Ein Aktivist steht über den Einsatzkräften im Baum. FOTO: DPA
+
Ein Aktivist steht über den Einsatzkräften im Baum. FOTO: DPA

"Menschenleben sind in Gefahr"

  • vonRedaktion
    schließen

Homberg(pm). Das Aktionsbündnis "Keine A 49" verurteilt den Beginn der Fällungen im Dannenröder Wald nach eigenen Worten "auf das Schärfste." Man habe Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer und Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir im Oktober das neue Gutachten des Büro RegioConsult aus Marburg vorgelegt, das klar herausgestellt habe, dass die wasserrechtliche Genehmigung für den Bau der A 49 auf tönernen Füßen stehe. Eine vorläufige fachanwaltliche Aussage spreche sogar von rechtswidrig. Zusammen mit der Stellungnahme der Hamburger Fachanwältin Dr. Roga Verheyen würden "erdrückende Nachweise vorliegen, dass der Bau der A 49 die Trinkwasserversorgung für eine halbe Million Menschen gefährdet". Das Bündnis ruft Scheuer und Al-Wazir auf, "ihrer Verantwortung für die Daseinsvorsorge Wasser nachzukommen und das geforderte Planergänzungsverfahren zur Sicherung des Grundwassers anzuordnen". So lange müssten die Bautätigkeit und das Fällen der Wälder ruhen, da der Bestand des Waldes von besonderer Bedeutung sei.

Kirche fürchtet Spirale der Gewalt

Die Polizei Mittelhessen habe in ihrer Pressekonferenz am vergangenen Montag ausgeführt, dass in dieser Woche nur logistische Vorarbeiten geplant seien, jedoch noch keine Fällungen im Dannenröder Wald. Nun stelle man fest, dass seit Mittwoch Fällungen stattfinden. "Wir verurteilen auch besonders, dass es dabei bereits zur Gefährdung von Menschenleben gekommen ist, weil Bäume in unmittelbarer Nähe von Menschen gefällt wurden". Die evangelische Kirche hat angesichts des sich zuspitzenden Konfliktes dazu aufgerufen, "auf Gewalt zu verzichten und den Konflikt friedlich auszutragen". Es gehöre zur Demokratie, unterschiedlicher Meinung zu sein und dies auch zu zeigen, aber nicht, indem man andere Menschen verletze.

Bei der Räumung des Dannenröder Forstes, den Umweltaktivisten besetzt haben, sei es in den vergangenen Tagen wiederholt zu Gewalt auf Seiten der Protestierenden und der Polizei gekommen. Propst Helmut Wöllenstein von der evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (Marburg) und Propst Matthias Schmidt von der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (Gießen) riefen dazu auf, "den Konflikt wieder friedlich auszutragen".

Sie fürchten eine Spirale der Gewalt. "Es darf nicht dazu kommen, dass auf Seiten der Demonstrierenden oder der Polizei weiter Menschen verletzt werden", so Wöllenstein. Es sei "ein guter Grundsatz, Meinungen auszutauschen, aber auch so zu streiten, dass die Würde der Person geachtet und Lernprozesse gegenseitig zugebilligt werden", sagte er.

Nach Worten von Schmidt hätten in der Region viele Angst davor, dass es nicht gelingt, bei den Protesten friedlich zu bleiben. Schmidt fürchtet, dass "einerseits Baumhaus-Bewohner verletzt und andererseits Polizisten bei der Räumung mit Gewalt überzogen werden".

Er sieht es deshalb als umso dringlicher an, "dass sich trotz gegenläufiger Positionen alle für den Schutz der Persönlichkeitsrechte ihres jeweiligen Gegenübers einsetzen und einer Eskalationsspirale entgegenwirken".

Beide appellieren an die Akteure: "Als Menschen sind wir alle seelisch und körperlich verletzlich. Die Corona-Pandemie führt uns dies in aller Deutlichkeit vor Augen. Umso wichtiger ist es in Zeiten blank gescheuerter Nerven und steigender Dünnhäutigkeit, in Konflikten eine Kultur der Friedfertigkeit zu vertreten."

Die Dekanin des Dekanats Vogelsberg, Dorette Seibert, erklärte, dass das evangelische Dekanat in den vergangenen Monaten versucht habe, mit beiden Seiten im Gespräch zu sein. "Wir haben Vertrauen aufgebaut. Es braucht deeskalierende Gespräche und politische Lösungen." Zuletzt sei jedoch in vielen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen eine "drastische Verschärfung des Umgangstons, steigende Unfairness und tendenziöse Berichterstattung, insbesondere in Messenger-Diensten, zu erleben", sagte sie. Dadurch drohe bei vielen politischen Themen eine dauerhafte Spaltung in den Gemeinden vor Ort. Auch in Mittelhessen sei im Laufe des lang andauernden Konfliktes um den Ausbau der A 49 teilweise eine Abkehr von der Sachorientierung hin zu persönlicher Diffamierung zu bemerken. Eine Deeskalation sei nun notwendig.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare