Ohne A 49 kein Industriegebiet

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Das große Thema A 49 prägt die Stadtpolitik in Homberg. Dabei geht es auch um ein Industriegebiet, das ohne Autobahn keine Chance hätte, wie Bürgermeisterin Claudia Blum im Gespräch sagt. Der Blick nach vorne richtet sich auf Tourismus, Baugebiete und seniorengerechte Wohnungen in der Friedrichstraße.

Der Bau der Autobahn A 49 rückt in greifbare Nähe - ist das Fluch oder Segen für Homberg?

Der Bau der A 49 ist leider umstritten. Eine große Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert den zukünftigen Bau oder befürwortet ihn. Ich persönlich sehe im Bau der A 49 mehr Vorteile als Nachteile für Homberg. Direkt am Autobahnanschluss Homberg können wir ein Industrie- und Gewerbegebiet entwickeln. Dort werden Arbeitsplätze entstehen, die unserer Jugend berufliche Perspektiven in der Heimat bieten wird. Die Stadtverordneten haben mit über 80 Prozent dem Industrie- und Gewerbegebiet zugestimmt und damit beschlossen, die Chance der Autobahn zu nutzen. Ich sehe den Bau von Straßen durchaus kritisch. Die A 49 jedoch wurde mehrfach gerichtlich bestätigt. Es existiert Baurecht. Ich erwarte von den Autobahngegnern, dass sie demokratisch gefasste Beschlüsse, die außerdem gerichtlich bestätigt wurden, endlich akzeptieren.

Das neue Gewerbegebiet gilt Ihnen als Chance, würde es solch ein Gebiet nicht auch ohne Autobahnauffahrt geben?

Nein, ohne den direkten Autobahnanschluss würde die Entwicklung eines Gewerbegebietes mit einer Größe von 250 000 Quadratmeter keinen Sinn ergeben. Mit diesem Gewerbegebiet sollen neue Unternehmen angesiedelt werden. Es entlastet die Umwelt, wenn Homberger nicht mehr nach Frankfurt oder Marburg zur Arbeit fahren müssen. Arbeitsplätze vor Ort sind für unsere Zukunftsfähigkeit von entscheidender Bedeutung. Bestehende Unternehmen wollen in der Regel in der Nähe erweitern. Dafür sind Flächen von einigen Tausend bis 20 000 Quadratmetern ausreichend. Im Rahmen der Neuaufstellung des Regionalplans Mittelhessen hat das Regierungspräsidium ein Gewerbeflächenkonzept entwickeln lassen, das Standortkriterien formuliert. Ein wesentliches Kriterium ist die direkte Nähe zu Autobahnanschlüssen. Lediglich Alsfeld, Homberg und Mücke werden im Vogelsbergkreis als Best-Standorte angesehen, für die größere Vorranggebiete Industrie und Gewerbe im Regionalplan ausgewiesen werden sollen.

Wie ist der Stand der Planung für das Gewerbegebiet?

Das Bauleitplanverfahren ist in Arbeit. Parallel wurden zwei Analysen in Auftrag gegeben, um festzustellen, ob das geplante Industrie- und Gewerbegebiet Am Roten Berg wirtschaftlich umsetzbar ist und Unternehmen angesiedelt werden können. Das Ergebnis ist, dass sich die Ausgabe für die Stadt auszahlen wird. Immerhin ist die Erschließung eines solchen Gebietes sehr teuer. Der Ankaufspreis für Grundstücke wurde durch die Stadtverordnetenversammlung auf maximal 7 Euro pro Quadratmeter festgelegt. Erschließung und Vermarktung sollen am Ende null auf null ausgehen. Durch unsere zentrale Lage in Deutschland ist der Standort für Logistikunternehmen besonders interessant. Es können aber auch andere Unternehmen angesiedelt werden. Es gibt hier noch keine Festlegungen. Die Stadtverordnetenversammlung wird die weitere Entwicklung und Vermarktung des Gewerbegebiets beraten und beschließen.

Mehr Arbeitsplätze bedeutet auch mehr Bewohner?

Ja, davon gehe ich aus. Arbeitsplätze sind ein entscheidender Faktor für die Wahl eines Wohnortes. Wir wollen wieder dauerhaft die Grenze von 7500 Einwohnern überschreiten. In den letzten Jahren hat sich der Bevölkerungsschwund verlangsamt. Von 2009 bis 2019 betrug der Bevölkerungsrückgang etwa 4 Prozent. Aber von 2018 zu 2019 ist ein leichter Zuwachs zu verzeichnen, das ist eine Trendwende, die wollen wir verstetigen.

Vor einiger Zeit war der Grundstücksverkauf in Baugebieten teilweise schleppend, sieht das jetzt besser aus?

Ja, wir können in diesem Jahr Zuzug aus dem Marburger Raum feststellen. Im Moment sind in der Kernstadt keine städtischen Grundstücke mehr verfügbar. In Nieder-Ofleiden werden weitere Bauplätze in diesem Jahr erschlossen, für die schon Reservierungen vorliegen. In Appenrod wird Ende des Jahres das Baugebiet erschlossen sein, sodass dort ab 2021 gebaut werden kann. In fast allen Stadtteilen sind Bauplätze verfügbar. Wir müssen aber auch an den Flächenverbrauch denken. Es gibt innerorts einige Grundstücke in privater Hand, aber kein Interesse der Eigentümer am Verkauf. Wir haben mit 14 Stadtteilen ein großes Straßennetz, die Unterhaltung ist teuer. Deswegen sollten neue Bauplätze vor allem dort entstehen, wo bereits Straßen und Leitungen vorhanden sind.

Manche Menschen kommen zunächst als Besucher, um Homberg zu entdecken - wie entwickelt sich der Tourismus?

Im Bereich Tourismus hat Homberg viel zu bieten. Die Wanderer auf der Schächerbachtour kehren in die Gaststätten ein und kaufen auch etwas in den Geschäften. Das stärkt die lokale Wirtschaft. Was fehlt, sind Übernachtungsmöglichkeiten, auch wenn sich einiges tut. So wird das Hotel der Bäckerei Dickel in Nieder-Ofleiden gelobt und der Frankfurter Hof renoviert die Hotelzimmer. Mit dem Auto ist Homberg schnell z. B. auch von den Niederlanden aus erreichbar. Da sehe ich noch Potenzial. Der Radweg hat touristisches Potenzial, das zeigen die positiven Rückmeldungen auf den Bau des Teilstückes zwischen Nieder- und Ober-Ofleiden. Inzwischen hat auch der Biergarten im Schloss wieder geöffnet, das ist schön. Das Schloss mit der besonderen Atmosphäre und den vielfältigen Angeboten gehört neben den Wanderwegen zu unseren wichtigsten touristischen Anziehungspunkten.

Langsam kehrt wieder mehr Normalität ein. Wie haben sich die Corona-Einschränkungen in Homberg ausgewirkt?

2020 ist ein schwieriges Jahr für die Stadt, fast alle Vorhaben verzögern sich deutlich. Beim geplanten Radweg und der Ohmbrücke zur Pletschmühle gab es wegen der Corona-Pandemie ein halbes Jahr Stillstand. Wir haben im laufenden Betrieb trotz der Corona-Einschränkungen vieles möglich gemacht. So haben wir das Schwimmbad geöffnet, was ein Segen bei den hohen Temperaturen ist. Die Homberger Kulturwochen mussten wie viele Veranstaltungen abgesagt werden. Das Open-Air-Kino konnte jedoch in der Innenstadt stattfinden. Den Kalten Markt müssen wir absagen. Wir arbeiten gerade an einem Alternativprogramm mit Feier des 30-jährigen Städtepartnerschaftsjubiläum mit Stadtroda und einem Markt mit verkaufsoffenem Sonntag. Die Zeiten sind schwierig für Einzelhändler und Kulturveranstalter. Auch die Vereine leiden unter der Pandemie.

Was steht auf der Agenda für die nächsten Monate?

Ein wichtiges Projekt ist der Verkauf des Grundstücks Friedrichstraße. Dort soll seniorengerechtes und barrierefreies Wohnen entstehen. Der Verkauf sollte in diesem Jahr zu schaffen sein, dann kann ein Investor mit der Verwirklichung des Projektes beginnen. Das ist auch deshalb wichtig, weil es nach dem Bürgerbegehren von 2015 weiterhin große Zerwürfnisse in der Stadtverordnetenversammlung gab. Erst durch das Interessenbekundungsverfahren mit der Festlegung der Grundstücksgröße und den konkreten Zielen der Planung hat sich die Stadtverordnetenversammlung mit einer großen Mehrheit von über 80 Prozent auf das Projekt geeinigt. Für 2020 steht die Fertigstellung des Feuerwehrgerätehauses Dannenrod an und das Baugebiet Appenrod soll bebaut werden können. Die Kläranlage Nieder-Ofleiden wird energetisch saniert. Das ist ein Beitrag zum Klimaschutz.

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