Künstler Demnig verlegt sieben Stolpersteine

Mücke-Nieder-Ohmen (ng). Im Dorf wurden jetzt sieben Stolpersteine verlegt. Pfarrvikarin Lea Winkel eröffnete die Aktion am Samstag in der Obergasse 2 und dankte im Namen des Kirchenvorstandes, der Träger des Projektes ist.

Sie begrüßte viele Teilnehmer und dankte ausdrücklich dem Projektteam mit Pfarrer Alexander Janka, Irmgard Gückel und Uwe Langohr für das Engagement. Vertreten waren neben Angehörigen der früher ansässigen jüdischen Familien Dekan Dr. Jürgen Sauer, Bernd Schwebel, der Erste Beigeordnete der Gemeinde, Ortsvorsteher Helmut Reitz, Vertreterinnen der katholische Kirchengemeinde Grünberg/Merlau und der katholischen Kirchengemeinde "Sieben Schmerzen Mariens", Mitglieder des Kirchenvorstandes und Künstler Gunter Demnig.

Lea Winkel: "Die Stolpersteinverlegung bedeutet für mich eine traurige Erinnerung an die grauenhaften Geschehnisse der Schoah. Aber diese Erinnerung ist wichtig. Wir sind verpflichtet, unserer Mitbürger zu gedenken, die dem Nazi-Terror des 20. Jahrhunderts zum Opfer gefallen sind. Und daher bin ich sehr dankbar, dass wir mit unserer Aktion ein sichtbares und bleibendes Zeichen unseres ehrenden Andenkens setzen".

In der Obergasse 2 wurde dann ein Stein für Klara Justus, geborene Wertheim, verlegt. Sie wurde am 5. Februar 1943 in Auschwitz ermordet. "Im Eck" wurden Steine verlegt im Gedenken an Berta Stern, geborene Maier, und Berta Stern, geborene Justus, die am 26. April 1943 in Theresienstadt umgebracht wurden, sowie an Julius Stern und die Kinder Beate, Hedwig und Jakob Stern, die alle am 11. November 1941 in Minsk ermordet wurden.

Pfarrvikarin Lea Winkel begrüßte auch die Familie Schmulbach, Eigentümerin des Hauses, vor dem man stand, und die Bewohner mit den Herrn Dietrich und Adelhardt. Vormals hatte die Familie Justus dieses Haus bewohnt. Begrüßt wurde auch die Familie Kornmann, vor deren Haus sechs Stolpersteine zur Erinnerung an die Familie Stern verlegt wurden. Dank galt den Familien, dass sie Interesse bekundet und der Verlegung der Steine zugestimmt hatten.

Lea Winkel zitierte Gunter Demnig: "Denn ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen erhalten bleiben."

Besonders begrüßte Lea Winkel Nachkommen von Julius Justus, die aus den USA, Brasilien und aus Holland angereist waren. Darunter waren Henry Justus (1937 im Haus Obergasse 2 geboren) und Lebenspartnerin Barbara Dundee (USA), Yvette und Jack Justus (Holland) sowie Evelyn Nitzan (Brasilien). Dank ging auch an die Spender dieser Stolpersteine: Gesangverein Nieder-Ohmen, katholische Kirchengemeinde Grünberg/Merlau, Evangelisches Dekanat Alsfeld, Heike Wittich, Irmgard Gückel, Uwe Langohr sowie weitere Personen, die nicht erwähnt werden wollen. Bernd Schwebel, der Erste Beigeordnete, betonte: "Die Orte, an denen man Stolpersteine verlegt, machen deutlich, dass die Unmenschlichkeit nicht irgendwo stattfand, sondern mitten unter uns." Ortsvorsteher Helmut Reitz überbrachte Grüße des Ortsbeirates und der Einwohner. Krieg und Verbrechen dieser Art kenne die jüngere Generation in Deutschland nicht. Und so könne die Aktion Stolpersteine auch vor Unmenschlichkeit warnen.

Uwe Langohr als Mitglied des Projektteams ging nach einer Ausarbeitung von Ludwig Kraus ausführlich auf die Familiengeschichte der Familie Julius Justus ein und später auf die Familiengeschichte von Hermann Stern. Die Hofreite der Familie Justus hatten Marie und Ernst Metz erworben und die der Familie Stern Karl Kornmann aus Atzenhain.

Jack Justus: Verlegen der Steine bedeutet für unsere Familien sehr viel

Jack Justus sagte in einem Grußwort: "Für mich und für meine Familie ist es ein besonderer Tag. Am 30. Juni 2008 war ich mit meiner Schwester Yvette und der holländischen Justus-Familie hier in Nieder-Ohmen zum 100. Geburtstag unseres Vaters Hermann oder Herbert, wie er genannt wurde." Damals sei auch über die Stolperstein-Aktion des Künstlers Demnig gesprochen worden. Man hatte darum gebeten, zu prüfen, ob nicht auch in Nieder-Ohmen Stolpersteine verlegt werden können, was nun gelungen sei. Die Nachkommenschaft von Juda und Klara Justus sei allen Beteiligten dankbar.

Ein besonderes Dankeschön ging auch an Gunter Demnig. Diese Stolpersteine seien für die jüdischen Familien in Europa wichtig, so Justus weiter.

Die Initiative sei weltweit nicht unbeachtet geblieben. Gunter Demnig hatte in diesem Jahr für seine Aktion den Dr. Bernard-Heller-Preis des Hebrew Union College erhalten. "Man könnte sagen, dass Herr Demnig den Opfern ein Grab gibt, das Sie nie bekommen haben", so Justus. Der Stolperstein bedeute für seine Familie sehr viel. Er erinnere daran, wie sie wie so viele Juden in Deutschland und Europa unter den Nazis gelitten hatten. Um den Text des Steines zu lesen, müsse man sich beugen. Und diese Beugung sei eigentlich auch eine Ehrenbezeugung. Es folgte das Jiskor-Gebet, mit dem man verstorbener Angehöriger gedenkt.

Mit der Verlegung der sechs Stolpersteine vor dem Hause Kornmann wurde die Veranstaltung fortgesetzt. Uwe Langohr ging auf die Familiengeschichte von Hermann Stern ein. Gunter Demnig begann dann seine Verlegearbeiten.

Im ev. Gemeindehaus traf man sich dann bei Kaffee und Kuchen. Auf Wunsch der Gäste wurde auch der jüdische Friedhof besucht. Die Besucher freuten sich über den guten Zustand der Anlage. Sie waren erstaunt, dass Krieg und Judenverfolgung dort keine weitere Spuren hinterlassen haben. Viele der Namen erinnerten an Vorfahren.

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