Notfallsanitäter Marcel Greb und Dr. Erich Wranze-Bielefeld führen vor, wie man vom Rettungswagen aus über moderne Technik mit dem Notarzt in Kontakt bleibt. Den ans EKG angeschlossenen Patienten simuliert Ekko Stöppler. FOTO: JOL
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Notfallsanitäter Marcel Greb und Dr. Erich Wranze-Bielefeld führen vor, wie man vom Rettungswagen aus über moderne Technik mit dem Notarzt in Kontakt bleibt. Den ans EKG angeschlossenen Patienten simuliert Ekko Stöppler. FOTO: JOL

Der Notarzt hilft per Computer

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Im Vogelsberg wird seit einiger Zeit die neue Technik erprobt, bei der ein Notarzt nicht im Rettungswagen mitfährt, sondern per Datenleitung zugeschaltet werden kann. Die bisherigen Erfahrungen sind gut. Vorteil: Bei harmlosen Erkrankungen fallen geringere Kosten an und die Notfallsanitäter vor Ort können im Zweifel Experten zu Rate ziehen.

Oft genug rückt ein Rettungswagen mit Blaulicht aus und dann stellen die Notfallsanitäter fest, dass eine eher harmlose Erkrankung vorliegt. Das bindet wertvolle Ressourcen, vor allem wenn ein Notarzt mit an Bord des Spezialfahrzeugs ist. All zu oft stellen die Experten fest, dass ein vermeintlicher Herzinfarkt gar keiner ist. "Rund 50 Prozent der Einsätze wegen unklarer Brustschmerzen haben eine harmlose Ursache", sagt Dr. Erich Wranze-Bielefeld.

Der ärztliche Leiter des Rettungsdienst freut sich deshalb über das Projekt Telemedizin, mit dem es eine echte Entlastung der Notärzte gibt.

Moderne Technik ermöglicht die enge Zusammenarbeit von Notfallsanitätern im Rettungswagen mit einem diensthabenden Arzt in der Leitstelle oder in der Bereitschaft. Das schont das Rettungssystem und spart Geld, hofft Wranze-Bielefeld.

Im Zentrum stehen Einsätze wie der oben geschilderte bei Brustschmerzen. Denn nur bei einer potenziell lebensbedrohlichen Erkrankung muss der Rettungsdienst zum Patienten eilen. Bei einfachen Unfällen mit Knochenbruch oder Kreislaufbeschwerden rücken nur die Notfallsanitäter aus.

Bei Brustschmerzen kann statt eines lebensbedrohlichen Herzinfarkts manchmal nur ein harmloser eingeklemmter Nerv vorliegen. Deshalb klärt der Mitarbeiter in der Leitstelle die Symptome ab.

Wenn der Patient nicht akut gefährdet ist, kommt der Rettungswagen mit Notfall- und Rettungssanitätern. Sie machen vor Ort ein Elektrokardiogramm EKG, das die elektrischen Impulse des Herzens aufzeichnet. Bei einem Herzinfarkt zeigt die Zackenlinie einen veränderten Verlauf.

Die Daten, und das ist das Neue, werden sofort auf ein Spezial-Netbook des Notarztes überspielt. "Der Telemediziner beurteilt das Ruhe-EKG und die anderen Daten und sagt, was zu tun ist." Die Sanitäter können Medikamente gegen Schmerzen geben und im Ernstfall wird der nächste verfügbare Notarzt alarmiert. "Gerade die Notfallsanitäter sind hoch qualifiziert", betont Wranze-Bielefeld.

Die Telemedizin ist auch eine Reaktion auf die immer weiter steigende Zahl an Einsätzen. Bei einer älter werdenden Bevölkerung sind mehr Alarmierungen normal, so Wranze-Bielefeld. Hinzu kommt aber die zunehmende Zahl an Bagatellanrufen.

Neu ist jetzt, dass zentrale Geräte im Wagen per Funk an das Netbook des diensthabenden Notfallarztes angebunden sind. Zentrale Daten wie Blutdruck und EKG-Werte stehen dem Arzt zur Verfügung. Per Chat und Telefon kann der Mediziner mitteilen, was zu tun ist.

Das System hat weitere Vorzüge, so können jüngere Notärzte Rat bei erfahrenen Kollegen einholen. Auch kann eine Krankenhauseinweisung vermieden werden. Wranze-Bielefeld verweist auf das Beispiel Lungenentzündung. Wenn Notfallsanitäter im Einsatz waren, mussten sie bislang zur Sicherheit eine Untersuchung im Krankenhaus anordnen. Die ist unnötig, wenn der Tele-Arzt zugeschaltet ist. Eine Infektion kann zu Hause mit Medikamenten behandelt werden.

Die ständige Erreichbarkeit eines Arztes hat Vorteile in Situationen, die nicht eingeplant waren. So untersuchten Notfallsanitäter einen Mann, der die Treppe hinuntergefallen war. Den Sanitätern kam der Schwächeanfall komisch vor und sie machten ein EKG, das sie mit dem Telenotarzt besprachen. So stellten sie schnell einen Herzinfarkt fest, der ansonsten erst später im Krankenhaus behandelt worden wäre.

Wichtig ist die Sicherheit des Systems. Das fängt beim Einloggen in das Netbook an. Per Gesichtserkennung wird gewährleistet, dass nur bestimmte Personen Zugang haben. Vor der scharfen Phase ist das System vier Monate lang geprüft worden. Dabei zeigte sich, dass in manchen Bereichen des Kreises kein Funkempfang besteht. "Dort muss man im Zweifel gleich einen Notarzt mitschicken", sagt Wranze-Bielefeld. Seit Januar ist die Telemedizin im Einsatz, bislang wurde sie in rund 70 Einsätzen genutzt. Man sei sehr zufrieden mit den Ergebnissen. Für eine Bilanz ist es noch zu früh, dafür brauche man mehr Erfahrungen.

Wranze-Bielefeld sieht echte Vorteile. "Wir können die Ressourcen besser nutzen und die Qualität der Behandlung verbessern." Ein Bereitschaftsdienst zu Hause ist günstiger als die ständige Bereitschaft in der Leitstelle.

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