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Autorin Astrid Ruppert ist zu Gast bei »Frau Kirschbaum« und bietet ihren Zuhörerinnen eine begeisternde Zusammenstellung von Texten, Mode und Musik.

Literarische Zeitreise

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Lauterbach (pm). Zu einem literarischen Salon wurde am Samstagabend der Mode-Laden »Frau Kirschbaum«: Zwischen hochwertigen Kleidungsstücken und drei besonderen Anfertigungen fanden sich zahlreiche mode- und literaturbegeisterte Frauen ein, die der Einladung des Organisatorinnenteams der Reihe »Altweibersommer« zu einer Lesung mit der bekannten Autorin Astrid Ruppert gefolgt waren.

Diese skizziert mit ihrer Trilogie über die Winter-Frauen nicht nur die miteinander verknüpften Leben von fünf Frauen, sondern lässt auch alle großen deutschen Epochen seit der Kaiserzeit auferstehen.

»Eigentlich sollte es ein Roman über eine Mutter-Tochter-Geschichte werden«, berichtete Ruppert ihrem Publikum. Doch je mehr sie sich damit beschäftigte, wie Mütter ihre Töchter prägen, wie diese wiederum ihre Töchter prägen, was gelingt und was ganz oft furchtbar schiefläuft, umso deutlicher sei ihr geworden, dass auch die Großmutter und die Ur-Großmutter noch eine Rolle spielen. Mit »Leuchtende Tage« und »Wilde Jahre« liegen derzeit Band eins und zwei vor.

Mit einer Lesung aus Band eins nahm die Autorin ihre Zuhörerinnen mit in das Dreikaiserjahr 1888, in dem ihre erste Protagonistin Lisette geboren wurde. Diese gab schon bei ihrer Geburt zu erkennen, dass sie nicht für Konventionen geeignet ist - eine Haltung, die sich fortsetzt, denn sie kann die Rolle der braven Ehefrau eines erfolgreichen Mannes, die die feine Wiesbadener Gesellschaft für sie vorsieht, nicht erfüllen.

Kaiserzeit und Nachkriegjahre

Ausdruck der Rolle der Frau in dieser Zeit und diesen Kreisen ist die Kleidung: Eng geschnürt, fast bis zur Ohnmacht, können die Frauen sich nicht frei bewegen, tragen bis zu vier Kilo Stoff am Leib und müssen sich zu jeder Tageszeit passend anziehen - ein Fulltime-Job, der sie davon abhält, nach anderem zu streben. Lisette entflieht dieser Welt mit einem Schneider, der erkannt hat, was sie will und wer sie ist.

Ruppert lies diese Zeit in der Vorstellung ihrer Zuhörerinnen wieder auferstehen: Die feine Gesellschaft, die die Inthronisation des letzten deutschen Kaisers feiert, die Wandelgänge auf den feinen mit Villen gesäumten Straßen Wiesbadens, die Anproben bei der Maßschneiderin, das Sommerhaus der Winters. Welches Schicksal Lisette und Emile ereilen wird, ließ die Autorin offen. Nur dass es eine Tochter, eine Enkeltochter und eine Urenkelin geben wird, verriet sie.

Der zweite Band macht einen großen Sprung, denn hier geht es um die Geschichte von Paula, Lisettes Enkelin, die ebenfalls ein Freigeist ist und sich in der bäuerlichen Welt eines hessischen Dorfes in den 50er- und 60er-Jahren nicht wiederfindet. Ihre Liebe gilt der Musik und je mehr sie sich dessen klar wird, umso größer wird ihre Distanz zu ihren ohnehin von den Kriegserfahrungen gezeichneten Eltern und dem Leben, das sie führen. Sie entflieht diesem, wann immer es möglich ist und bricht am Ende aus ihrem Elternhaus aus - wie einst ihre Großmutter und doch ganz anders.

Kleidung nach Vorlage des Buches

Die Geschichte ist gespickt mit Musik, an die sich viele der anwesenden Gäste noch erinnerten und zu der sie eigene Verbindungen hatten, ob Caterina Valente, Connie Froboess, die Beatles oder The Who. Gleichzeitig erzählt Ruppert auch von dem Schweigen, das über der Kriegs- und Nachkriegsgeneration lag. Paulas Schicksal bleibt am Ende ebenfalls offen, aber die Gäste erfuhren, dass sich das Kind, Maya, später als Erwachsene auf die Suche machen wird nach seiner Geschichte und der seiner Vorfahrinnen.

Viele Gespräche kamen im Anschluss an die Lesung in Gang: Frauen berichteten von ihren Müttern, ihren Töchtern, ihren Erinnerungen. Sie staunten über die Kleidungsstücke, die von Auszubildenden der Alsfelder Max-Eyth-Schule nach den Entwürfen in Rupperts Buch gefertigt worden waren: ein grünleuchtendes, besticktes Reformkleid, ein Kleid aus den Fetzen anderer Kleider und ein geschnürtes Gesellschaftskleid, das den damaligen erstrebenswerten Taillenumfang von 48 Zentimetern erahnen lässt.

Kleine Überraschungen gab es außerdem: Die Original-Altweibersommer-Wundertüten standen zum Verkauf, zwei der legendären und im ersten Band oft zitierten Wiesbadener Ananastörtchen wurden verlost und man konnte und kann jetzt schon den 3. Band der Reihe vorbestellen: Wer jetzt schon eine Bestellung bei Claudia Götz-Walk im Buchladen platziert, kann sich ab dem 17. November »Ein Ort, der sich zuhause nennt« mit Widmung nach Wahl und Signatur der Autorin abholen. Die Premierenlesung aus dem neuen Buch findet am 25. November in der Homberger Stadthalle statt.

Der Altweibersommer geht am 8. Oktober in die letzte Runde: Dann liest Traudi Schlitt im Lauterbacher Lichtspielhaus neue und alte Kolumnen, es gibt zwei Kurzfilme. Die Formation »Gut Nacht, Marie« wird das alles musikalisch begleiten. Hierzu kann man sich im Lauterbacher Lichtspielhaus unter 0800 080 1010 anmelden.

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