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Mehr digital, weniger Bewegung

  • Rolf Schwickert
    vonRolf Schwickert
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Die Gesamtschule Mücke wird im Sommer 50 Jahre alt, Schulleiter Gustl Theiss geht nach 40 Berufsjahren in den Ruhestand. In dieser Zeit hat sich die Gesellschaft verändert und damit auch der Schulalltag. Was hat sich geändert, und wie muss man reagieren? Darüber gibt Gustl Theiss im Interview Auskunft.

Herr Theiss, in den 38 Jahren Ihrer Arbeit an der Gesamtschule hat sich viel verändert. Bei der Ausstattung der Schule, dem Kollegium, den Schülern. Was bietet die Gesamtschule Mücke den Schülern heute mehr als früher?

Es hat sich sehr viel geändert bei den Unterrichtsangeboten sowohl im Pflicht- als auch im AG-Bereich. Bedingt durch die Vorgaben des Kultusministeriums sind wir eine Profil-II-Schule, das heißt wir haben montags bis donnerstags bis 15.15 Uhr Unterricht und Betreuung, freitags bis 13 Uhr. Wir haben einen breiten Austausch mit Schulen im Ausland, mit Frankreich und England, geplant ist so etwas mit den USA. Wir sind die erste Schule im Kreis, die Computer besessen hat. Ich habe den gesamten EDV- und Computerbereich aufgebaut, wirke teilweise noch an der Betreuung mit. 1990 habe ich an der Gesamthochschule Kassel eine Fortbildung Informatik gemacht. Damals bin ich belächelt worden, wie man das in seiner Freizeit noch machen kann. Im vergangenen Jahr haben wir nun iPad-Klassen eingerichtet, obwohl ich mich immer dagegen gewehrt habe.

Was spricht denn gegen iPad-Klassen?

Schüler haben heute schon so viel mit digitalen Medien zu tun, dass ich es zunächst nicht unbedingt auch noch in der Schule forcieren wollte. Aber bei anderen Schulen habe ich gesehen, dass da enormes Potenzial drin steckt, um auch schwächeren Schülern das Lernen einfacher zu ermöglichen, indem mehr visualisiert wird. Das war zunächst ein Wagnis, aber wir haben es geschafft, sogar eine Hauptschulklasse als iPad-Klasse einzurichten. Allerdings müssen die Eltern dahinterstehen, denn die zahlen schließlich die iPads. Die Teilnahme an einer iPad-Klasse ist noch nicht verpflichtend.

Schüler haben sich verändert, Sie haben das schulische Angebot darauf abgestellt. Haben sich auch Eltern verändert?

Eltern haben sich sehr verändert. Daraus resultiert auch ein verändertes Schülerverhalten. Es war früher sehr viel leichter, die Eltern ins Boot zu holen, um an den Zielen der Schule mitzuarbeiten. Heute hat man eher das Gefühl, dass sich Eltern auf Schule verlassen und Erziehung zu großen Teilen der Schule überlassen. Wenn dann allerdings etwas schiefgeht oder nicht so läuft, wie sie es erwartet haben, dann sind sie plötzlich Eltern. Dann stellen sie sich vor ihre Kinder und hinterfragen eventuell das Fehlverhalten von Kindern nicht. Früher hat man zwei Meinungen gehört: die der Schule und die des Kindes. Heute wird nur noch der Schüler gehört.

Sind das sehr viele Eltern, die gegenüber der Schule so auftreten?

Das sind sicher über fünf Prozent, aber bei drei bis vier Prozent rede ich von Hardcore-Schülern und -Eltern. Bei denen ist der Umgang entweder mangels Interesse nicht möglich oder auf einer emotional sehr angespannten Ebene.

Diese Eltern sind dann sicher nicht Mitglied im Förderverein.

Ja, das stimmt. Aber wir haben auch viele tolle Eltern, die sich kümmern, die interessiert sind. Der Förderverein macht sehr viel für die Schule, und gerade jetzt in Vorbereitung der 50-Jahr-Feier kann man das sehen. Wir wollen ein Kleinspielfeld für Ballsport bauen, um dem Bewegungsdrang vieler Schüler in den Pausen Rechnung zu tragen. Dieses teure Projekt fördern die Eltern.

Wie haben sich die Schüler verändert, die nach der Grundschule zu Ihnen kommen?

Die Schüler waren früher aktiver, bei Projektwochen haben die sich eingebracht. Das Freizeitverhalten ist heute völlig anders. Früher hatte jeder Ort drei Vereine, heute gibt es nur noch Spielgemeinschaften. Der Umgang mit den neuen Medien hat auch weniger Bewegung der Schüler zur Folge.

Wie wirkt sich die Veränderung der Schüler im Unterrichtsalltag aus?

Viele sind nicht mehr in der Lage, die Kulturtechniken Lesen und Schreiben auszuüben. Aber sie können ein Handy bedienen. Die kommen aus dem 4. Schuljahr, können nur bedingt lesen, schreiben fällt ihnen schwer, und die Vorstellungen im Zahlenraum haben sich auch gravierend verändert. Und dann lassen Sie mal ein Kind hier im Sekretariat am Schulapparat telefonieren - das funktioniert nicht. Wir haben eine Anleitung daneben liegen, aber in 80 Prozent bekommen die keine Verbindung. Ähnlich sieht es mit dem Ablesen einer analogen Uhr sowie dem Lesen der Speisekarte in der Cafeteria aus.

Auch Ausbildungsbetriebe beklagen, dass Lesen, Schreiben und Rechnen bei Schülern früher besser klappte. Woran liegt das?

Ich mache keiner Schule einen Vorwurf. Wir haben unheimlich viele Vorgaben aus dem Kultusministerium mit pädagogischen Vermittlungsformen, die allerdings am Schreibtisch geboren wurden. Aber der Alltag sieht anders aus. Man kann beispielsweise Kinder nicht so schreiben lassen, wie sie etwas hören. Das zu korrigieren fällt mit zunehmendem Alter schwer. Ich sage nichts Schlechtes über die Grundschulen, dort wird fantastische Arbeit geleistet. Aber, die Art und Weise, wie den Kindern dort die Kulturtechniken vermittelt werden, die sind für uns in der Gesamtschule nicht zielführend. Wir müssen teilweise in vielen Bereichen wieder bei null anfangen. An dieser Schnittstelle knackt es ganz gewaltig.

Dann kommt auf Ihre Kollegen neben der normalen Stoffvermittlung noch das Nachbereiten von Wissen zu, das eigentlich vorhanden sein müsste.

Ich bin ein Verfechter der Inklusion, aber es gibt Grenzen. Nicht in jeder allgemeinbildenden Schule sollte Inklusion bis zum Exzess propagiert werden. Wir tun alles dafür, wir haben tolle Leute im BFZ (Beratungs- und Förderzentrum), die sich um diese Kinder kümmern, und die Schüler werden noch von zwei überaus engagierten Sozialarbeitern betreut. Aber irgendwo gibt es Grenzen. So wird das Niveau in jedem Zweig nach unten gefahren.

Wie kann man dem Problem begegnen? Braucht man mehr Fachkräfte?

Das ist genau der Punkt, mehr Personal. Wir haben in acht Klassen zwei Förderlehrer, die auch noch den Bedarf in anderen Klassen abdecken. So kann man dem Förderbedürfnis der Kinder nicht gerecht werden.

Die Schüler haben sich verändert, ebenso die Eltern? Wie stellen sich die Lehrer darauf ein?

Als ich 1982 an die Schule kam, war ich der jüngste Kollege, das blieb auch zehn Jahre so. Heute bin ich der Älteste, denn es sind viele in Pension gegangen. Aus meiner Anfangszeit sind noch zwei Lehrer da, die auch im Sommer gehen. Dann ist die Schule einmal runderneuert worden. Die Übergangszeit in den vergangenen zehn bis 15 Jahren war schwierig, weil in der Schule immer mehr die digitalen Medien Platz eingenommen haben. Digitale Tafeln haben bei älteren Kollegen zu Ängsten geführt, sich mit den neuen Medien auseinanderzusetzen. Heute ist es selbstverständlich, denn die neuen Kollegen sind mit dieser Technik groß geworden.

Was raten Sie jemandem, der Lehrer werden will?

Mach ein langes Praktikum. Schau dich um, ob du mit Menschen umgehen kannst. Es zählen nicht so sehr die fachlichen Qualitäten. Man muss Lehrer mit Leib und Seele sein, sonst verbrennt man nach spätestens zehn Jahren.

Sie sind nicht verbrannt, haben Erfolg und auch Freude in Ihrem Beruf gehabt.

Ich glaube, ich habe in den letzten zehn Jahren keine drei Tage gefehlt. Das ist etwas, da sollte man nicht stolz darauf sein, aber die Gesamtschule Mücke liegt mir am Herzen. Ich habe sie mit aufgebaut, und ich glaube auch, dass ich sehr viel bewegt habe. Jetzt sollen mal andere ran. Die Gesamtschule hat im Juni 50-jähriges Jubiläum, und das soll auch der Schlusspunkt meiner Aktivitäten sein.

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