Carola Rackete
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Carola Rackete

"Rechnen mit großem Widerstand"

  • Kerstin Schneider
    vonKerstin Schneider
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Die Polizei geht davon aus, dass die Firmen heute pünktlich zum Auftakt der Rodungssaison in den Wäldern mit Bauarbeiten an der Autobahn 49 loslegen wollen. Da sind aber noch die rund 150 Waldbesetzer. Sie ließen alle Fristen verstreichen und sind nicht freiwillig abgezogen. Die Polizei will eine Gewaltspirale vermeiden. Ob das funktioniert, werden die nächsten Wochen zeigen.

In sozialen Netzwerken ließen Nutzer in den vergangenen Wochen wissen, was sie von der Waldbesetzung bei Dannenrod, Lehrbach und Schweinsberg halten: "Die Polizei soll die sofort von den Bäumen holen", war noch eine der harmlosen Forderungen. Unterdessen machte die Polizei bei Einsätzen schon ihre Erfahrung mit der Zähigkeit der selbst ernannten Aktivisten, die den Dannenröder Wald und Teile umliegender Wälder (Motto "Danni bleibt") unter allen Umständen verteidigen wollen.

Auch sie erfahren in sozialen Netzwerken viel und auch prominente Unterstützung. In diesen Tagen hat sich Menschenrechtsaktivistin und Seenotretterin Carola Rackete den Protestierern angeschlossen. "Fridays for Future"-Vertreterin Luisa Neubauer ließ sich ebenfalls im "Danni" blicken."

Für die Polizei ist die Ausgangslage bei diesem Einsatz sehr komplex, hieß es am Mittwoch bei einer Pressekonferenz im Polizeipräsidium Mittelhessen, das die Baumfäll- und Bauarbeiten ab heute und in den kommenden Wochen sichern soll. Probleme gibt es unter anderem durch die Wetterlage und das sehr große und schwierige Einsatzgebiet, sagten die Polizeisprecher Sylvia Frech und Jochen Wegmann. "Wir rechnen mit großem Widerstand." Das bedeute einen hohen Kräftebedarf seitens der Polizei.

Zahlen wollten sie nicht nennen, aber aus dem ganzen Bundesgebiet würden Polizisten angefordert. Der Umfang könne je nach Einsatzlage erheblich schwanken. Die Polizei soll die Bauarbeiten schützen, sagten Frech und Wegmann: "Weder den Arbeitern noch Polizeibeamten oder den Waldbewohnern soll etwas passieren." Um den schwierigen Spagat zu bewältigen, werde die Polizei deshalb mit größtmöglicher Sorgfalt vorgehen. Die Einsatzkräfte würden sich "Zeit lassen, auch wenn sich die eine oder andere geplante Maßnahme dadurch verzögert". Sorgfalt vor Schnelligkeit sei die Devise, so die Polizeisprecher.

Dabei würden die Planungsgesellschaft DEGES (Berlin) und die beauftragten Baufirmen aber die Marschroute vorgeben. Danach werden sich die polizeilichen Einsätze richten. Die Firmen wollen und müssen zum Beispiel die Baumfällarbeiten bis 28. Februar abgeschlossen haben. Die Polizei selbst habe sich kein Zeitlimit gesetzt, bis wann die Räumung der Waldcamps abgeschlossen sein soll. "Hektik ist hier der falsche Berater", meinte Jochen Wegmann. Denn auch die Gegenseite hat ihre erprobten Strategien. "Barrikaden sind oft schneller wieder aufgebaut als geräumt", so Polizistin Frech. Zu Vorgehen und Strategie der Polizei gab es entsprechend keine Hinweise: "Wir müssen jeweils neu schauen und die Lage bewerten. Wir lassen uns nicht treiben." Danach richte sich das Einsatzkräfteaufkommen. Maßnahmen zum Corona-Schutz werden getroffen, kündigten die Polizeisprecher an, unter anderem mit Maske tragen und sogenannten "Hygiene-Scouts."

Die Polizei will zudem in den nächsten Wochen in den betroffenen Ortschaften informieren sowie Ansprechpartner nennen.

Am Rande teilten die Polizeibeamten mit, dass man eine mögliche Bedrohungslage durch das Anzünden von Autos weiterhin "sehr ernst nehme". Das Landeskriminalamt bearbeite den Fall. In Gießen waren dieser Tage rund 170 Autos mit einem roten "X" markiert worden. Wenn im Dannenröder Wald die Bäume fallen, werde man die Autos anzünden, teilte eine linksautonome Gruppe mit.

Unklar ist derzeit, ob es Klagen gegen die sogenannten Räumungsverfügungen für die Waldbesetzer geben wird. Diese Klagen gegen die Verfügung der Landkreise Vogelsberg und Marburg-Biedenkopf könnten eine Räumung der Waldgebiete allerdings nicht so ohne Weiteres stoppen.

Bei der Firma DEGES hieß es am Mittwoch auf Anfrage, man werde "die Arbeiten im Wald ankündigen, wenn sie beginnen". Dies kann dann auch sehr kurzfristig der Fall sein.

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