Lehrstellen

Lieber programmieren als Youtuben

  • Kerstin Schneider
    VonKerstin Schneider
    schließen

Drei Jahre Lehre? Och nö. Da winkt mancher Jugendliche ab. Dabei ist sie immer noch der Königsweg in eine erfolgreiche berufliche Zukunft. Und Plätze gibt es im Vogelsbergkreis genug.

Augenoptiker, Friseure, Informatik-Kaufleute – diese Lehrstellen sollten doch weggehen wie warme Semmeln beim Bäcker. Weit gefehlt. Nicht nur die Bäcker und Fleischer klagen, viele andere Branchen haben zum Beginn des neuen Ausbildungsjahr noch unbesetzte Plätze.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. 15 Lehrlinge werden im Vogelsbergkreis in der Altenpflege gesucht, 15 im Bäckerei- und Fleischereifachhandel, sieben in der Krankenpflege und 35 Kaufleute im Einzelhandel plus noch einmal 14 Verkäufer oder Verkäuferinnen. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Fast 200 Lehrstellen sind aktuell unbesetzt, auch für angehende Systemelektroniker oder Fitnesskaufleute ist noch ein Plätzchen frei.

Etliche der Stellen worden wohl nicht besetzt werden können. Vor allem nicht heimatnah mit Bewerbern aus dem Vogelsbergkreis, sagt Mandy Schweitzer von der Arbeitsagentur, Außenstelle Lauterbach.

Geschäftsführer Michael Lenz von Hürner Schweißtechnik in Mücke-Atzenhain kennt die Probleme. Eines hat mit der Mobilität zui tun. Die Autobahn hinter dem Firmengebäude hilft einem 16-Jährigen wenig. Manchmal spielen die Eltern Taxi, das klappt aber natürlich nicht immer. Die Arbeitsagenturen wissen zudem, dass viele Jugendliche nicht weg wollen von zu Hause, wo sie kostenlos wohnen und ihr Azubi-Gehalt für andere Sachen ausgeben können.

Im Elterntaxi zur Lehrstelle

Weitere Probleme kommen dazu. In vielen Bereichen sind die Anforderungen deutlich gestiegen (Beispiel Mechaniker, Lagerarbeiter), andererseits fehlen immer mehr Bewerbern die Voraussetzungen.

So müssen angehende Elektroniker für Geräte und Systeme ein technisches und mathematisches Grundverständnis mitbringen. Da hapert es oft. Und wer in Mathe und Physik fit ist, der peilt oft ein Studium an. »Viele junge Menschen streben einen höherwertigen Schulabschluss an und stehen dem Ausbildungsmarkt nicht zur Verfügung«, sagt Johannes Paul, Pressesprecher der Arbeitsagentur in Gießen.

Oft machen die Eltern Druck, dass ihr Kind einen möglichst hohen Schulabschluss erreicht, ergänzt Hürner-Geschäftsführer Lenz. Er appelliert an die Eltern: »Lasst die Kinder erst mal eine Lehre machen.«

Denn die Firmen brauchen dringend gut ausgebildete Fachkräfte. Sonst laufen sie Gefahr, ihre Produktions- und Umsatzziele nicht zu erreichen und das Gütesiegel »Made in Germany« gerät ins Wanken. Die duale Ausbildung wird von Experten als ein Grund gesehen, warum Deutschland so gut durch Wirtschaftskrisen gekommen ist. Das mit den Fachkräften gilt auch für die Firma Hürner Schweißtechnik, wo man viel tut, um den Nachwuchs für den Betrieb zu begeistern. Geschäftsführer Michael Lenz formuliert es so: »Wer halbwegs vernünftig laufen kann, der bekommt eine Lehrstelle.« Von selbst kommen die jungen Leute aber oft nicht, die Betriebe müssen sich viel einfallen lassen. So wird schon mal ein Satz Trikots für Nachwuchsfußballer gespendet.

Hürner legt auch bei den Azubis bei guten Jahreszahlen einen Bonus von 750 bis 1000 Euro obendrauf, bezahlt Abendschule oder Studium plus. Ohne zusätzliche Anreize werden viele Firmen nicht mehr fündig, sagt Arbeitsagenturvertreter Johannes Paul. Generell gibt es wegen der demografischen Lage weniger Nachwuchs und oft kennen junge Leute nicht die Bandbreite der Ausbildungsmöglichkeiten. Und nicht wenige gehen beflügelt durch die sozialen Medien mit etwas abstrusen Vorstellungen ans Jobleben herau. So denkt sich mancher Teenager: »Ich werde Youtuber.«

Teilweise gehen die Firmen inzwischen dazu über, schwächere Bewerber zu nehmen, die einen höheren Betreuungsbedarf haben, »aber das kriegen wir hin,« sagt Michael Lenz. Dazu versucht man über die Vergabe von Ferienjobs Interessenten für Ausbildungsstellen zu finden. Da wird nach dem Ende der Zeit gefragt, ob denn jemand schon eine Lehrstelle hat?

Momentan sind es sechs Azubis. Generell bietet die Firma Lehrstellen für Elektroniker/in für Geräte und Systeme (m/w), Industriekaufleute, Industriemechaniker und Zerspanungsmechaniker. Dieser Tage ist auf den letzten Drücker noch ein Lehrling eingestellt worden. Aber der Markt wird immer enger. So glaubt man bei Hürner, dass es in der Zukunft noch schwerer wird, Auszubildende zu finden. Ob man im nächsten Jahr auf die sechs kommt, dahinter setzt Lenz ein dickes Fragezeichen. Man würde sogar über den Bedarf hinaus ausbilden, und wer die Lehre erfolgreich abschließt, wird zu 98 Prozent übernommen. »Es kommt auf zwei oder drei Leute mehr nicht an, Hauptsache, ich habe sie.« Dass es mal so schwierig wird, das hätte er vor zwei Jahren nicht gedacht.

Betrunken zum Vorstellungstermin

Und nicht jede Firma auf der sicheren Seite, wenn der Ausbildungsvertrag unterschrieben ist, erzählen Johannes Paul und seine Kollegin Mandy Schweitzer. Manchmal sagen junge Leute kurzfristig wieder ab, weil sie eine andere Stelle nehmen oder brechen die Lehre kurze Zeit später ab. Für die Firmen ein großes Problem.

Viele haben zudem gravierende Vermittlungshemmnisse, wie es bei den Agenturberatern heißt. Das können die vielen Piercings sein, der alkoholbeschwingte Auftritt beim Bewerbungsgespräch oder die üppige Körperfülle, die in einem Sportgeschäft der Kundschaft nicht zu vermitteln ist.

Es sei mittlerweile zu überlegen, ob man nicht an den Berufsbildern etwas ändert und in einigen Bereichen die Anforderungen herunterschraubt, gibt Paul zu bedenken.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare