Kreative Entspannung

"Geerdet" nach eineinhalb Stunden Malspiel

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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"Man kommt gestresst hinein und ist nach eineinhalb Stunden total geerdet - das ist toll", so beschreibt Florian Kratz die Wirkung des Malorts Mücke. Malen wird dort zum Malspiel.

Der Malort Mücke ist im wesentlichen ein Raum, an allen vier Wänden mit Packpapier verkleidet. In der Mitte steht der Palettentisch mit einer Reihe an Töpfen mit kräftigen Farben, dazu jeweils drei Pinsel in unterschiedlichen Stärken. Für jeden Malenden pinnt Kerstin Preiß ein großes Blatt an die Wand, dann geht das genussvolle "Malspiel" los. Jeder malt, was ihm und ihr in den Sinn kommt. "Das ist eine tolle Abwechslung vom Alltag," schwärmt Lea Horak. Man könne für eineinhalb Stunden die Außenwelt abschalten. Florian Kratz ist als Selbstständiger "von morgens bis abends unterwegs und ich gebe immer 110 Prozent". Im Malort denkt er nicht an die Arbeit, "das ist total entspannend". Alexandra Bott freut sich daran, wie die Farben wirken, wenn das Bild wie von selbst entsteht. "Das ist schön." Luisa Kreuder meint, "man lernt sich zu akzeptieren und kommt weg vom Perfektionismus".

Das Malspiel nach dem Konzept des deutsch-französischen Kunstpädagogen Arno Stern verbindet Kreativität und Meditation. Die 90 Minuten Malspiel sind für Malort-Macherin Kerstin Preiß "ein Zeitraum, in dem ich etwas ohne Vorgaben schaffen kann". Gedanken werden spielerisch in Farbe umgesetzt. Das Malen in einer Gruppe bietet die Abwechslung vom Malen allein und dem kleinen Gespräch am Palettentisch. So kann jeder auf einer entspannten Ebene kreativ sein. Eine zentrale Regel ist, "es wird nicht über Bilder anderer gesprochen, nicht bewundert oder bewertet," sagt Preiß. Auch der Gebrauch der von einem Schweizer Hersteller schadstofffrei hergestellten Farben gehorcht einer Regel. Die Malenden sollen die zugeordneten Pinsel verwenden, einmal in Wasser und einmal in die Farbe tauchen, "das reicht". Der Malort selbst bietet keine Ablenkung, die Wände sind vollständig mit Papier verhängt. "Das schafft die Bedingung, dass sich jeder auf sein Tun konzentriert," erläutert Preiß.

Sie selbst begreift sich in der Tradition Arno Sterns als "Dienende", hängt die Blätter auf und ab oder holt einen Hocker, wenn jemand weiter oben malen will. Das Konzept hat Arno Stern nach dem 2. Weltkriig entwickelt und immer weiter verfeinert. Stern musste als Jude aus Kassel flüchten und arbeitete nach dem Krieg in einem französischen Kinderheim. In seinem Kunstunterricht wollte ein Junge ein größeres Bild malen, deshalb schaffte man die Tische aus dem Raum, verkleidete die Wände mit Papierbahnen und pinnte die Blätter an sie. Er ließ die Kinder malen ohne die Bilder zu benoten, was erstaunliche kreative Prozesse freisetzte. Wichtig ist Stern auch weiterhin, die Bilder nicht zu bewerten. Die Farben werden auf Kartoffelstärkebasis in der Schweiz hergestellt. Sie sind wasserlöslich, trocknen schnell und lassen sich übermalen.

Kerstin Preiß kam über ihre Arbeit in einer Werkstätte für Behinderte wieder zur Malerei. Zudem gab sie Musikstunden und merkte dabei, dass die Kinder mit Freude besser als unter Druck lernen. Durch den Dokumentarfilm "Alphabet" wurde sie auf die Arno Stern aufmerksam, "da habe ich gedacht, das ist es". Zunächst hat sie Nachbarskinder zum Malen in einem improvisierten Malort eingeladen. "Das war total entspannt, die Kinder haben gesagt, wie schön das ist, wenn sich keiner einmischt."

Preiß absolvierte eine Ausbildung beim inzwischen 93-jährigen Arno Stern in Paris und richtete sich ihren Malort in Ruppertenrod ein. Dort können Interessierte Malzeiten buchen, die eineinhalb Stunden dauern und über ein Jahr gehen. Dabei gibt es keine Schnupperstunden, weil "man nach ein bis zwei Stunden noch nichts spürt". Es dauere eine Weile, bis die Malenden gelernt haben "das Innerste auf Papier zu bringen". Das Malspiel ist keine Therapie, betont Preiß, aber es stärkt das Selbstbewusstsein. "Man hat sich über die Arbeit aufgeregt und ist dann nach einer halben Stunde ganz ruhig bei der Sache," beschreibt sie die Erfahrung. "Ich kann sein wie ich bin, muss keinem gerecht werden - das nimmt viel Druck." Dazu gehört, zu erleben, dass man etwas sinnvolles schafft. "Es hat etwas Heilendes," ist Kerstin Preiß überzeugt. Die Bilder verwahrt Preiß am Malort, sie gehen nicht nach draußen.

Eigentlich bräuchte jede Kita und jede Schule einen Malort, wo Kinder mit Farben spielen, ohne bewertet zu werden, überlegt Kerstin Preiß. "Man spürt die eigene Freiheit," das sei gerade in unserer Gesellschaft wichtig, in der alles von Regeln überlagert werde. Ganz nebenbei wird auch die Feinmotorik geschult. Wichtig ist das Ergebnis: Sie freut sich, "wenn die Menschen mit leuchtenden Augen gehen."

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