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Für den IHK-Hauptgeschäftsführer Matthias Leder ist die Öffnung des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland aus wirtschaftlicher Sicht dringend notwendig. FOTO: SCHEPP

"Praktisch alle Branchen leiden"

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In kleinen Schritten kommt das öffentliche Leben wieder in Gang. Diese Öffnung ist aus wirtschaftlicher Sicht dringend nötig, sagt der Chef der IHK Gießen-Friedberg, die auch für den Vogelsbergkreis zuständig ist, Dr. Matthias Leder. Im Interview spricht er über besonders von der Pandemie betroffene Branchen - und die Erwartungen der IHK an die Politik.

Die Öffnung des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland beginnt langsam; wie bewerten Sie diese aktuellen vorsichtigen Schritte aus wirtschaftlicher Sicht?

Die Öffnung ist aus wirtschaftlicher Sicht dringend notwendig. Jeder Tag ohne Geschäftsaktivität bedeutet Umsatzausfall und einen Schritt näher zur Insolvenz - mit allen negativen Konsequenzen für die Beschäftigten und die Eigentümer.

Müsste die Öffnung aus Sicht der Wirtschaft schneller gehen? Virologen warnen ja davor.

Was ist das Ziel, aus dem sich die Bewertung "schneller" oder "vorsichtiger" im Sinne von "langsamer" ergibt? Und wer legt das Ziel fest? Unter der Annahme, dass die Krankenhauskapazitäten in Deutschland auch in Zukunft nicht an ihre Kapazitätsgrenzen kommen, kommt die Öffnung der Wirtschaft keinen Tag zu früh. Für viele Unternehmen kommt die Öffnung zu spät. Und wie ich aus vielen Gesprächen erfahre, fehlt vielen Unternehmen zum Beispiel aus der Reise- und Touristikbranche oder der Veranstaltungsbranche immer noch eine Perspektive durch die Politik. Ankündigungen der Politik, unter welchen Bedingungen eine Wirtschaftstätigkeit wiederaufgenommen werden darf, sind für diese Unternehmen überlebenswichtig. Denn das Hochfahren der Wirtschaft dauert in diesen Branchen im Gegensatz zum Herunterfahren viel länger.

Sie haben in den Sozialen Medien Beiträge gepostet, die sich kritisch mit dem Lockdown und mit der Rolle von Virologen auseinandersetzen - und dafür Kritik erhalten. Müssten Sie als IHK-Chef bei solchen Fragen nicht zurückhaltender sein oder dies deutlicher als Privatmeinung abgrenzen?

Mein Facebook-Account, auf den Sie sich beziehen, ist ein privater Account.

Welche Branchen sind auf welche Weise von den Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen?

Praktisch alle Branchen leiden darunter. Besonders leiden aber die Branchen, die ihr Geschäft in diesem Jahr nicht mehr nachholen können. So leiden die Gastronomie und die Hotellerie unter ausbleibenden Gästen. Grenzen wurden geschlossen. Die Busbranche geht davon aus, dass im laufenden Jahr keine Busreisen mehr stattfinden werden und es sehr viele Insolvenzen in diesem Bereich geben wird. In den Reisebüros wurden reihenweise Buchungen storniert. Das führt oft zu Rückzahlungen an die Kunden, auch deshalb stehen viele Reisebüros vor dem Aus. Die Messewirtschaft wird von Absagen großer, auch internationaler Messen, ins Mark getroffen.

Gibt es konkrete Beispiele aus dem IHK-Bezirk?

Unser IHK-Bezirk ist beim Thema Veranstaltungswirtschaft ganz besonders schwer betroffen, weil wir hier drei absolute Marktführer ansässig haben, die in kerngesunder Verfassung von dieser Krise unverschuldet getroffen wurden. Und natürlich leiden bei uns auch weite Teile der exportorientierten Industrie, wie zum Beispiel der Maschinenbau oder die Automobilzulieferindustrie.

Gibt es Branchen, denen die Krise weniger zusetzt`?

Nicht ganz so schlecht geht es der Bauwirtschaft. Unternehmer der Dienstleistungsbranche, die sich auf digitale Produkte spezialisiert haben, profitieren sogar von der Pandemie.

Wie bewerten Sie die Schritte der Politik?

Der Staat hat gerade für Betriebe bis zu einer Beschäftigtenzahl von etwa 50 Mitarbeitern große Anstrengungen unternommen. Die Soforthilfeprogramme, die KfW-Kreditvergabe mit hoher Haftungsfreistellung oder das Kurzarbeitergeld sind gute Instrumente, die bei vielen kleineren Unternehmern sicher das Schlimmste verhindern konnten.

Wo besteht noch Handlungsbedarf?

Es besteht noch eine hohe Dringlichkeit, für die größeren Unternehmen zu sorgen, die trotz Kurzarbeit auf monatliche Fixkostenblöcken von beispielsweise 500 000 Euro sitzen und keine ausreichende Unterstützung durch das KfW-Programm erfahren. Anstelle von Kreditgarantien sollten auch sinnvolle Konstellationen indirekter Beteiligungen in den Blick genommen werden. Einer deutlichen Ausweitung bedarf der bisher stark begrenzte Verlustrücktrag. Die jetzt gefundene Lösung, absehbare Verluste 2020 nun mit Steuervorauszahlungen aus dem vergangenen Jahr zu verrechnen, ist nicht ausreichend. Die nur maximal 15 Prozent betragende und verrechenbare Körperschaftsteuer eines auf 1 Mio. Euro begrenzten Gewinns aus 2019 führt zwar zu einer Liquiditätsverbesserung, nicht aber zu einem Verlustausgleich bei jenen Unternehmen, die deutlich darüber hinausgehende Verluste erleiden werden.

Wie sieht es bei den Gastronomien aus?

Für die besonders gebeutelte Gastronomie sollten die Behörden erlauben, öffentliche Flächen vorübergehend großzügiger zu nutzen, um Abstandsregeln in der Außengastronomie einhalten zu können. Außerdem ist die Vorgabe von fünf Quadratmetern pro Gast viel zu unflexibel. Sie wird in keinem anderen Bundesland verlangt.

Welche unterschiedlichen Schritte sind Unternehmen gegangen, um der Krise zu begegnen?

Die schnelle Ergreifung staatlicher Maßnahmen, um dem Wirtschaftseinbruch gegenzusteuern wie das Kurzarbeitergeld, hat bei vielen Unternehmen die Arbeitskosten gesenkt. Darüber hinaus haben sich viele Unternehmer nach neuen Betätigungsfeldern umgesehen. Gastronomen haben zum Teil auf Lieferservice umgestellt, Unternehmen, die alkoholische und nicht alkoholische Getränke herstellen, haben Alkohol für Desinfektionsmittel hergestellt. Unternehmen aus dem Veranstaltungsbereich haben Mitarbeiter an Unternehmen des Einzelhandels zum Befüllen der Regale ausgeliehen. Es haben sich regionale Plattformen gebildet, durch die die regionale Kaufkraft gestärkt werden soll. Andere Unternehmen haben schon länger geplante Renovierungsarbeiten vorgezogen. Kurz: Der Unternehmergeist in unserer Region ist bewundernswert.

Wie können massenhafte Insolvenzen verhindert werden?

Es wird viel zu viele unverschuldete Insolvenzen geben. Viele vor der Corona-Krise kerngesunde Betriebe werden wohl aufgeben müssen. Die IHK Gießen-Friedberg fordert neben längeren Kreditrückzahlungszeiträumen und einem weiter in die Vergangenheit zurückreichenden und betragsmäßig viel höheren Verlustrücktrag auch eigenkapitalähnliche Beteiligungslösungen.

Was fordern Sie noch?

Die Betriebe müssen zum einen schnell an frisches Geld kommen, um ihre akuten Liquiditätsengpässe zu überwinden. Zum anderen brauchen die Unternehmen aber auch Eigenkapital, weil sie sonst in eine bilanzielle Schieflage geraten. Die KfW-Sofortkredite bis zu maximal 800 000 Euro fangen zwar einen signifikanten Teil der Liquiditätsengpässe auf. Die bestehenden Kreditprogramme reichen allerdings nicht aus. Es ändert sich hierdurch nichts an der mangelnden Eigenkapitaldeckung. Diese ist Grundlage für die Kreditgewährung. Darüber hinaus sollte jetzt alles verhindert werden, was den Unternehmern zusätzlich zu den pandemiebedingten Einbußen noch weitere Kosten aufbürdet. Wenn die von manchen Politikern vorgetragenen Überlegungen zur Einführung einer Vermögensteuer jetzt umgesetzt würden, dann würde dies den meisten noch verbleibenden Unternehmen den Rest geben. Denn jetzt erzielt kaum ein Unternehmen Gewinne, die Vermögensteuer müsste also aus der Substanz gezahlt werden.

Welche Gefahren drohen der Wirtschaft insgesamt durch die Pandemie?

Wenn es schlimm kommt, droht uns eine länger anhaltende Depression, also ein tief greifender und länger andauernder Wirtschaftseinbruch. Dieser Einbruch würde erkennbar an vielen Insolvenzen, an hohen Arbeitslosenzahlen, an einem deutlichen Nachfragerückgang der Konsumenten oder an stark sinkende Steuereinnahmen. Nicht einfach werden auch die Probleme aus der internationalen Verflechtung unserer Wirtschaft. Die Krise hat im gesamten europäischen Raum zu größten Problemen geführt. Dies gilt insbesondere für Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien, wichtigen Hauptabnehmerländern deutscher Produkte. Die deutschen Unternehmen erleben in den USA einen regelrechten Nachfragekollaps. Unter dem Strich rechnen wir damit, dass die deutschen Exporte in die USA in diesem Jahr um fast 20 Prozent sinken werden - ein nie dagewesener Einbruch.

Welche positiven Aspekte könnte die Corona-Krise haben?

Aus einer deutschlandweiten Befragung, an der auch Unternehmen aus unserem IHK-Bezirk teilgenommen haben, wissen wir, dass rund jedes vierte Unternehmen sein Geschäftskonzept auf andere Produkte und Kundengruppen umgestellt hat oder neue Absatzwege ergreift. Jeder dritte Betrieb setzt auf eine verstärkte Digitalisierung im Unternehmen. Wenn man das so sehen will, ist das eine positive Seite der Krise: Die Digitalisierung kommt nun schneller. Das Arbeiten von zu Hause ist ebenfalls eine sehr gute Antwort auf die Krise gewesen. Es gab vielerlei Einwände, Befürchtungen und Zögerlichkeiten. Doch der Corona-Zwang hat viele dazu gebracht, Arbeiten von zu Hause kurzfristig zu wagen - und das hat sich bei vielen Unternehmen bewährt! Es ist auch ein geeignetes Instrument, die Verkehrsbelastung in Ballungsräumen zu reduzieren.

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