Ab ins Narrenhäuschen

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Eine Kaufmannsfrau, die den Laden schmeißt, eine erfolgreiche Hebamme und ein Mädchen, das angeblich mit dem Teufel getanzt hat – Frauenleben im ausgehenden Mittelalter hatte viele Gesichter. Einige davon zeigt die spannende Stadtführung durch Alsfeld "Triller, Karzer und Wacholder", die im wahrsten Sinne des Wortes bewegt.

Seit dem Rathausjubiläum liest die Alsfelder Regisseurin und Schauspielerin Johanna Mildner viel über die Geschichte der Stadt. "Aber ich habe schnell gemerkt, dass darin nur wenig über den Beitrag der Frauen festgehalten ist," erläutert sie zu den Hintergründen des neuen Theater-Rundgangs. Schnell reifte so der Plan, mit Darstellerinnen der Marktspielgruppe eine bewegende Führung auf die Beine zu stellen, die auch Frauenschicksale der damaligen Zeit aufgreift. Deshalb sind demnächst Vicky Gabriel, Jenny Wagner und Chiara Cardamone in passenden historischen Gewandungen unterwegs, um zwischen Klostergarten und Beinhaus in mehreren Szenen besondere Ereignisse aus der Historie lebhaft umzusetzen.

In Alsfeld sind offenbar zu Zeiten der Hexenverfolgung keine Frauen hingerichtet worden, wie Mildner festgestellt hat. Aber die fixe Idee, Frauen könnten heidnisches Wissen bewahren und anwenden, kann eigentlich an der Kleinstadt an der Schwalm nicht vorübergegangen sein. So nahm Mildner eine Geschichte des Alsfelder Erzählers Brodhäcker als Grundlage für eine Szene des Rundgangs. Der hübsche Stadtschreiber Sie handelt von einer jungen Frau, die angeblich zum Rechenberg geflogen ist und dort mit dem Teufel tanzte. Nachdem die junge Frau vom Ortsgericht eingehend befragt worden war, kam sie für zwei Tage in den Triller. Das hört sich lustig an, war es aber ganz bestimmt nicht für die Betroffenen. Den der Triller ist ein Käfig, in dem ein Mensch nur stehen kann. Das Besondere ist, das er von jedem Passanten in Drehungen versetzt werden kann, deshalb nannte man das Strafinstrument auch Narrenhäuschen. Mildner ist froh, dass die Holzfachlehrer Stephan Scholtes und Rainer Karn an der Max-Eyth-Schule einen solchen Triller nachgebaut haben. Die Schlosserei Giese fertigte ein passendes Dach dafür, damit der so gegen die Witterung geschützte Triller für die Führungen vor dem Beinhaus am Kirchplatz platziert werden kann. Beim szenischen Rundgang mit dabei ist Hebamme Henriette, eine Figur, die Mildner fasziniert. Sie konnte helfen, Kinder zur Welt zu bringen, und mit ihrem Wissen um heilsame Kräuter das Leben von Kranken retten. Henriette zeigt auch, dass Frauen damals durchaus durch eigene Arbeit Geld verdienen konnten. Das gilt auch für die resolute Kaufmannsfrau Anna, die beim Rundgang durch die Fachwerk-Altstadt eine wichtige Rolle spielt. Denn ihr Gatte war ja mit seinen Waren oft wochenlang unterwegs. "Und wer hat in seiner Abwesenheit den Laden geschmissen? – natürlich seine Frau", sagt Mildner. Romantischer ist die Szene um das Mädchen Susanne, das sich in den hübschen Gerichtsschreiber verguckt hat. Diese kleine Szene ist übrigens auf der Grundlage von Unterlagen aus dem Alsfelder Stadtarchiv entstanden, den hübschen jungen Schreiber gab es also wirklich. Hinzukommt eine Sequenz mit den aus anderen Rundgängen bekannten Marktfrauen. "Frauen waren über Jahrhunderte hinweg verfolgt und unterdrückt", so fasst es Mildner zusammen. "Doch für das alltägliche Leben in der Kleinstadt waren (und sind) sie einfach unverzichtbar".

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