Am 11. März trat die Gleen aufgrund von Starkregen über ihre Ufer. Der Starkregen überschwemmte das Gebiet des geplanten Regenrückhaltebeckens hinter dem Schmitthof. bei Lehrbach. FOTO: PM
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Am 11. März trat die Gleen aufgrund von Starkregen über ihre Ufer. Der Starkregen überschwemmte das Gebiet des geplanten Regenrückhaltebeckens hinter dem Schmitthof. bei Lehrbach. FOTO: PM

Autobahnbau und Corona-Krise

Mangelnde Vorstellungskraft

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(Leserbrief zu "Kriegsreste und A 49" )

Wo Risiken minimiert werden müssen, bestehen diese auch. Wo Notfallpläne erstellt werden, weiß man, was schief gehen kann. Insofern gesteht Deges Gefährdungen für das Trinkwasser für bis zu 500 000 Menschen von Kirtorf über Mittelhessen bis in das Rhein-Main-Gebiet selbst ein. Doch kein Wort von TNT.

Das Kriegsgift, das auf dem Grundwasserkörper südlich von Stadtallendorf schwimmend, offensichtlich nur durch ein ausgeklügeltes Balancesystem davon abgehalten werden kann, sich mit dem Grundwasser zu vermischen und dieses zu vergiften. Desinformation nennt man es, wenn jemand gegenüber der Bevölkerung angeblich leicht zu beherrschende Risiken schön redet, dabei jedoch die wirkliche Gefahr verschweigt.

Dass die DEGES um dieses Risiko der Grundwasservergiftung durch TNT beim Bau der A 49 wissen muss, ist klar. Sonst hätte sie dieses Risiko längst dementiert. Doch auch der Zweckverband Mittelhessischer Wasserwerke selbst hat ein hohes Risiko für die Wasserversorgung durch den Bau der A 49 festgestellt.

Wahrscheinlich ist es reiner Zufall, dass sich in der "Heile- Welt-Presseerklärung" von DEGES auch kein Name findet, den man später für eine Fehl- oder Desinformation verantwortlich machen könnte. Sowohl die Risiken der Grundwasservergiftung durch TNT wie der dauerhaften Grundwasserabsenkung durch das Roden der Wälder und das Gründen der Brücken beim Bau der A 49 von Stadtallendorf bis Gemünden werden verschwiegen oder verharmlost. 2012 ist das Jahr, in dem in der Abwägung zwischen Wirtschaftsinteressen und Grundwasserschutz das Wirtschaftsinteresse den politischen Vortritt erhielt. Ausgang noch offen und ungewiss.

2012 ist auch das Jahr, in dem das Robert Koch-Institut die Risiko-Analyse Modi Sars veröffentlicht hat. Diese Risikostudie im Auftrag des Bundes beschreibt ausdrücklich die Gefahren einer durch mutierte Coronaviren heraufziehenden weltweiten Pandemie.

Die deutsche Politik wurde aufgefordert, Vorsorge für genügend Schutzkleidung und Schutzmasken zu treffen sowie Pandemiepläne zu erstellen, da der Ausbruch lediglich eine Frage der Zeit sei. Was wurde unternommen? Offensichtlich nichts Noch am 24. März 2020 wurde in der Sitzung des Hessischen Landtags zur Corona-Krise von allen Fraktionen betont, eine solche Lage hätte man sich in Deutschland nie vorstellen können. Möglicherweise ist genau das das Problem: mangelnde Vorstellungskraft. Oder die trügerische Gewissheit, die Technik werde es im Notfall schon richten.

Doch nun zeigt uns die Corona-Krise, wie schnell wir selbst in unserem hoch technisierten Land mit dem Rücken zur Wand stehen. Mit Schweißperlen auf der Stirn wird Aktion um Aktion gestartet, Hilfspaket um Hilfspaket geschnürt. Unvorbereiteter Aktionismus im Wettlauf gegen die Zeit.

Wer zahlt den Preis für die mangelnde Vorsorge, diese mangelhafte Vorstellungskraft? Wir alle.

An vorderster Front unsere Ärzte und Pflegekräfte, die rund um die Uhr im Einsatz sind. Die ihr eigenes Leben riskieren müssen, weil ein Land wie Deutschland trotz deutlicher Warnung keine ausreichende Schutzausrüstung, nicht einmal für die Bundeswehr, vorgehalten hat. Tausende Tote, darunter 77 tote Ärzte und Tausende infizierte Pflegekräfte und Ärzte aufgrund mangelnder Schutzausrüstung, das ist bisher die traurige Bilanz der mangelnden Vorstellungskraft unserer verantwortlichen Politiker und der mangelnden Vorsorge im hoch technisierten Deutschland.

Und reicht der auf Corona konzentrierte Blick überhaupt noch dazu, das ganze System im Blick zu behalten? Sind die Risiken des Klimawandels überhaupt noch präsent, die gerade auch die Situation unseres Grundwassers schnell verschlechtern können? Man habe ein Regenrückhaltebecken im Gleental geplant. Dorthin werde alles Abwasser der Autobahn abfließen. Nichts gelange ins Grundwasser. Soweit die heile Welt von DEGES. Reale Tatsache: Am 11. März 2020 trat die Gleen zuletzt aufgrund von Starkregen über ihre Ufer. Der Starkregen überschwemmte das Gebiet des geplanten Regenrückhaltebeckens hinter dem Schmitthof. Wohin wird das Abwasser aus dem Regenrückhaltebecken wohl fließen, wenn Starkregen es in Zukunft überfluten würde? Genau: Dahin, wo es nicht hin soll. In den Wasserkreislauf.

Vorsorge ist besser als Heilen! Gerade in unserer jetzigen Situation muss Vorsorge höchste Priorität haben. Undenkbar und verantwortungslos, wenn politisches Handeln in der jetzigen Situation die Bevölkerung noch weiteren Gefahren aussetzen würde. Minister und Politiker betonen derzeit pausenlos, Gesundheitsschutz für die Bevölkerung habe Vorrang vor Wirtschaftsinteressen.

Diesen Worten müssen jetzt Taten folgen. Denn eines ist glasklar: Unser Leben hängt weder von Klopapier noch von Autobahnen ab, wohl jedoch von sauberem lebendigen Wasser. Daher: Hände weg vom Wasserschutzgebiet im Gleental und den wasserspeichernden Wäldern!

Barbara Schlemmer,

Homberg

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