Heidrun und Heinrich Seim im Bauwagen, der als Info-Punkt dient.
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Heidrun und Heinrich Seim im Bauwagen, der als Info-Punkt dient.

Protest in schwankenden Wipfeln

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Sie trotzen Stürmen in ihren Baumhäusern und leben im winterlichen Schlamm - seit September harren Baumbesetzer im Dannenröder Forst aus. Unterstützt werden sie von Umweltschützern aus der Region, die auch Proteste gegen ihr Engagement hinnehmen.

In einem Baumhaus in 15 Metern Höhe einen Sturm erleben, ist nicht jedermanns Sache. "Es ist schon ein kleines Abenteuer", gibt Paul zu. Aber der Baumbesetzer im Dannenröder Forst vertraut den Seilen, an denen die Konstruktion in den Ästen fixiert ist. "Sie halten mehrere Tonnen", sagt der Mittzwanziger, der nur vermummt und mit einem erfundenen Namen sprechen will. Es sei "intensiv", die Winterstürme zu erleben und dann wieder auf den Boden zu klettern, wo man nicht dauernd die Schwingungen ausgleichen muss.

Der Aktivist lebt mit anderen Naturschützern im Wald bei Dannenrod, um den Weiterbau der A 49 zu behindern. Ausschlaggebend für sein Engagement ist der Klimawandel, der sich aus seiner Sicht nur noch abmildern lässt, wenn die Wirtschaftsweise in Deutschland und weiteren Staaten grundlegend geändert wird. "Wir wollen eine Autobahn verhindern, die in zehn, 20 Jahren nicht mehr nötig ist", gibt er sich überzeugt. Auch der Umstieg auf Elektromobile verhindere nicht die Zerstörung der Umwelt.

Dabei ist für ihn die Baumbesetzung nur ein kleines Mosaiksteinchen für eine bessere Welt. Wichtig ist ihm auch das gleichberechtigte Zusammenleben im Wald. "Wir bauen eine Gemeinschaft im Wald auf", die solidarisch ist. Da geht es um Essen, das mit Nahrungsmitteln bereitet wird, die aus Containern der Lebensmittelmärkte gerettet werden. Paul lehnt eine Welt ab, in der T-Shirts mit Ausbeutung im globalen Süden genäht werden. "Es ist ein Trugschluss, die Krise bewältigen zu können, wenn wir den Kapitalismus auf grün stellen", empört sich der junge Mann.

Dafür nimmt er das Leben in schwankenden Hütten ohne Heizung in Kauf. Pullover und Schlafsäcke schützen gegen die Kälte, zudem sind oft mehrere Leute in den Holzkonstruktionen in schwindelnder Höhe beisammen, was für Wärme sorgt. Inzwischen sind aus Baum-Plattformen mit Planen regelrechte Hütten geworden, die einen robusten Eindruck machen. Nur der Matsch ist in diesen Tagen unangenehm. Sogar die Pferde der beiden Polizistinnen, die gerade eine Runde im Camp drehen, haben ihre Schwierigkeiten auf dem schlickigen Untergrund.

Dem Protest gegen den Autobahnbau im Wald schließen sich inzwischen mehr Menschen an, wie Paul sagt. So kommen regelmäßig Besucher aus der Umgebung bei Sonntagsspaziergängen vorbei. Auch unter der Woche sind immer wieder Unterstützer der Besetzungsaktion vor Ort. Nur am Anfang gab es Schwierigkeiten mit Kritikern der Aktion, die Seile zerschnitten haben.

Die lokalen Umweltschützer betreiben eine Mahnwache in einem Bauwagen am Sportplatz Dannenrod. Dort ist ein Parkplatz für Besucherfahrzeuge. Heidrun und Heinrich Seim freuen sich über die Aktion der jungen Leute. Zwar hat die Autobahn-Planungsgesellschaft DEGES angekündigt, bis Herbst auf Fällungen auf der Autobahntrasse zu verzichten, aber ohne die Besetzungen gäbe es keine öffentliche Aufmerksamkeit für ihren Kampf gegen die Autobahn.

Die Seims unterstützen seit über 30 Jahren die Proteste gegen den Bau der Autobahn und haben auch die langen Debatten um andere Strecken erlebt.

Sie erleben die Stimmung in den umliegenden Orten als gespalten. "Da gibt es Leute, die wollen selbst zur Motorsäge greifen, aber es gibt auch einige, die dagegenhalten", sagt Heinrich Seim.

So mancher Vogelsberger arbeitet in Stadtallendorf, wo die Stimmung pro Autobahnbau ist. Die wollen dann mit Rücksicht auf den Arbeitsplatz keine Stellung gegen die Umweltzerstörung beziehen - auch wenn sie eigentlich skeptisch sind, ob das der richtige Weg ist.

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