Dr. Iris Brunn (M.) macht mit Medizinstudentin Johanna Diepolder (l.) einen Hausbesuch und misst bei Patientin Gertrud Graulich den Blutdruck. FOTO: RS
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Dr. Iris Brunn (M.) macht mit Medizinstudentin Johanna Diepolder (l.) einen Hausbesuch und misst bei Patientin Gertrud Graulich den Blutdruck. FOTO: RS

Plädoyer für den Hausarzt

  • Rolf Schwickert
    vonRolf Schwickert
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Auch Hausärzte werden älter. Im Vogelsbergkreis sind in vielen Orten Nachfolgeregelungen offen. Anders in Mücke: In Ruppertenrod haben sich drei Mediziner zusammengetan und verwenden viel Zeit in Aus- und Weiterbildung angehender Mediziner. Im Interview berichten drei Fachärzte, eine Ärztin in der Weiterbildung und eine Medizinstudentin über Anforderungen und Perspektiven und sagen, warum es wichtig ist, dass einer der Ärzte zusätzlich Informatiker ist.

Die "Praxis an der Ohm" liegt idyllisch im Gewerbeviertel Ruppertenrod. Betrieben wird sie von den Fachärzten für Allgemeinmedizin Susanne Sommer, Dr. Mehriar Aliakbari und Christian Wulsch. Sie haben noch die Ärztin in Weiterbildung Dr. Iris Brunn an ihrer Seite und immer wieder Medizinstudenten von der Universität Marburg. Zum Zeitpunkt des Interviews ist eine junge Medizinstudentin im zweiten Semester von der Universität Marburg in der Praxis. Die junge Frau wird im Rahmen ihrer Ausbildung immer wieder einige Tage in der Praxis mitarbeiten und die ländliche Versorgung kennenlernen.

Landärzte werden gesucht. Die "Praxis an der Ohm" leistet dazu einen Beitrag, zusammen mit der Universität Marburg. Wie sieht das aus?

Susanne Sommer: Im Rahmen des Schwerpunktcurriculums Primärversorgung wird uns Frau Diepolder in den nächsten Jahren immer wieder bei der Arbeit begleiten. Geleitet wird das Projekt von Prof. Boesner von der Universität Marburg. Das Projekt läuft seit einigen Jahren und das bedeutet, es sind schon höhere Semester dabei. Wir sind Lehrarztpraxis der Uni Marburg, wir versuchen, zu begeistern. Ziel ist es, frühzeitig junge Studierende mit Landarztpraxen in Kontakt bringen.

Wie sieht das Programm konkret aus?

Johanna Diepolder: Einmal im Semester gibt es ein Seminar, bei dem Fragen zur Allgemeinmedizin besprochen und praktische Fertigkeiten wie das Abhorchen oder Blutabnehmen besprochen werden.

Sommer: Wenn Johanna Diepolder morgens in die Praxis kommt, übernimmt sie das Blutabnehmen, um Erfahrung zu sammeln. Ansonsten begleitet sie die Arbeit der anderen Mediziner und erfährt so das breite Spektrum der Allgemeinmedizin im Alltag.

Frau Diepolder, wollen Sie Allgemeinmedizinerin werden?

Diepolder: Ich wollte einfach mal das Feld frühzeitig kennenlernen. Während des Studiums hat man dazu normalerweise erst in den klinischen Semestern (ab dem 5. Semester) Kontakt. Ich mache das, um die Allgemeinmedizin schon mal ein bisschen früher kennenzulernen. Aber ich weiß noch nicht, was ich später mache. Noch ist alles offen.

Wenn es nicht sicher ist, dass eine Studentin der Praxis erhalten bleibt, was ist die Motivation?

Sommer: Wir begeistern für die Allgemeinmedizin. Wir versuchen, unser Fach darzulegen. Wir hatten heute Morgen schon ein breites Spektrum vom Belastungs-EKG bis zum kleinen chirurgischen Eingriff neben der normalen Routine der Praxis. Die Allgemeinmedizin zeichnet sich durch die Vielfältigkeit der Arbeit aus.

In Ihre Hausarztpraxis kommen angehende Mediziner auch wegen anderer Ausbildungsformen?

Sommer: Nach den jungen Semestern kommen die Famulanten (ab dem 3. Jahr der Ausbildung), die Blockpraktikanten im fünftem Jahr und dann die PJler (Praktisches Jahr für angehende Mediziner), die sind dann im letzten Jahr hier. Weil die höheren Semester schon viel mehr wissen, können sie in der Praxis schon mehr machen, die lassen wir schon ganz alleine Voruntersuchungen durchführen. Wir kontrollieren nur noch.

Auch junge Mediziner werden in der Hausarztpraxis ausgebildet.

Sommer: Ja. Nur wenn wir Menschen wie Frau Diepolder haben, werden sich auch junge Frauen wie Frau Brunn (Weiterbildungsassistentin) in unsere Praxis finden. Sie strebt nach der Approbation innerhalb von fünf Jahren Weiterbildung den Facharzt in Allgemeinmedizin an. Dafür muss sie mindestens 24 Monate in einer Hausarztpraxis gearbeitet haben. Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) fördert diese Weiterbildungszeit in den Praxen finanziell. Die KVH refinanziert das zu rund zwei Drittel. Ein angehender Facharzt für Allgemeinmedizin muss einen Anteil seiner Weiterbildung in einer hausärztlichen Praxis leisten, nur so kann er die Arbeitsweise dort erlernen. Daneben erfolgt eine Weiterbildung in der Inneren und der Chirurgie.

Was bietet die Arbeit in der "Praxis an der Ohm"?

Iris Brunn: Das Fach Allgemeinmedizin ist im Studiengang völlig unterrepräsentiert. Wir beginnen in Laboren, gehen in Kliniken und sehen niemals eine Praxis. Nur mit diesem Wissen im Hintergrund kann man Vor- und Nachteile einer Hausarztpraxis gar nicht kennenlernen.

Das Tolle in einer Hausarztpraxis ist?

Diepolder: Das breite Spektrum ist sehr interessant, man lernt im Laufe der Zeit viel über die Patienten und familiäre Zusammenhänge. Speziell in der "Praxis an der Ohm" gefällt mir die Team- arbeit, und dass ich bei vielen Dingen mitwirken darf.

Was macht den Reiz der Hausarztpraxis für die Ärztin in Weiterbildung aus?

Brunn: Ich arbeite hier, ich habe mich klar für die Allgemeinmedizin entschieden. In der Praxis kann ich die Familie mit drei Kindern und die Arbeit sehr gut miteinander vereinbaren, ich fühle mich hier total wohl. Und ich arbeite halt gerne auf dem Land mit dem breiten Spektrum an Aufgaben. Das mache ich lieber als etwas ständig Wiederkehrendes, auch wenn das vielleicht Highend-Medizin ist.

Hausarztpraxis und Kinder - wie geht das ?

Mehriar Aliakbari: Ich habe zwei Kinder. Das geht im Team.

Sommer: Wenn einer von uns mit einem Kind zum Arzt muss, dann springt jemand anderes ein. Glücklicherweise gehört zu der Hausarztpraxis eine Wohnung im Obergeschoss, die eigentlich als Besprechungsraum genutzt werden sollte. Aber mittlerweile ist das unser Kinder-krank-Raum. Da oben ist alles, was Kinder benötigen. Nur die Kleinste, eine Fünfjährige, ist lieber bei uns. Vielleicht ist das unser Nachwuchs...

Der Frauenanteil im Medizinstudiengang hat stark zugenommen. Das spiegelt sich in ihrem Team wider.

Sommer: Ja, die Medizin ist weiblich, und nur so geht die Medizin, wenn man sich so wie wir hier zusammenschließt. Dann können Frauen in der Medizin arbeiten und gute Medizin machen.

In der Praxis arbeitet mit Christian Wulsch ein Mann mit. Wie hoch ist der Anteil der Männer im Medizinstudium?

Sommer: Das sind noch rund 30 Prozent.

Warum ist das so?

Brunn: Die Frauen sind einfach besser im Abitur.

Aber Chefärzte sind meist Männer.

Sommer: Ja, die bleiben in der Klinik stecken und machen "Karriere". Aber ob sich das finanziell so auswirkt, das ist noch fraglich.

Brunn: Wenn ich einen Assistenzarzt oder Oberarzt an einer Klinik sehe, dann verdienen die sicher nicht schlecht. Aber wenn ich sehe, was die an Stunden und an Zusatzdiensten machen, und welche Verantwortung die haben, ist es mit dem Verdienst nicht immer adäquat.

Sommer: Wenn man eine Einzelperson als Hausarzt sieht, dann sind das sicher sehr viele Arbeitsstunden. Wenn man im Team arbeitet, ist man sehr flexibel.

Aliakbari: Wir wollen ja unsere Patienten betreuen, ihnen feste Sprechstundenzeiten anbieten. Das kann man im Team gewährleisten.

Sommer: Ich habe etwas größere Kinder und kann so die Abendsprechstunde machen. Unser Kollege Wulsch, der mit uns 20 Stunden arbeitet, übernimmt zusätzlich die Betreuung der Computer, so haben wir die Möglichkeit, die Büroarbeit über einen PC von zu Hause aus zu machen. Das ist eine Luxusaufteilung.

Was ist nicht so gut?

Aliakbari: Man wird auch mal auf einem Fest angesprochen, aber das gehört auf dem Land dazu. Das ist sicher auch eine Typfrage und wir können damit ganz gut umgehen.

Sommer: Wenn jemand am Sonntag bei einem Notfall anruft, und man weiß, der alte Mensch will eigentlich nicht ins Krankenhaus, dann fährt man hin und sieht zu, dass man den gut betreut. Wenn man als Hausarzt niedergelassen ist, hat man die Möglichkeit, seine Patienten bis zum Schluss zu betreuen.

Sie haben tagsüber Patienten und abends Büroarbeit. Sind viele Vorgaben zu beachten?

Sommer: Die KV als drohende Instanz im Hintergrund - das ist nicht mehr so. Die KVH bietet viele Hilfen an. Sie hat uns im letztem Jahr bei der Praxisübernahme in rechtlichen Dingen sehr unterstützt Die haben uns sehr geholfen bei den Niederlassungsverträgen. Was immer über allem schwebt, ist die Angst vor dem "Regress". Wir sind finanziell haftbar für die Kosten (Medikamente, Krankengymnastik). So lassen wir regelmäßig Listen im Computer laufen, wie viele Medikamente haben wir ausgegeben, wie viel Geld haben wir noch, wie viel Krankengymnastik haben wir rausgegeben. Die Budgetierung ist eine Geschichte, da muss man aufpassen. Manchmal sind uns die Hände gebunden, was die Patienten nicht immer verstehen. Man muss ein guter Mediziner sein, darf aber das Kaufmännische nicht verlieren. Sonst geht man in die Insolvenz. Aber das ist kein Hexenwerk, das ist erlernbar.

Frau Diepolder, ist der Berufswunsch bei Ihnen vom Elternhaus aus vorgezeichnet, ist ein Elternteil Arzt?

Diepolder: Meine Eltern sind Kinderärzte, so musste ich als Kind nie zum Arzt. Andererseits konnte man nicht auf krank machen. Das wurde durchschaut. Ganz allgemein habe ich gemerkt, dass meine Eltern das gerne machen, es wurde zu Hause viel darüber geredet. Die Arbeit ist allerdings anstrengend. Das Aussuchen eines Berufes haben sie mir überlassen.

Und wie war das bei Ihnen, Frau Brunn?

Brunn: In meiner weiteren Familie gab es bislang keinen Arzt. Es hat mich da so "hingespült", muss ich sagen. Ich habe zuerst den Bachelor in Ernährungswissenschaften gemacht und erst mit Mitte 20 Gefallen an Medizin gefunden. Das haben meine Eltern mitgemacht. "Mach es lieber jetzt, als dass du dich später ärgerst", haben sie gesagt. Dann habe ich 2006 angefangen.

Wie haben Sie den Weg zur Allgemeinmedizinerin gefunden?

Brunn: Ich bin in einem der Praktika darauf gekommen. Ich habe festgestellt, das ist eine schöne Arbeit. Ohne die praktische Erfahrung wäre ich nie auf die Idee gekommen.

Welchen Stellenwert haben Hausbesuche?

Brunn: Die sind essenziell. Die Mobilität vieler Patienten ist eingeschränkt, und auf dem Land sind die Verbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln leider eingeschränkt.

In welchem Radius arbeiten Sie?

Brunn: Oh, das ist weit. Das reicht von Bernsfeld, Lehnheim, wir fahren über Grünberg und Ilsdorf nach Sellnrod und Höckersdorf bis Ober-Seibertenrod.

Um die ärztliche Versorgung auf dem Land aufrechtzuerhalten, regen Land und Bund Telemedizin an.

Sommer: Dazu ein Beispiel: Die Telekom hatte uns das Telefon Mitte letzten Jahrs wegen Unwirtschaftlichkeit seitens der Telekom abgeschaltet, und Unitymedia hatte uns aber noch nicht angeschlossen. Ein Anschluss liegt 300 Meter von unserer Praxis entfernt. Ein Anschluss bis zu uns hätte 20 000 Euro gekostet. Realität auf dem Land. Letztlich haben wir in Eigeninitiative einen Anschluss über eine Richtfunkantenne gesetzt. Herr Dr. Grün und Herr Wulsch haben Kabel verlegt und Antennen gesetzt, damit wir hier wieder einen Telefonanschluss haben. In diesem Zusammenhang mutet Telemedizin ganz witzig an.

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