Die Dolmetscher Raghad al-Badri und Kazim Ehsas mit Peter Gabriel, Ulli Kill und Rainer Lindner von der Flüchtlingsinitiative Gemünden (v. l.). FOTO: JOL
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Die Dolmetscher Raghad al-Badri und Kazim Ehsas mit Peter Gabriel, Ulli Kill und Rainer Lindner von der Flüchtlingsinitiative Gemünden (v. l.). FOTO: JOL

Nicht alle Hoffnungen erfüllten sich

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Seit fünf Jahren kümmert sich die Flüchtlingsinitiative in Gemünden um das Miteinander von Neu- bürgern und Eingesessenen. Inzwischen sind einige der Geflüchteten nach Alsfeld gezogen, aber es bleibt viel zu tun. Man hilft bei Behördenschreiben, sucht Jobs und überwindet kulturelle Schranken, um die Menschen kennenzulernen.

Nach fünf Jahren ehrenamtlichem Einsatz für Geflüchtete im Dorf sagt Rainer Lindner: "Wir sind gut beschäftigt". Hinter den Kulissen bleibt für die Flüchtlingsinitiative Gemünden weiter viel zu tun. Zwar leben statt einstmals 100 nur noch etwa 30 Geflüchtete in der Vogelsberg-Kommune, aber das gute Dutzend Aktive hat im Engagement nicht nachgelassen, wie Lindner und Ulli Kill erläutern.

Über fünf Jahre hinweg hat sich die Arbeit verändert. So haben die Begleiter inzwischen viele Erfahrungen im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturkreisen wie Syrien, Afghanistan, Iran und der Türkei gesammelt. "Integration dauert länger als vier Jahre, da müssen beide Seiten ihren Beitrag leisten", formuliert Kill eine Erkenntnis.

Das Spektrum der Tätigkeiten ist seit 2015 in etwa gleich geblieben. Da geht es vorrangig um Sprachkenntnisse und Jobs. "Sprache ist das A und O" für ein gutes Miteinander im Dorf, sagt Lindner. Anfangs gab es Schwierigkeiten für afghanische Flüchtlinge, weil sie oft keinen Anspruch auf diese Leistungen hatten.

Auch sei es wichtig, die Kinderbetreuung sicherzustellen, damit Frauen leichter an diesen Sprachkursen teilnehmen können.

Keine geeigneten Jobs vor Ort

Schwieriger ist die Lage bei den Arbeitsplätzen. So gibt es wenig geeignete Jobs in Gemünden und Umgebung, nur zwei junge Männer kamen dort unter. Eine Reihe Menschen zog nach Alsfeld, weil dort mehr Chancen bestehen. Ein Grund hierfür ist die großen Bandbreite an beruflichen Vorerfahrungen.

Manche haben nur wenige Jahre Schule absolviert, während die erst vor kurzem zugezogenen Flüchtlinge aus der Türkei gute Jobs hatten und qualifiziert sind. "Sie lernen auch schneller die deutsche Sprache", sagt Kill.

Verbessert hat sich die Kenntnis der kulturellen Besonderheiten. Anfangs war eher der gute Wille vorherrschend, im Lauf der Zeit entwickelten sich freundschaftliche Beziehungen, bestätigen Kill und Lindner.

Dabei waren Fehler vorprogrammiert. So erinnert sich Ulli Kill gut daran, dass er bei einem der ersten Begegnungscafés auch den weiblichen Besuchern zur Begrüßung die Hand schütteln wollte. Das ist in Vorderasien unüblich, die Frauen sind mit starrem Blick vorbeigelaufen. "Heute lachen wir darüber und begrüßen uns, indem wir die Hand aufs Herz legen."

Inzwischen sind gute Beziehungen zwischen Helfern und den Zugezogenen entstanden. Die Unterstützung der Aktiven erstreckt sich auf das Übersetzen von Behördenschreiben, Tipps bei Alltagsproblemen und Fahrten zum Arzt. Über den Kreis der Initiative hinaus haben sich über die Jahre hinweg herzliche Beziehungen im dörflichen Umfeld entwickelt.

Da in Gemünden vorwiegend Familien zugezogen sind, kommen Kontakte zu Nachbarn über den Zaun zustande. So manches Kind hat eine neue "Oma" in der Nachbarschaft kennengelernt.

Was nicht so gut klappt wie anfangs erhofft, ist der Zuspruch aus den Gemündener Ortsteilen zu den sogenannten Begegnungscafés. Diese geselligen Runden erreichen nur einen begrenzten Personenkreis. Sie seien aber wichtig für den Austausch der Aktiven und der Neubürger. Die regelmäßigen Treffen sollen nach dem Ende der Corona-Einschränkungen weitergehen.

Mehr Erfolg haben die Aktiven mit größeren Veranstaltungen, so gab es einige gut besuchte Konzerte. Zudem informierte man über Fluchtursachen und Seenotrettung. Besonders in Erinnerung geblieben ist der Vortrag von TV-Moderator Harald Lesch über Folgen des Klimawandels, der vielen Menschen die Lebensgrundlage raubt und sie zur Flucht zwingt.

Ein Fazit von Ulli Kill nach fünf Jahren: "Wir sind froh, dass es kaum Anfeindungen gegeben hat". Man hat gute Erfahrungen mit den zuständigen Mitarbeitern der Kreisverwaltung gemacht, ergänzt Lindner. "Da sind viele sehr hilfsbereit." Positiv ist auch, dass der Stamm an Aktiven weiterhin recht groß ist, damit sich nicht Einzelne überlasten. Für die Zukunft haben Kill und Lindner Wünsche. So ist der Wegfall von zwei Stellen in der Flüchtlingsberatung der Kirche ein echtes Problem. Die Rechtslage für Flüchtlinge ist so schwierig, "das können wir als Ehrenamtliche nicht allein auffangen", sagt Lindner.

Die Veranstaltungen zu politischen und kulturellen Themen sollen auf jeden Fall fortgeführt werden. Und die Betreuung von Flüchtlingen, die schlimme Erfahrungen gemacht haben, sei nicht ausreichend.

"Für die traumatisierten Menschen müsste gezielt etwas getan werden", formuliert es Kill.

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