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14 Meter breite Sonnenuhr

  • Rolf Schwickert
    vonRolf Schwickert
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Wir leben im Hightech-Zeitalter, erleben rasante Veränderungen. Die Sonnenuhr ist hingegen seit Jahrtausenden gleich geblieben. Aber sie fasziniert nach wie vor. Besonders wenn sie 70 Quadratmeter groß ist, wie bei Gerhard Benna in Atzenhain.

Wie viel Uhr ist es?" Bei dieser Frage werden die meisten Menschen heute auf die Armbanduhr oder das Smartphone schauen. Fliesenleger Gerhard Benna kann auch vor die Tür seines Betriebes treten und auf die Hauswand schauen: Dort liest er die Zeit auf einer Fläche von fünf mal 14 Metern minutengenau ab - wenn die Sonne scheint. Denn Benna hat eine Sonnenuhr auf die Fassade gemalt, die auf den Laien im ersten Moment nicht nur sehr beeindruckend sondern auch verwirrend wirkt.

Eng nebeneinander verlaufen Hunderte Striche, stehen viele Zahlen. Und weil die Fassade eigentlich zu einem Betriebsgebäude im Industriegebiet Gottesrain gehört, sind dort auch Türen, Fenster und Garagentore. Die Linien passen sich den Gegebenheiten an, machen Knicke, müssen gedanklich vom Betrachter verlängert werden.

Gleichwohl liest Benna die vielen Details der Sonnenuhr mit einem kurzen Blick, erklärt sie gestenreich. Der Autodidakt hatte kürzlich Bürgermeister Andreas Sommer und Ortsvorsteher Thomas Röhrich zu Besuch, die von dem Kunstwerk und dem Wissen Bennas beeindruckt waren. In gleicher Weise äußerte sich der Nieder-Ohmener Bernd Reitz, der den Kontakt zu Benna vermittelt hatte.

Wenn man sich die Angebote der Firma von Benna anschaut, kann man ahnen, wie die Zusammenhänge sind. Denn der 58-Jährige bietet nicht nur einfach das Verlegen von Fliesen an, sondern wirbt mit dem Begriff "Fliesen-Geometrie". Er legt aus normalen Fliesen kunstvolle Formen und schneidet die Platten entsprechend zu. Schon für diese handwerkliche Tätigkeit bedarf es eines hohen Maßes an Fantasie und Vorstellungsvermögen, um aus einem Stapel rechteckiger Fliesen einen farbigen Kreis mit Quadraten, Rechtecken, Dreiecken und Rauten zu legen. Vor zwölf Jahren belegte er damit bei einem Bundeswettbewerb den 3. Platz.

Seit Ostern 2011 beschäftigt sich Benna auch mit der Astronomie, hinterfragt die Stimmigkeit der verschiedenen Kalender und hat Modelle von Planetenkonstellationen gebaut. Darunter ist auch ein Modell, bei dem sich die Erde um die Sonne dreht und der Mond um die Erde.

Dieses Wissen gab es nicht immer, insbesondere die Kirche verstand noch im 17. Jahrhundert die Erde als Mittelpunkt der Schöpfung, um die sich die anderen Himmelskörper zu drehen hatten. In Hinblick auf den Mond hatte sie recht, nicht so bei der Sonne. Und über eine Sonnenuhr kann man sehen, wie sich die Erde in elliptischen Bahnen um die Sonne dreht.

Bei seinen Nachforschungen stieß Benna auch auf die Grieskirchner Sonnenuhr (5000-Einwohner-Gemeinde in Oberösterreich) nach Johannes Kepler (1571-1630). Am dortigen Schulzentrum ist eine große vertikale Sonnenuhr aufgemalt. Auf der Südwand des Gebäudes hat sie eine Fläche von etwa 240 Quadratmeter (die von Benna weist rund 70 Quadratmeter auf) und ist wegen ihrer Größe schon von Weitem sichtbar.

Für das Aufmalen seiner Sonnenuhr hat Benna rund 1200 Stunden benötigt. Innerhalb von eineinhalb Jahren hat er die nötigen Berechnungen angestellt und die Striche gezogen, wenn die Sonne schien. "Wenn ich wegen der Arbeit mal ein paar Tage keine Linien einzeichnen konnte, habe ich bei Sonnenschein auch mal den Arbeitsplatz verlassen. Sonst hätte ich vielleicht ein Jahr warten müssen", erläutert er den Zeitdruck. Wie unterschiedlich der Lauf der Erde um die Sonne ist, kann auch der Laie bei der Sonnenuhr von Benna schnell erkennen. Denn je nach Jahreszeit wandert der Schattenzeiger auf der Wand für eine Viertelstunde schnell oder langsam. So legt der Schatten am 4. April für 15 Minuten eine Strecke von 2,70 Meter zurück, an Tagen im November sind es gerade mal acht Zentimeter.

Mit seiner riesigen Sonnenuhr gehört Benna zum Kreis derer, die auf der Internetseite earthlat12.org zusammengefasst sind. Dort kann man alle zwei Minuten aktuelle Bilder von Sonnenuhren in Thailand, Österreich, Rumänien und eben auch aus Atzenhain sehen. Und dort ist auch die Beteiligung von Sohn Matheus Benna gewürdigt. Der Mechatroniker hat seinem Vater in vielerlei Hinsicht geholfen.

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