Breitband

Geduldsfaden der Bernsfelder hält nicht mehr ewig

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Ein Drittel der Dorfbevölkerung beim Informationsabend: Da muss es um etwas Bedeutsames gehen. Es ging um die Zukunft in und von Bernsfeld – den Anschluss an schnelles Internet.

Wenn sich Bürger zusammenschließen haben sie Erfolg. Zumindest erreichen sie einen Infoabend. Der ist das Ergebnis einer Bernsfelder Bürgerinitiative für einen schnellen Breitbandanschluss des Dorfes. Vor wenigen Wochen erst hatte die Initiative Bürgermeister Andreas Sommer in einer Bürgersprechstunde über 300 Unterschriften für ihr Anliegen überreicht, und Sommer hatte sich an Landrat Manfred Görig gewandt. Der schickte zwei Vertreter der Breitbandinfrastrukturgesellschaft Oberhessen (BIGO), Geschäftsführer Walter Bathke und Raphael Kupfermann, seinen potenziellen Nachfolger.

"Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht." Das war eine der Lebensweisheiten, die Bathke den ungeduldigen Bernsfeldern im Dorfgemeinschaftshaus entgegen hielt. Damit machte er deutlich, dass der Breitbandausbau von so vielen Bundes- und EU-Vorgaben beeinflusst wird, dass auch intensiver Protest keine Beschleunigung bewirken kann. Allerdings, und das war Balsam für die Bernsfelder, die sich in Sachen Breitband mehrfach als das gallische Dorf im Vogelsberg bezeichneten: Der BIGO-Vertreter betonte mehrfach, dass er sich den Brennpunkt Bernsfeld besonders gemerkt habe, auch wenn es im Vogelsbergkreis viele Brennpunkte gebe. Das könnte Auswirkung haben, wenn nach einer Ausbauvergabe die Reihenfolge der Ortschaften festgelegt wird, soweit nicht technische Gegebenheiten dagegen sprechen.

Wie ist der aktuelle Stand beim Breitbandausbau im Vogelsbergkreis, und wann kommt Bernsfeld dran? Dazu muss man in zwei verschiedene Ausbauarten unterscheiden: Zum einen baut die Telekom im Vogelsberg eigenwirtschaflich (trägt die Kosten, erzielt daraus in der Folge Gewinn oder Verlust) in vielen Kommunen aus. Weil Bernsfeld als wenig lukrativ eingeschätzt wird, werde die Telekom das nicht machen, sagte Geschäftsführer Bathke. Aber die BIGO wird mit Kreismitteln und Zuschüssen Glasfaser in den Ort legen, denn eine ihrer Aufgaben ist es, Firmen an das schnelle Netz anzuschließen. Und in der Ortsmitte ist ein Autohaus angesiedelt. Wenn erst mal Glasfaser im Dorf liegt, werde der Anschluss von Haushalten nicht mehr lange dauern. Dann würden von zwei Verzweigerkästen aus die Häuser über die vorhandenen Kupferleitungen mittels Vectoringtechnik mit einem schnellen Anschluss versehen.

Derzeit werden nach Angaben von Bathke die Angebote von Netzbetreibern geprüft, im Januar soll es zweite Besprechung geben. In der Ausschreibung ist eine Bauzeit von zwei Jahren vorgesehen. Wenn dann der Vertrag geschlossen wird, ist allerdings noch die Baufirma offen, und es muss die Reihenfolge des Ausbaues organisiert werden. Das bedeutet, wenn es Verträge im Frühjahr geben sollte, endet die Ausbaufrist Mitte 2021. Das wäre dann acht Jahre nachdem der Vogelsbergkreis in einem ersten Markterkundungsverfahren festgestellt hatte, dass keine Firma Interesse hatte.

Das Zauberwort beim Breitbandausbau im Vogelsbergkreis ist demnach Geduld. Darauf wollten sich aber einige Bernsfelder Bürger am Montagabend nicht weiter einlassen. Ein Vorschlag lautete, wenn jeder Ortsbürger 100 Euro gebe, dann habe man eine stattliche Summe zusammen, mit der man ein Glasfaserkabel von Atzenhain nach Bernsfeld legen lassen könne. Diese zwei Kilometer seien wesentlich kostengünstiger als der vorgesehene Anschluss an einen Hauptverteiler in Gemünden. Dieses Glasfaserkabel könne man dann von einem Netzbetreiber nutzen lassen. BIGO-Vertreter Kupfermann wies auf zwei Hürden hin: Für beide Enden des Kabels müsse sich eine Firma zum Anschluss finden, und zum anderen sei die technische Ausrüstung der Kabelverzweiger sehr teuer, es könnten über 100 000 Euro sein. Bernsfeld hat rund 420 Einwohner, je 100 Euro kämen 42 000 Euro zusammen.

Vor dem Hintergrund gekündigter Verträge wollten die Bürger auch wissen, welchem Netzbetreiber sie sich jetzt zuwenden sollten, wenn man noch nicht wisse, wer die Ausschreibung im Frühjahr für sich entscheide. In diesem Fall riet Bathke zur Telekom, denn die sei ein regulierter Anbieter. Das bedeutet, die Telekom muss andere Unternehmen zu einem bestimmten Preis – vorgegeben von der Bundesnetzagentur – ins Netz lassen. Andere Unternehmen können den Preis, wenn sie das Netz übernehmen sollten, frei bestimmen, so dass ein Anmieten für einen anderen Interessenten dann nicht wirtschaftlich sein kann.

Verständnis für die Telekom

An dem Abend wurde neben der Breitbandproblematik auch das Mobilfunk-Angebot im Ort angesprochen. Verbreitet sind Vodafon und Telekom. So besteht die Befürchtung, dass die Mobilfunkantenne der Telekom bei Atzenhain bei den Windkraftanlagen durch die rund 30 Meter hohen Lagerhallen der Firma Nordfrost abgeschottet werden könnten. Aber diese Technik ist nicht Sache der BIGO. Ihre beiden Vertreter sahen am Montag Abend als eine Möglichkeit eine Masterhöhung und brachen für die am Abend oft unfreundlich bewertete Telekom eine Lanze. Das Unternehmen habe immerhin im Vogelsbergkreis eine gewaltige Vorleistung erbracht, habe viele Orte eigenwirtschaftlich erschlossen.

"Mir ist klar geworden, da passiert schon ganz viel, es ist aber noch nicht bei uns angekommen", fasste eine Bernsfelderin gegen Ende der Versammlung zusammen und signalisierte weiterhin Geduld. Die hat auch BIGO-Geschäftsführer Bathke: "Ich wohne in Eifa und habe eine 384er Leitung. Man kann damit E-Mails schreiben und im Internet surfen." Dass dieser Hinweis mit Gelächter quittiert wurde nahm Bathke mit Nachsicht auf – und mit Geduld.

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