Willi Scholl: Chronistenleben in 15 dicken Leitz-Ordnern

Mücke-Bernsfeld (rs). Seit 50 Jahren ist er der Chronist von Bernsfeld, Teil von fast alle Aktivitäten des Mücker Ortsteils: Willi Scholl, der neben vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten auch Mitarbeiter der Allgemeinen Zeitung ist.

Mücke-Bernsfeld (rs). Ein vor 40 Jahren im Haus verlorener Ehering taucht auf einem Rübenacker wieder auf, ein glasüberdachter Vorkeimkeller für Kartoffeln wird als Gemeinschaftsanlage eingeweiht, und die Überschrift "Gemeinde sucht sechs alte Stühle" sorgt für Aufregung. In allen Fällen war Willi Scholl (72) beteiligt, immer als Berichterstatter für die Alsfelder Allgemeine Zeitung, in den ersten Jahren noch unter der Bezeichnung Freie Presse. Im Januar sind es 50 Jahre, dass Scholl als freier Mitarbeiter für den Verlag tätig ist. Entsprechend umfangreich ist sein Erfahrungsschatz, er hat den Wandel in seinem Dorf, der Umgebung und in den gesellschaftlichen Strukturen bewusst miterlebt und darüber berichtet. Ebenso wird im Rückblick der Wandel der Arbeit von Redaktion und Freien deutlich, wurde doch der Text in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit der Schreibmaschine getippt, ein Durchschlag verblieb beim Autor, das Manuskript erreichte den Verlag Tage später per Post, Bilder gab es nur in Ausnahmefällen, wenn der Film vollgeknipst, entwickelt war und Abzüge vorlagen. Diese mussten in den ersten Jahren schwarz-weiß sein, mit Farbbildern konnte der Verlag nichts anfangen.

Über die fünf Jahrzehnte freier Mitarbeit für die Alsfelder Allgemeine sprach die Redaktion mit Willi Scholl, der wegen seiner sehr vielfältigen ehrenamtlichen Tätigkeit ein wandelndes Heimatbuch ist. Und was er nicht im Kopf parat hat, das findet er zielstrebig in seinem Büro, allein 15 Ordner sind mit den Zeitungsartikeln gefüllt.

Die meisten Bernsfelder werden das kleine Büro im Kellergeschoss des Hauses von Willi Scholl kennen, denn der jahrzehntelange Ortsvorsteher nennt ihn auch liebevoll die Außenstelle der Gemeindeverwaltung, zudem laufen dort die Fäden von vielen Ortsvereinen zusammen, deren Vorsitzender Scholl ist oder war.

Es sind immer wieder die menschelnden Geschichten gewesen, die für die Leser der AZ so interessant waren, wie der eingangs erwähnte Fund eines Trauringes nach rund 40 Jahren auf einem Acker. Willi Scholl bekam solche Vorfälle als feste Größe der Dorfgemeinschaft zwangsläufig immer mit, bereitete sie für die Leserschaft ansprechend auf und lieferte so einen unterhaltsamen Beitrag. Oder der Bericht über die Einweihung eines Vorkeimkellers für Setzkartoffeln neben dem Friedhof. Mehrere Landwirte hatten sich dazu zusammengeschlossen, heute ist der mit Glas überdachte Bereich längst verschwunden, ein Beleg für den Wandel in der Landwirtschaft.

Und dann war da noch der Bericht, dass die Gemeinde - das damals in den 60er Jahren noch selbstständige Bernsfeld - sechs alte Stühle für ein Dienstzimmer der Bürgermeisterei suchte. Autor Willi Scholl hatte das Manuskript zwar mit einem anderen Überschrift-Vorschlag eingereicht, aber die Redaktion hatte damals die Textstelle mit den alten Stühlen nach oben gehoben - eventuell in der wohlmeinenden Absicht, dass die Gemeinde zu ihren Stühlen kommt. Das sah der Bürgermeister völlig anders, der seine Gemeinde in ein schlechtes Licht gerückt sah, auch wenn der Bericht nur die tatsächliche Diskussions- und Beschlusslage wiedergab.

Es waren also nicht nur Dank und Anerkennung, die Berichterstatter Willi Scholl einheimste, er musste sich auch öfters rechtfertigen, die Wahrheit geschrieben zu haben. Und bei allem lassen sich den 15 Zeitungsordnern auch Briefwechsel mit dem Verlag entnehmen, weil das Salär nicht immer zeitnah überwiesen wurde. Grund: Bei der damals sehr aufwendigen teilweise handschriftlichen Buchhaltung wurde bei den Freien abgewartet, bis ein gewisser Betrag zusammenkam, und der wurde dann als Sammelbetrag angewiesen. Da konnten schon mal einige Monate vergehen.

Aber von diesen Erschwernissen hatte der junge 23-jährige Willi Scholl noch keine Ahnung, als er sich als freier Mitarbeiter beim Verlag bewarb. Damals war er für die Gemeindevertretung Schriftführer geworden, begann im Gemeindealltag "mitzumischen". Schließlich ging er auch zu allen Versammlungen im Ort, konnte so fundierte Berichte liefern, was ihm Anerkennung und auf lange Sicht der Zeitung mehr Abonnenten einbrachte.

Der erste Schreibplatz von Willi Scholl war übrigens ein Schreibschrank in der alten Küche gewesen. Die Anerkennung für Willi Scholl hat sich unter anderem in dem Betrauen mit vielerlei Ämtern ausgewirkt, den der pensionierte Bauleiter, verheiratet, vier Kindern, benötigt fünf DIN A4-Seiten, um sämtliche Ehrenämter aufzulisten, darunter eine so denkwürdige Mitgliedschaft wie die als einziger Mann im Landfrauenverein. Der Begleiter und auch Gestalter des dörflichen Lebens hat als einen Wandel in den 50 Jahren ausgemacht, dass die - weniger gewordenen - Vereine zwar immer schon zusammengearbeitet haben, in den letzten Jahren allerdings die Reihen fester geschlossen halten.

Denn bei allgemeinem Bevölkerungsrückgang und insbesondere der Abwanderung von jungen Einwohnern bleibt Vieles an den immer gleichen Personen hängen - das schweißt zusammen. Deshalb ist Scholl auch sehr zufrieden dass in dem 450-Einwohner-Dorf (es waren mal 700) die Jugendgruppe mit rund 80 Mitgliedern noch intakt ist, einst hatte er die Pläne für den Jugendraum neben dem Dorfgemeinschaftshaus gezeichnet und auch die Bauleitung inne gehabt. Dagegen ist im Ortskern ein Wandel auszumachen, die alten Hofreiten haben ihre ursprünglich Funktion verloren, die Eigentümer sterben, eine Nachfolge ist nur selten gegeben. Leichter lassen sich da die kleineren Immobilien aus den 50er und 60er Jahren an Auswärtige vermarkten, hat Scholl festgestellt.

So resümiert Willi Scholl in seinem Kellerbüro, dass sich die Welt um ihn herum sehr verändert hat, Als Konstante ist er geblieben, der beharrlich und anschaulich berichtet, was sich in Bernsfeld ereignet. Heute wird es am PC festgehalten, geht in Sekundenschnelle als Email an die Redaktion, und in letzter Zeit sind auch immer mehr Bilder von der digitalen Kamera dabei. Geblieben ist indes das sorgfältige Abheften der Ausdrucke und des im Anschluss erschienenen Zeitungsartikels.

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