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Notarzt der Nation

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Der Chef des Kanzleramts sollte nicht stark in den Vordergrund rücken, sagte Helge Braun bei seinem Amtsantritt 2018. Das hat in der Pandemie nicht mehr geklappt. Der Gießener wurde ein vertrautes TV-Gesicht. Als Notarzt der Nation erklärt er dem Volk (Impf)strategien inklusive Pleiten und Pannen. Welche Rolle der Krisenmanager der Bundesregierung nach dem Abschied Merkels spielen wird, ist ungewiss.

Dem Wahlkämpfer Braun macht das keinen Kummer, er sieht sich fachlich breit aufgestellt.

Das Foto gefällt ihm. Helge Braun streckt dem Fotografen einen Feuerlöscher entgegen. So sieht er seine politische Rolle, zumindest derzeit. In der Reihe »Sagen Sie jetzt nichts, Herr Braun« konnte man den Bundestagskandidaten und »Chef-BK«, geboren am 18. November 1972 in Gießen, im Magazin der Süddeutschen Zeitung betrachten. Ist eine solche Fotostrecke nicht brandgefährlich?

Wissen wir nicht spätestens seit Peer Steinbrücks Stinkefinger an gleicher Stelle, dass eine Geste die Karriere ruinieren kann? »Natürlich«, nickt Braun, Bilder sind interpretierbar. Man denke nur an das Lächeln Laschets im Hochwassergebiet und zuletzt die »Merkelraute« von Olaf Scholz. Der langjährige Politprofi Braun kennt die Risiken im Mediengeschäft, nutzt aber auch deren Chancen. Man kennt das aus TV-Interviews: Er lässt sich weder drängen noch zu unüberlegten Bemerkungen hinreißen. »Man muss nicht alles beantworten«, sagt er.

Die Braun’sche Besonnenheit kommt »beim Volk« unterschiedlich an: Manche finden ihn einschläfernd - typisch Anästhesist eben -, doch viele fühlen sich bei dem »freundlichen Erklärbär« (wie ihn einmal ein Schweizer Journalist nannte) sicher und gut aufgehoben. Die Botschaft: Hier ist einer, der sich auskennt und es gut mit euch meint.

Braun ist keiner, der leicht die Nerven verliert. Das führt er tatsächlich auf seinen Beruf zurück. Mit der Narkosespritze hat das weniger zu tun als mit der Tatsache, dass sowohl ein Anästhesist als auch ein Notfallmediziner in der Krise die Ruhe bewahren muss. Dass er selbst im März, angesichts noch geringer Impfangebote und der verunglückten »Osterruhe«, schlaflose Nächte hatte, muss man niemandem auf die Nase binden.

Das Kanzleramt scheint auf Braun zugeschnitten zu sein: Innerhalb der Ministerien ist er Koordinator und Moderator, nach außen Feuerlöscher. »Ich mache die Regierungsarbeit mit großer Leidenschaft«, sagt er. Doch was kommt nach Merkels Abschied? Ein Kanzler Laschet brächte vermutlich eigene Leute mit, und ob es überhaupt was wird mit der CDU? Braun ist gelassen. »Es ist normal, dass nach vier Jahren die Karten neu gemischt werden«, sagt er.

Er fühlt sich gerüstet für verschiedene Ressorts, schon immer sei die Bandbreite seiner Tätigkeiten und Themen vielfältig gewesen. Medizin und Gesundheit, Forschung, Wissenschaft, Digitalisierung. Bleibt die Frage nach dem eigenen Bundesland. Kann er sich vorstellen, die Nachfolge von Volker Bouffier anzutreten?

Da Hessen einen Ministerpräsidenten habe und keinen suche, stelle sich diese Überlegung nicht, sagt er. Ein typischer Braun-Blick aus freundlichen blauen Augen erinnert daran, was er zu Beginn des Gesprächs gesagt hat: »Man muss nicht alle Fragen beantworten.« Das habe er von der Kanzlerin gelernt.

Von Angela Merkel spricht er mit großer Hochachtung. Mehrfach weist er darauf hin, viel von ihr gelernt zu haben. Auch die Strategie, sich »bei der Arbeit zu erholen«. Der Chef des Kanzleramts hat kaum Freizeit im klassischen Sinne, dafür aber die Möglichkeit, täglich hochinteressante Menschen zu treffen. Ausländische Staatenlenker, geniale Wissenschaftler oder Künstler. Diese Begegnungen seien ungemein bereichernd und inspirierend, er nutze sie, um seine Energiereserven aufzufüllen. »Das ist ein Privileg, das ich sehr zu schätzen weiß«, bekennt er. Betrachtete er diese Pflichttermine als Belastung, könne er den Job nicht mit gleicher Intensität machen.

Ähnlich sei es mit den Begegnungen in Gießen. Unter der Überschrift »Auf einen Kaffee mit Helge Braun« besucht er derzeit an den Wochenenden Menschen zum Austausch. Kleine Gruppen von acht bis zwölf Leuten kommen dabei mit ihm ins Gespräch. An diesen Nachmittagen misst der Notarzt der Nation sozusagen den Puls des (Wahl)volks.

Er erfährt aus erster Hand, was die Menschen umtreibt. Natürlich wollten die Gastgeber zunächst von ihm etwas hören von der »großen Politik«, aber dann spreche man über Sorgen und Nöte. »Ich mag das, weil es unmittelbar, praktisch und ehrlich ist«, sagt er. Dabei sehe er z.B., wie schwierig sich die Umsetzung der Pflegereform gestalte und wie lückenhaft die finanzielle Versorgung pflegebedürftiger Menschen sein könne. Andere Top-Themen seien der Klimawandel und die Ressourcenschonung vor Ort. Wie lässt sich eine Alternative zur alten Ölheizung am besten finanzieren? Diese Fragen beschäftigen die Menschen. Da man in der Politik häufig mit Interessenvertretern aus Verbänden zu tun habe, sei der direkte Draht zu den Bürgern besonders aufschlussreich. Braun: »An diesen Nachmittagen lerne ich viel und nehme jedes Mal eine Menge mit.«

Der »Chef-BK« ist nicht nur im Wahlkampf, sondern auch sonst fast jedes Wochenende zu Hause bei seiner Frau in Gießen. Er mag die Stadt, hier sind seine Wurzeln. Seine Eltern leben hier, seine Freunde. Voller Stolz hat er der Kanzlerin kürzlich das Mathematikum und das Liebigmuseum gezeigt. »Das hatten wir schon lange vor«, sagt er. Braun genießt es, sich in der Stadt frei bewegen zu können, fast so wie früher, als er noch keinen Promi-Status hatte. »Die Gießener sind da sehr entspannt, ich führe viele nette Gespräche, werde aber nicht bedrängt.« Wenn die Leute ein Anliegen hätten, wüssten sie ja, wie sie ihn erreichen können, unterstreicht Braun seine Bürgernähe.

Ein konkretes Anliegen nicht nur der Bürger, sondern auch sein ganz persönliches, ist das Schließen der Funklöcher. Für den Ausbau des Mobilfunknetzes habe man große Summen investiert und viel erreicht. Das gelte auch für den komplexen Bereich der Digitalisierung. Das Recht auf schnelles Internet beschleunige jetzt zum Glück langwierige Verfahren, dennoch sei noch viel zu tun. Bevor die Bürger Fortschritte sähen und von ihnen profitierten, sei immens viel Vorarbeit nötig. »Digitalen Tiefbau« nennt Braun das.

Eine wichtige Errungenschaft, von der in den Medien kaum jemand Notiz genommen habe, sei z.B. das Registermodernisierungsgesetz. »Das klingt nicht spannend, ich weiß«, sagt Braun und lacht. Das sei es aber. Denn es eröffne großartige datenschutzkonforme Möglichkeiten des Datenaustauschs zwischen Bürgern und Behörden. Braun antwortet nicht auf jede Frage, aber bei seinen Lieblingsthemen holt er gerne aus.

»Merkel verlässt das Kanzleramt. Was machen Sie?«, steht unter dem letzten Bild der SZ-Fotostrecke. Braun telefoniert, in den Händen hält er Smartphone und Notebook. Ein Multitasker - Verwendungszweck offen.

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