Mit nur zehn Tagen Vorlauf hat sich die Aktion "Mücke bleibt bunt" gegründet. Ihrem Aufruf zur Demonstration gegen die AfD-Veranstaltung folgen rund 250 Menschen. FOTOS: BB
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Mit nur zehn Tagen Vorlauf hat sich die Aktion "Mücke bleibt bunt" gegründet. Ihrem Aufruf zur Demonstration gegen die AfD-Veranstaltung folgen rund 250 Menschen. FOTOS: BB

Mücke will bunt bleiben

  • Rolf Schwickert
    vonRolf Schwickert
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Die AfD erweist sich als Anstoßgeber in Mücke: Wegen ihres Informationsabends in Flensungen mit Ehrenvorsitzendem Alexander Gauland am Donnerstag gründet sich "Mücke ist bunt". Und es findet die erste politische Demo im Ort statt - mit gut 250 Teilnehmern. Im Saal hören derweil 70 Menschen den AfD-Bundespolitikern zu. Von den Gegnern wird man wohl noch hören. Sie überlegen, zur Kommunalwahl anzutreten.

Eine politische Veranstaltung ruft Gegendemonstranten auf den Plan. Das ist neu in Mücke, wenn man mal von der "Kinderwagen-Demo" im Neubaugebiet Wallenbach im Februar 2019 absieht. Am Donnerstagabend wurde es aber ernst. Während drinnen im Dorfgemeinschaftshaus rund 70 Bürger den AfD-Bundespolitikern zuhörten, skandierten draußen über 250 Menschen hinter einer Absperrung Parolen wie "Gegen Hass und Nazis". Mehrere Dutzend Polizisten sicherten den Platz und die umliegenden Straßen, es gab aber keinerlei Zwischenfälle. An- und Abfahrt der AfD-Anhänger verliefen räumlich getrennt von den Demonstranten.

"Es war nicht leicht, etwas auf die Beine zu stellen", blickt Michael Schlosser, einer der "Mücke bleibt bunt"-Organisatoren, knapp zwei Wochen zurück. Denn der Platz vor dem Dorfgemeinschaftshaus sei von der AfD mitgemietet worden. Dem Ansinnen der Demonstranten, vom unmittelbar neben dem Dorfgemeinschaftshaus liegenden Gelände der evangelischen Kirchengemeinde zu agieren, erteilte der Kirchenvorstand eine Absage. Nach Angaben von Schlosser soll die Abstimmung im Kirchenvorstand mit fünf zu drei Stimmen gefallen sein. Eine Vorsprache beim evangelischen Dekanat ergab den Hinweis, die örtliche Kirchengemeinde handele eigenständig. Schlussfolgerung von Schlosser: "Das Dekanat hat dem Ansinnen aus Mücke positiv gegenübergestanden."

Aber die Reaktion der evangelischen Kirchengemeinde passt aus Sicht von Schlosser zu dem Bild, das die lokalen Parteien geboten haben: "Die wollten alle neutral bleiben", sagt er bedauernd. Dazu äußerte Dr. Udo Ornik, Fraktionsvorsitzender der Mücker Grünen als Mitdemonstrant, die Demonstration sollte nicht parteipolitisch genutzt werden. Es reiche, die Aktion "Mücke bleibt bunt" zu unterstützen. Neben Ornik sah man auch den Grünen-Gemeindevertreter Peter Schäfer unter den Demonstranten.

"Wir leben in Deutschland", betonte Mariana Harder-Kühnel, familienpolitische und frauenpolitische Obfrau der AfD-Bundestagsfraktion aus Gelnhausen, derweil im Saal. Sie prangerte Gegensätze an: einerseits deutsche Traditionen, andererseits Lebensweise von nach Deutschland kommenden Menschen aus anderen Kulturkreisen. Es war bezeichnend, dass sie beim Thema "Andere Kulturkreise" direkt bei der Zwangsehe ("ein Ausweisungsgrund") oder Familiennachzug ("die zweite, dritte oder gar vierte Ehefrau nachzuholen, sollte unterbleiben") landete und dabei alle AfD-typischen Klischees bediente. Deutschland solle eine stabile Bevölkerungszahl alleine halten können, sagte Harder-Kühnel noch, und nicht durch Zuwanderung. Frankreich sei da ein gutes Beispiel. "Wir brauchen eine Willkommenskultur für Kinder", sagte die Bundestagsabgeordnete.

Den "Stargast des heutigen Abends", so nannte AfD-Kreissprecher Gerhard Bärsch den Ehrenvorsitzenden Gauland, dazu noch "die gute Seele der AfD". Der Vorsitzende der Bundestagsfraktion äußerte sich zur Corona-Situation, das Virus und die Aktionen dazu ließen die Realität wie hinter einer Milchglasscheibe verschwimmen.

Es würden von der Regierung Maßnahmen eingeleitet, die wegen Corona sein sollten, damit aber nichts zu tun hätten. Ergebnis sei das Aufwerten staatlicher Befugnisse "fast wie in der DDR" sowie das Zerstören deutscher Identität und Kultur. Leider passe das in einen allgemeinen Trend von schleichender Auflösung der Nationalstaaten. In dieses Bild gehöre auch der EU-Migrationspakt, der Zuwanderung dauerhaft mache. Gauland bedauerte, dass bei vielen entscheidenden Fragen nicht das Parlament in Berlin eingebunden werde, sondern Vorgaben über die EU kämen. Das stehe im Gegensatz zum Willen des Grundgesetzes. Deshalb setze sich die AfD für regelmäßige Volksabstimmungen ein.

Als Irrweg machte Gauland den Umbau von der Industrie- hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft aus. Das spürten heute schon viele Arbeitnehmer etwa aus dem Maschinenbau. Und wenn etwas nicht mehr in Deutschland gefertigt werde, dann werde es eben im Ausland produziert.

Dass das nicht gut gehen könne, habe sich bereits in den 1980er Jahren in Großbritannien unter Margret Thatcher gezeigt. Bei der AfD machte Gauland sinkende Umfragewerte aus, was wohl in ihrer Zerrissenheit begründet sei. "Wir dürfen uns nicht spalten lassen", appellierte er an die Mitglieder. Die Probleme in Deutschland seien zu gewaltig, als dass sie ohne die AfD gelöst werden könnten.

Der Neuhofer Martin Hohmann, Mitglied im Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages, bedauerte, dass die einst patriotische CDU inzwischen den "rot-grünen Zeitgeist aufgesogen" habe.

Die Aktion "Mücke bleibt bunt", die aus Anlass der AfD-Veranstaltung gegründet wurde, will weiter aktiv sein und sich "gegen Rechts engagieren". "Ich bin stolz, dass das so friedlich gelaufen ist", bilanzierte Michael Schlosser gegen Ende der Demonstration kurz vor 21 Uhr. Die Organisatoren hatten 50 Teilnehmer erwartet, jetzt haben sie 263 ausgefüllte Anwesenheitszettel wegen Corona. Sie überlegen, ob sie nicht zur Kommunalwahl am 14. März antreten.

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