Gefängnis

Wenn die ganze Familie mitverurteilt wird

  • schließen

Frauen von Strafgefangenen sind gleich mehrfach belastet. Am Flensunger Hof konnten sie mit ihren Kindern jetzt eine Pause vom schwierigem Alltag genießen.

Sie sind allein für die Kinder verantwortlich. Oft gibt es finanzielle Probleme und mit einem Ehemann hinter Gittern werden sie nicht selten ausgegrenzt. Deshalb freuen sich die 27-jährige B., die 36 Jahre alte S. und die 30-jährige E. über eine gemeinsame Auszeit mit anderen Frauen in der selben Lebenslage, die dieser Tage am Flensunger Hof angeboten wurde.

Die Freizeit ist ein Pilotprojekt des Vereins "Aktion – Perspektiven" aus Gießen, der ansonsten Wohnheime und Beratungsstellen für Menschen in sozialen Notlagen betreibt. Nun entwickelt Aktion mit dem Fliedner-Verein Rockenberg eine Handreichung im Auftrag des Landes, wie Angehörige besser betreut werden können. Ein gewollter Nebeneffekt ist, dass die Ehepartner nach der Haftzeit besser resozialisiert werden können, wenn das Familienleben stimmt.

Die Auszeit im Flensunger Hof bietet acht Mütter mit 15 Kindern viel Freizeit und die Möglichkeit, Alltagsdinge zu ordnen. So geht es oft um finanzielle Fragen, erzählt eine Frau: "Seit einem Jahr habe ich Sorge wegen der steigenden Miete für die Wohnung." In Flensungen kann sie mit einer Beraterin überlegen, wie es weitergeht. B. ist dankbar für den Austausch mit Frauen, die unter demselben Druck wie sie selbst stehen.

Denn die Inhaftierung des Partners sei ein Tabuthema in der Gesellschaft: "Man wird als Frau verurteilt dafür, dass man mit so einem Mann Kinder hat." Das bedeutet im Alltag konkret, Ausreden dafür zu finden, weshalb der Vater nicht anwesend ist. Ihre Familie hat den Kontakt zu der 27-Jährigen abgebrochen und würde ihn nur dann aufnehmen, wenn sie sich von ihrem Mann trennt. Sie dagegen findet es schlimm, dass ihr Partner nur als Häftling wahrgenommen wird.

Die Frauen von Inhaftierten haben im Alltag viel Stress, wie Astrid Dietmann-Quurck sagt. Deshalb soll die Auszeit ihnen und den Kindern ein wenig Entspannung bieten, fügt die Geschäftsführerin von "Aktion" an. Die Kinder werden betreut, Mutter und Kinder können gemeinsam etwas Schönes erleben. So leuchten die Augen von B., S. und E., als sie von dem Tag auf dem Bauernhof erzählen, bei dem es zur Gaudi noch mit einer Rutsche über die Wiese ging. Es sei schön gewesen, zu erleben, wie die Kinder herumtollen und ihren Spaß haben.

Während die Kinder betreut werden, haben Mitarbeiterinnen und Mütter Zeit zum Austausch und für Beratungen in sozialen und finanziellen Fragen. Gerade der Austausch ist den Frauen wichtig, im Alltag fühlen sie sich oft allein gelassen. "Du gehst ja nicht auf eine andere Mutter zu und fragst, ob ihr Mann auch in Haft ist", sagt B.

Hilfe bei Resozialisierung

Das Seminar ist Teil des "Angehörigenprojekts im hessischen Strafvollzug" im Auftrag des Landes, aus dem Leitlinien für den Umgang mit Angehörigen von Inhaftierten entwickelt werden sollen. Dietmann-Quurck erläutert, dass dabei zunächst die Erziehungsfähigkeit gestärkt werden soll. Was ist wichtig, um den Kontakt zur Frau und zu den Kindern aufrecht zu erhalten. Die Frauen müssen sich bei Abwesenheit des Partners selbst organisieren, sie werden selbstbewusster, was das Familiengefüge beeinflusst. Zudem werden die Mütter mit Workshops und Beratungen unterstützt.

Wichtig sind auch Angebote für Justizbedienstete, denn Haftanstalten sind nur selten für Familienbesuch ausgelegt. Gerade mit kleinen Kindern ist langes Warten in kargen Besuchsräumen schwierig. So gibt es Fortbildungsveranstaltungen für Bedienstete der Justizvollzugsanstalten, damit die sensibler für den Umgang mit Kindern werden. Ein Ergebnis des Modellprojekts ist bereits jetzt, dass Beratungstellen für Mütter nötig sind, wie Dietmann-Quurck sagt. Die Frauen brauchen Unterstützung im Umgang mit Jugendamt, Krankenkasse und Vermietern.

Am Ende hilft das bei der Resozialisierung von Strafgefangenen. Die haben es eh schon schwer, wenn sie aus der Haft entlassen werden, wie E. anfügt, die selbst Hafterfahrung hat. Aus dem geregelten Alltag in der Justizvollzugsanstalt in eine Umgebung voller offener Fragen kommen, oft in zu kleine Wohnungen – das ist schwierig. Da kann eine Familie Halt bieten. Und man sorgt vor, denn Kinder mit straffälligen Eltern haben statistisch ein höheres Risiko, selbst straffällig zu werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare