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Pflege vor dem Burn-out

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Seniorenheime stehen unter Quarantäne, immer wieder erkranken reihenweise Bewohnerinnen und Bewohner an dem Coronavirus. Auch Pflegekräfte werden krank, was die Belastung für die übrige Belegschaft vergrößert. Depressive Symptome bis hin zu Burn-out sind die Folge, wie Fachkrankenpfleger Ingo Schwalm beobachtet.

Sie stehen an der Front gegen die krassen Auswirkungen der Corona-Pandemie und leiden unter einem Riesendruck. "Die Pflegekräfte pfeifen auf dem letzten Loch", sagt Ingo Schwalm. Als Fachkrankenpfleger und Demenz-Spezialist besucht er viele der 23 Altenheime im Kreis und spricht mit den Beschäftigten. "Schon vor der Pandemie herrschte der Pflegenotstand, nun ist die Belastung in den Heimen noch stärker angespannt."

Um den alten Menschen in Heimen und denen, die von mobilen Pflegediensten zu Hause versorgt werden, ein würdiges Leben zu erleichtern, muss sich die Arbeitssituation der Beschäftigten verbessern. Es braucht mehr Fachpfleger und Pflegehilfskräfte, die zudem einheitlich angemessen bezahlt werden müssen. Davon ist man noch weit entfernt, die Beschäftigten in der Altenpflege sind körperlich und psychisch so stark belastet, dass viele depressiv werden, bis hin zu Burn-out.

Länger krank

Das deckt sich mit dem, was eine Studie der Krankenkasse Barmer feststellt. Altenpflegekräfte in Deutschland sind laut der Studie deutlich häufiger krankgeschrieben und werden öfter frühverrentet als Erwerbstätige in anderen Berufen, wie unlängst "Die Zeit" berichtete. Durch bessere Arbeitsbedingungen ließe sich der Pflegenotstand deutlich abmildern, heißt es im Barmer-Pflegereport.

Bei den Krankheitstagen gibt es deutliche Unterschiede zu anderen Branchen. So fehlte jede krankgeschriebene Altenpflegefachkraft in den Jahren 2016 bis 2018 im Schnitt 18,6 Tage und damit 40 Prozent länger als Beschäftigte in sonstigen Berufen (13,3 Fehltage). Altenpflegehilfskräfte waren sogar im Schnitt 20,2 Tage krank. Zudem müssen Pflegekräfte häufiger und länger im Krankenhaus behandelt werden als andere Erwerbstätige.

Die Zahlen betreffen die Lage vor Corona, inzwischen sind die Belastungen noch höher geworden. So gehen Pflegekräfte nach einem positiven Virustest weiter zur Arbeit, versorgen dann halt die Corona-Erkrankten im Seniorenheim.

Und sie müssen auch die sozialen Kontakte ein Stück weit kompensieren, weil Kinder und Partner seltener oder nicht mehr kommen. So bekommt Schwalm immer wieder "Anrufe von Menschen in Heimen, die einsam sind". Die psychische Belastung steigt auch durch die Todesfälle in den Heimen. "Es ist ein kleines Wunder, wie die Pflegekräfte das schaffen", überlegt Schwalm.

Eine Entlastung wird es erst dann geben, wenn mehr alte Menschen geimpft sind und dann nach und nach wieder der Normalbetrieb läuft. Das wird sich noch etwas hinziehen. Schwalm hofft, dass dies im Sommer möglich wird.

Besonders am Herzen liegt ihm, dass die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung in der Pflege verbessert wird. Denn schon jetzt wechseln Pflegefachkräfte an die Krankenhäuser, die ebenfalls hohen Personalbedarf haben. Da geht es um Gehälter, die bis 800 Euro höher liegen. "Die Altenpflege blutet aus", schätzt Schwalm.

Deshalb tritt der Gewerkschafter dafür ein, den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst allgemeinverbindlich zu erklären. "Dagegen wehren sich private Träger mit Händen und Füßen", so Schwalm. Das gilt im Übrigen auch für Altenpflegehelfer, "ohne die läuft nichts mehr".

Um die Pflegekräfte zu entlasten, muss es zudem mehr Personal geben. "Die entscheidende Frage ist doch, wie viel sind uns unsere Senioren wert", formuliert es Fachmann Schwalm. FOTO: JOL

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