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Mehr Hilfe für Kinder nötig

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Von: Joachim Legatis

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Setzen sich in Projekten dafür ein, dass es Kindern und Familien gut geht: Dr. Alexander Karney, Leiter der Eichbergschule, Dr. Christine Kock, stellvertretende Vorsitzende des Kinderschutzbundes Lauterbach. © Joachim Legatis

Zwei Jahre Pandemie haben Spuren in der Gesellschaft hinterlassen, so klagen Lehrer und Ärzte über schlechtere Sprachkompetenz und soziale Fähigkeiten bei Kindern. Dagegen setzt der Kinderschutzbund Förderprojekte an Grundschulen und sorgt für gesundes Obst in Kitas.

Corona hat negative Folgen für Kinder, da ist Dr. Alexander Karney sicher. Der Leiter der Eichberggrundschule sagte, »die Pandemie hat zu einem Einbruch bei den Kompetenzen geführt«. Besonders gelitten habe die Sprachfähigkeit bei einigen Kindern, doch auch Feinmotorik und das soziale Verhalten hat in der Zeit der Lockdowns nachgelassen. Deshalb ist er so froh über Projekte des Kinderschutzbundes Lauterbach, die zusätzlich zu den schulischen Fördermaßnahmen angeboten werden.

»Wir unterstützen ein Projekt zur Feinmotorik und Sozialkompetenz in den Vorklassen an der Eichbergschule«, erläutert Dr. Christine Kock. Die stellvertretende Vorsitzende des örtlichen Kinderschutzbunds erlebt als Kinderärztin, welche Folgen geschlossene Schulen und Eltern im Homeoffice haben. Die Feinmotorik vieler Jungen und Mädchen hat nachgelassen und »es gibt immer wieder Kinder, die schwierig in Gruppen sind«.

Deshalb macht eine vom Kinderschutzbund bezahlte Ergotherapeutin spielerische Übungen mit den Grundschülern, bastelt Faschingsmasken und achtet dabei darauf, dass soziale Regeln eingehalten werden. »Sie lernen zu warten, bis sie dran sind, bei den Spielen gibt es keine Gewinner und Verlierer«, damit keiner gehänselt wird.

Eine andere Folge der Corona-Zeit ist ein Verlust an Sprachfähigkeit, wie Karney und Kock übereinstimmend sagen. »Vorlesen ist wichtig, dann kann man über das Buch reden und ist in einem intensiven Austausch.« Leider werden oft Hörbücher konsumiert, die einen solchen Austausch nicht fördern. Das zeigt sich auch bei Vorsorgeuntersuchungen in der Praxis von Dr. Kock. »Offenbar wird in vielen Familien nicht so viel mit den Kindern gesprochen«, da sei es kein Vorteil, wenn die Eltern von zu Hause aus arbeiten, aber nicht ansprechbar sind.

Karney betont, dass Familien unterschiedlich damit umgegangen sind. Manche Kinder sind gut durch die Lockdown-Perioden gekommen. Bei anderen zeigen sich deutliche Probleme, so im Umgang mit anderen Kindern und den Lehrkräften.

Anders als der Name suggeriert, arbeitet der Kinderschutzbund in Lauterbach nicht am direkten Schutz junger Menschen vor Gewalt. »Das können wir als ehrenamtlicher Verband nicht leisten«, sagt Kock. Vielmehr konzentriere man sich auf die Unterstützung von Familien und Kindern. So hat man ein Lernpaten-Programm für mathematische Grundkompetenz an der Eichbergschule gestartet. »Ich will, dass keines der Kinder die Grundschule verlässt und nicht richtig rechnen kann«, legt sich Karney fest.

Obst statt Süßem

Das System ist einfach: Ein Lernpate sitzt mit einem Kind zusammen und mit Hilfsmitteln werden Grundlagen des Zählens vermittelt. Das illustriert Karney mit vier »Rechenschiffchen«. Das sind schmale Brettchen mit je fünf Mulden, in die kleine Klötze mit rotem und blauem Kopf passen. Um sieben und acht zusammenzuzählen, werden je zwei Schiffchen zusammengelegt, hinein kommen einmal acht, einmal sieben Klötzchen. Nun geht es nicht darum, sie einfach zusammenzuzählen. Karney nimmt zwei rote Klötze und füllt damit den Achterblock der blauen Klötze auf. Nun sind drei Schiffchen gefüllt, man sieht auf einen Blick, dass es 15 sind.

»Es soll ein mentales Bild entstehen, bevor die Kinder anfangen, die Zahlen zusammenzuzählen«, sagt Karney. In der nächsten Stufe des Spiels bekommt der Lernpate die Schiffchen und das Kind soll sagen, wo welche Klötze hinzugelegt werden. Im dritten Schritt geschieht das hinter einer kleinen Trennwand, dann sollte das mentale Bild im Kopf entstehen.

Ein Anlass für das Projekt war die Erkenntnis, dass Kinder in den Familien nicht genug spielen. Bei früher üblichen Würfelspielen und beim Mensch-ärgere-dich-nicht rechnen sie automatisch zusammen, was eine Grundlage für den Mathe-Unterricht an der Schule bildet.

Karney ist froh, dass es neben den schulischen Möglichkeiten mit Stützunterricht und Lehrkräftevertretungen noch eine ehrenamtliche Schiene zur Unterstützung gibt. »Schule kann nicht alles leisten«, besonders hart trifft das Kinder, die einen Anschubser mehr brauchen.

Ein weiteres Projekt des Kinderschutzbunds fußt auf der Beobachtung, dass Kinder oft Süßigkeiten statt Brot und Obst für das Frühstück in Kindertagesstätten mitbringen. Deshalb finanziert der Verband einen Obst- und Gemüsehändler, der einmal pro Woche in die Kita kommt und den Kindern Karotten, Gurken, Äpfel und Trauben liefert. Das gesunde Frühstück wird dann mit den Erzieherinnen zubereitet.

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