Neue Kultur in alter Synagoge
Kirtorf (jol). Am Abend wurde ausgelassen zu jiddischen Liedern mitgesungen, am Nachmittag waren noch nachdenkliche Töne zu hören. So abwechslungsreich verlief der erste offizielle Tag in der ehemaligen Synagoge Ober-Gleen. Das frühere Gotteshaus wurde nach umfangreicher Sanierung am Samstag eingeweiht.
Kirtorf (jol). Am Abend wurde ausgelassen zu jiddischen Liedern mitgesungen, am Nachmittag waren noch nachdenkliche Töne zu hören. So abwechslungsreich verlief der erste offizielle Tag in der ehemaligen Synagoge Ober-Gleen. Das frühere Gotteshaus wurde nach umfangreicher Sanierung am Samstag eingeweiht.
Dabei warnte Bürgermeister Ulrich Künz davor, Kunst als Ablassbrief für Schuld misszuverstehen. Die alte Synagoge soll künftig als Kulturhaus von Ortsbeirat und Heimatverein Stadt Kirtorf betrieben werden. »Schande kann nicht mittels Kunst ungeschehen gemacht werden«, betonte Künz. Auch in der Region Kirtorf wurden in der Pogromnacht Synagogen demoliert und Juden verfolgt. Auch Kirtorfer und Ober-Gleener jüdischen Glaubens sind im Dritten Reich umgebracht worden. Meist hatten sie Zuflucht in größeren Orten gesucht in der trügerischen Hoffnung, dort vor Verfolgung sicher zu sein.
Die Stadtverordneten der Stadt hätten sich dazu entschlossen, sich der Erinnerung zu stellen. Denn die zivilisatorische Schicht über dem Abgrund ist brüchig, wie Künz anfügte. Die im November 1938 stark demolierte Synagoge Ober-Gleen wurde mit viel Liebe und Sachverstand restauriert. Das war im Rahmen der Dorferneuerung möglich, die Bürger des Ortes hätten ihre Chance genutzt. Damit hätten sie zum Erhalt des kulturellen Erbes der Region beigetragen, lobte der Bürgermeister.
Wenige haben geholfen
Der alte Betraum war in den Jahren nach dem »Dritten Reich« stark verändert worden, um als Schmiede und Lagerraum zu dienen. Zuschüsse vom Land und von der Denkmalpflege hatten den Umbau ermöglicht, Bauhof und die Bürger hatten mit viel Eigenleistung ihren Beitrag geleistet.
»Sie haben ein schönes, interessantes Gebäude erhalten«, sagte Künz. Nun wollen Ortsbeirat und Heimatverein dafür sorgen, dass es mit Leben erfüllt wird. Architekt Herbod Gans verwies auf Besonderheiten des zweigeschossigen Baus. So ist der alte Sandsteinboden unter dem Estrich freigelegt worden. In der Mitte ist der Kreis für den Lesepult zu erkennen. Die Bestuhlung ist auf niedriges Podest gesetzt. Die Empore haben die Bauarbeiter rekonstruiert, der Zugang ist über eine Treppe von der Seite her. Einst war der Zugang durch das inzwischen abgebrochene Nachbargebäude, in dem der Lehrer wohnte. Der Innenraum ist zurückhaltend in weiß und hellgrau gehalten. Anstelle des Kristallleuchters ist ein moderner Leuchter installiert, der den Innenraum schön illuminiert. Gans überreichte eine Dokumentation, die den Plan von 1872 und Erläuterungen zum Bauwerk beinhaltet. Die über zwei Meter lange Bahn hängten Helmut Meß und Armin Becker von Verein an der Ostseite auf, wo einst der Toraschrank stand.
Musikalisch umrahmten Veronika Bloemers und ein vierköpfiger Chor des Geschichtsvereins die Einweihung. Dabei griffen sie auf traditionelle Lieder der osteuropäischen Juden und Lieder aus der jüdischen Tradition zurück. In einem spontanen Beitrag erinnerte sich Rudolf Scheld an die Verfolgung der Kirtorfer Juden und die Verwüstung der Synagoge. Die jüdischen Kirtorfer hätten sehr gelitten, bedauerte er. Es habe wenige gegeben, die ihnen geholfen hätten.