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Krankenhausaufenthalte sind in Corona-Zeiten noch anstrengender als sonst. Eine Nerven zehrende Erfahrung machte jetzt eine Familie aus Deckenbach in der Marburger Uni-Klinik. SYMBOLBILD: DPA

Not-OP war falscher Alarm

  • Kerstin Schneider
    VonKerstin Schneider
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Krankenhausaufenthalte sind selten angenehm. Das gilt gerade in Corona-Zeiten. Eine 87-jährige Deckenbacherin und ihre Angehörigen hatten allerdigs diese Tage im Marburger Uni-Klinik ein Erlebnis, das allen massiv an die Nerven ging. Das Universitätsklinikum Gießen-Marburg spricht von einem Versehen.

Was für ein Schreck am 19. Juli für Werner Bachmann und seine Ehefrau. Sie riefen den Notarzt, weil die pflegebedürftige Schwiegermuter (87) zusammengesunken in ihrer Küche saß. Schon nach fünf bis sechs Minuten war der Krankenwagen vor Ort, nur wenig später der Notarzt. Dieser ordnete nach einigen Untersuchungen vor Ort an, dass man die Frau ins Uniklinikum nach Marburg bringen sollte.

Die alte Dame war innerhalb von drei Wochen schon das dritte Mal in der Klinik. »Sie wollte eigentlich nicht nach Marburg, aber nach Alsfeld ins Kreiskrankenhaus ging nicht, weil es dort keine Neurologie-Abteilung gibt.«

Was dann am gleichen Abend geschah, das lässt die Bachmanns immer noch relatuv fassungslos wirken. Am Nachmittag gegen 16 Uhr rief seine Frau in der Uni--Klinik an, um sich nach ihrer Mutter zu erkundigen.

Man habe sie in »recht patziger Art und Weise abgewimmelt«, da man telefonisch kein Auskünfte geben darf, versprach aber gleichzeitig, dass ein Arzt zurückrufen wird. »Wir haben natürlich gewartet und gewartet und uns großen Sorgen gemacht.«

Der versprochene Rückruf erfolgte schließlich um 19.15 Uhr. Der Arzt aus Marburg habe wissen lassen, dass Hildegard Dörr auf der Notfallstation der Klinik liege und sofort operiert werden müsse, da man Blutungen in der rechten Hirnhälfte festgestellt habe. Diese müssten durch eine Bohrung durch die Schädeldecke abgesaugt werden. Weiterhin wurde seine Frau gefragt, ob sie der OP zustimmt, Hildegard Dörr sei schon auf dem Weg in den Operationssaal.

Ihre Tochter stimmte zu. Um 20 Uhr erhielten die Bachmanns dann wieder einen Anruf aus Marburg. Diesmal aber verwirrenderweise aus dem Klinikum in Wehrda. Am Telefon sei eine überaus freundliche Krankenschwester gewesen, die mitteilte, dass ihre Mutter seit 18.30 Uhr im Diakonie-Krankenhaus in Werda untergebracht und stabil ist. Kurz danach war es noch möglich, mit einer Ärztin zu sprechen, die riet, die Mutter doch anzurufen.

Es stellte sich heraus, dass am Kopf nichts war, die alte Dame vielleicht zu wenig getrunken hatte und zusätzlich an einer Durchfallerkrankung litt. Deshalb musste sie isoliert untergebracht werden, was an der Uni-Klinik aus Platzgründen nicht möglich war. »Man kann sich kaum vorstellen, was uns dieser Akt an Nerven gekostet hat und was die Nachricht der bevorstehenden Schädeloperation bei uns allen ausgelöst hat. Vor allem macht sich meine Frau Vorwürfe, dass sie ungewollt einer Operation zugestimmt hat,« sagt Werner Bachmann.

Warten auf ein Zeichen

Er selbst hat nach einem schweren Herzleiden ebenfalls Erfahrungen mit dem Uniklinikum gemacht, die ihn sehr frustriert haben, weshalb er für sich zum Entschluss gekommen ist: »Da möchte ich nicht mehr hin.« Er habe die »Missstände,« wie er es nennt, am eigenen Leib erfahren. Bachmann betont aber, dass es ihm fern liegt, ohne triftigen Grund zu meckern.

Er habe auch Verständnis dafür, dass die Corona-Pandemie die Krankenhäuser vor große Probleme stellt. Doch ihm kommt es so vor, als sei das nicht der alleinige Grund, sondern als seien etliche Probleme im Zuge der Privatisierung der früheren Uni-Kliniken hausgemacht. »Die Probleme können aber nicht auf dem Rücken der Patienten ausgetragen werden. Manches ist entschuldbar, anderes nicht.« Er schildert noch eine Episode aus eigenem Erleben bei einem Krankenhausaufenthalt in Marburg. Ein Chefarzt habe bei der Visite gefragt, ob der Patient am Vortrag kräftig einen gebechert hätte? Man habe 2,4 Promille in seinem Blut festgestellt.

Werner Bachmann war völlig verdutzt, wies den Konsum von Alkohol weit von sich. Etwas später habe sich der Arzt entschuldigt, die Kartei eines anderen Patienten sei versehentlich in die Akte von Werner Bachmann gerutscht.

Zudem habe sich nach dem Vorfall mit seiner Schwiegermutter niemand aus dem Marburger Klinikum gemeldet, um den Sachverhalt in einem kurzen Gespräch aufzuklären. »Wäre das der Fall gewesen, hätten wir uns gar nicht beschwert. Wir sind doch froh, dass es Ärzte gibt, die im Notfall helfen,« so der 75-jährige weiter.

Beim Universitätsklinikum Gießen-Marburg verlautete auf eine Anfrage dieser Zeitung Folgendes von Pressesprecher Frank Steibli: »Wir konnten den Vorgang intern aufklären und werden uns mit der Patientin und ihren Angehörigen in Verbindung setzen. Unsere zuständige Oberärztin nimmt sich der Sache an und wird sich für das Versehen in aller Form entschuldigen«.

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