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Nicht mehr ohne Biotonne

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Von: Kerstin Schneider

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Erst wollte sie keiner haben, inzwischen ist die Biotonne für die meisten Vogelsberger unentbehrlich geworden. © Red

Vor sieben Jahren liefen Vogelsberger Kommunalpolitiker Sturm gegen die Einführung der Biotonne. Der Regierungspräsident musste den Kreis am Ende dazu verdonnern, die braunen Behälter aufzustellen. Von Protesten ist heute keine Rede mehr. Die Abfallmengen, die über die Biotonne jedes Jahr eingesammelt werden, sprechen eine deutliche Sprache.

Die Biotonne ist im Vogelsberg absolut akzeptiert. Das sagt der Vorsteher des Vogelsberger Abfallzweckverbandes ZAV, Dieter Boß. Jedes Jahr werden auf diesem Weg 9000 Tonnen organischer Abfall im ganzen Kreis eingesammelt. »Das ist ein gutes Ergebnis.« Darüber hinaus werde über die Einsammlung »reine Bioqualität« produziert, sagt Boß.

Die Qualität des eingesammelten Materials sei hoch, »wir brauchen keine Nachsortierung und keinen Umwelt- sheriff, wie es etwa in der Stadt Fulda der Fall ist«. Man liege bei den sogenannten Fehlwürfen deutlich unter der allgemeinen Quote von rund drei Prozent.

Denn vielfach kommen gerade aus größeren Städten Klagen, dass in der Biotonne auch anderer Müll landet. Darunter sind immer wieder sogenannte kompostierbare Beutel, die allerdings nur in ganz speziellen Anlagen so behandelt werden können, dass sie später einmal verrotten. Von Abfallentsorgern werden sie deshalb nicht gern gesehen, oft bleiben Tonnen sogar stehen.

Lediglich eine sehr geringe Beimischung von Papier ist in der Biotonne zulässig, also auch entsprechende Tüten für den Bioabfall. Boß lobt die Vogelsberger für ihr Sortierverhalten: »Bisher gab es von unserem Abnehmer keine Beanstandungen.« Patrick Heil, Geschäftsführer des Entsorgungszentrums Vogelsberg, hat weitere Zahlen. So beträgt das Verhältnis der Abfallmengen Restmüll zu Bioabfall jetzt 60:40. Vor der Einführung der Biotonne 2016 wurden 18 000 Tonnen Restmüll gesammelt, in denen der Biomüll enthalten war. Jetzt werden pro Jahr rund 12 000 Tonnen Restmüll eingesammelt und besagte 9000 Bioabfall. Interessanterweise gibt es trotz der Getrenntsammlung des Biomülls keinen nennenswerten Rückgang der Abfallmengen, ganz im Gegenteil, die Abfallmengen steigen weiter. »Das liegt am Konsumverhalten der Menschen«, sagt Heil. Zudem zeige sich bei einer Betrachtung des eingesammelten Biomülls, »dass ganz viel ungenutzte Lebensittel darin landen«.

Der im Vogelsberg eingesammelte Biomüll wird von der beauftragten Firma nach Otzberg in Thüringen transportiert, dort gesiebt, von Fremdstoffen befreit und dann auf Kompostrotten aufgetürmt. Nach dem Kompostieren kann das Endprodukt für den Garten- und Landschaftsbau abgegeben werden.

Es sind im übrigen nur ganz wenige Vogelsberger, die sich vom Anschluss an die Biotonne befreien lassen, so Heil. Sie müssen nachweisen, dass sie einen Nutzgarten bewirtschaften, »ein Blumengarten reicht nicht«. Im Zweifelsfall werde das auch stichprobenartig kontrolliert und über die modernen Medien gebe es die Möglichkeit, zu sehen, »ob und wie groß der Garten ist«, sagt Heil. Der Nutzen der Biotonne sei auf jeden Fall da, betont auch er.

Und dass vor dem Hintergrund, dass vor deren Einführung vor jetzt sechs Jahren ein massiver Streit tobte. Denn eine Mehrheit im Zweckverband Abfallwirtschaft Vogelsbergkreis lehnte die Einführung vehement ab, zuletzt musste die Einführung der Tonne gar vom Regierungspräsidium per Zwang angeordnet werden. Dagegen hatte der Abfallzweckverband dann sogar eine Klage angestrengt, die keinen Erfolg hatte. Der Streit um die Biotonne im Vogelsberg rief auch überregionale Medien auf den Plan. So berichteten Fernsehsender darüber.

Die politischen Parteien und deren Vertreter im Abfallverband sahen zunächst den Kostenaspekt und fürchteten eine deutliche Erhöhung der Müllgebühren durch die Einführung der Biotonne.

Sie sei von der Mehrheit der Bürger nicht gewünscht und werde nicht gebraucht, hieß es damals. Die Biotonne sei »unsinnig«. Für die Mengen an Speiseresten, die in die Biotonne sollen, lohne »sich deren Einführung keineswegs«. Inzwischen dürften viele ihr Urteil von damals geändert haben, sieht man die Mengen von Speiseresten, die in den Tonnen landen. Die vom Bund vorgegebene Biotonne passe nicht in ländlich strukturierte Gegenden wie den Vogelsbergkreis, war damals ein Lieblingsargument der Gegner. Die Besonderheiten des ländlichen Raumes mit vielen privaten Kompostierern müssten Berücksichtigung finden. Dieses Argument stand allerdings damals schon auf sehr wackligen Füßen. Denn der Anteil von Eigenkompostierern ist auch in den ländlichen Regionen in den vergangenen Jahrzehnten parallel zum Rückgang der Nutzgärten massiv zurückgegangen. Der Komposthaufen hinter dem Haus ist auf dem Dorf inzwischen eher zur Ausnahme geworden.

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