmen waren zeitweilig 450 Bergleute und Arbeiter beschäftigt. Sie hat 25 Tagebaue ausgebeutet. In 79 Jahren förderte man stattliche 21,5 Millionen Tonnen Roherz. Erst in den 1960er Jahren wurde die hiesige Erzgewinnung gegenüber den Bergwerken in Übersee nicht mehr konkurrenzfähig. Eine Ära endete.

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