Erich Seim (li.) und Rudolf Hühnergarth beschäftigen sich mit Feldataler Platt und der Maurersprache. FOTO: JOL
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Erich Seim (li.) und Rudolf Hühnergarth beschäftigen sich mit Feldataler Platt und der Maurersprache. FOTO: JOL

Wo das Mädchen "Fohlen" heißt

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Wenn Maurer auf der Baustelle von "Konrad" sprachen, meinten sie Schnaps. Nur sollte das der Bauherr nicht mitbekommen. Doch die spezielle "Maurersprache" ist am Verschwinden. Nur noch wenige ältere Ortsbewohner wie Rudolf Hühnergarth verstehen sie.

Erich Seim muss sich sputen. Der Aktive des Vereins Historisches Feldatal sammelt Wörter seines heimatlichen Dialekts von Groß-Felda. Nur noch einige ältere Leute sprechen zu Hause so, wie es vor Jahrzehnten in den Familien üblich war. Noch drängender ist die Lage in Köddingen, die dortige "Maurersprache" ist am Verschwinden.

Nur wenige können sich wie Rudolf Hühnergarth in diesem besonderen Gemisch aus Rotwelsch, Jiddisch und Französisch verständigen. Da heißt der reiche Bauer "grande Bannes", der Schnaps wird "Konrad" genannt und ein hübsches Mädchen ist das "seppe Fohlen". Die Uhrzeit erfragte man einst mit "wie viel Hörner hat de Bock".

Für den Alltag war sie nicht gedacht, sagt der 88-Jährige. "Sie wurde im Dorf nicht gesprochen, es wusste aber jeder, was die Ausdrücke bedeuten", sagt der ehemalige Landwirt und Bäcker. Vor Jahrzehnten gab es noch viele Maurer und Zimmerleute im Ort, die im weiten Umkreis der Arbeit nachgingen. Weil man einst nicht so mobil war, aßen und übernachteten die Handwerker bei den Bauherren. "Die Handwerker haben sich dann untereinander so unterhalten, dass der Kunde es nicht verstanden hat." So konnte man sich im Beisein des Brötchengebers ungestört darüber austauschen, ob das Essen gut ist und wann man sich auf einen Schnaps zusammensetzt.

Die Maurersprache ist ein Relikt aus der Zeit, als die Köddinger Handwerker befürchten mussten, dass Kritik bei ihren Brotherren nicht gut ankam. Da war es schlauer, sie so zu tarnen, das nur diejenigen verstanden, mit denen man seit Jahren auf die Baustellen ging. Darauf weist der ehemalige Pfarrer von Köddingen Helmut Grün hin, der viele Begriffe der Maurersprache gesammelt hat.

Ausgangspunkt seines Bemühens war übrigens eine solche Situation, wie Seim berichtet. 1956 wurde die Kirche im Ort renoviert, und Grün stand auf der Baustelle, als ihn ein Alt-Handwerker ansprach. "De Schlawang" (Pfarrer) könne doch auch mit anpacken oder einen Kasten Bier in der Wirtschaft holen. Grün ließ sich das Gesagte übersetzen, packte gleich mit an und ließ eine Kiste Bier holen. Nach dieser Erfahrung richtete er Männerabende ein, bei denen er Ausdrücke der Maurersprache sammelt.

Am Ende hatte er fast 160 Begriffe beisammen und lieferte in einem Aufsatz Beispiele für diese Geheimsprache. Darunter sind so schöne Formulierungen wie "Des Moss hat sepp gefünkelt", die Frau hat gut gekocht und "Ich hab Bottel geblaut" - ich habe Hunger gelitten.

Kontakt zu Räubern

Die Maurersprache war üblich in einer Zeit, als die Dorfgemeinschaft auf sich gestellt war. Die Haushalte haben sich weitgehend selbst versorgt, wie Seim und Hühnergarth beim Gespräch sagen. "Da hatte jeder Bohnen und Weißkraut im Garten, das wurde dann eingemacht", sagt Hühnergarth. Das hat er noch selbst gelebt, der Landwirt hat regelmäßig Brot gebacken. Seine Kunden kamen aus der ganzen Umgebung, die Laibe waren mit zwei Kreuzen und der Aufschrift "Mit Gott" gekennzeichnet. Die Ortsbewohner haben selbst geschlachtet und sich von dem ernährt, was der Boden hergab. Da es keine Molkerei gab, wurde gebuttert, und man presste Matte aus der Milch.

Ein Ausdruck dieser auf das eigene Dorf bezogenen Lebensweise war die Maurersprache. Die Begriffe schnappten Köddinger Handwerker bereits Anfang des 19. Jahrhunderts auf, als Räuberbanden in der Gegend Unterschlupf fanden. Die Ganoven brachten das Rotwelsch mit. Auf den Wanderungen zu Arbeitsstellen kam man in Kontakt mit jüdischen Händlern, von denen man weitere Begriffe lernte.

Überliefert ist, dass die Köddinger aus der Pfalz zugewandert sind und ihren Heimatdialekt mitbrachten. Dazu kamen Worte, die man sich selbst ausdachte. Französische Begriffe können von Truppen aus der Nachbarnation stammen, die immer wieder durch den Vogelsberg zogen, wie Seim annimmt.

Mit der wirtschaftlichen Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg bricht die Grundlage der Maurersprache weg. Hühnergarth meint, "seit den 1950er und 1960er Jahren ist sie am Verschwinden". Bis in die 1970er Jahre sprach man auch noch mehr Platt. Seim bedauert es, dass "nur noch die Älteren die Sprache beherrschen, und die sterben weg".

So erzählt Hobby-Mundartforscher Hühnergarth, dass seine Tochter mit Platt aufgewachsen ist und dann auf dem Gymnasium in Alsfeld erst einmal Schwierigkeiten mit dem Hochdeutschen hatte. Die Enkelin versteht immerhin noch Köddinger Mundart.

Aber "sie wachsen mit Hochdeutsch auf", die Erinnerungen gehen verloren, bedauert Erich Seim.

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