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Langer Anlauf für den »Lappen«

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Von: Kerstin Schneider

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Praktische Prüfung bei der Fahrschule. Immer häufiger fallen Fahrschüler durch die Prüfung, wie heimische Fahrschulbetreiber bestätigen können. © Red

Angst vor der Führerscheinprüfung? So geht es vielen jungen Leuten. Die Durchfallerquote steigt seit Jahren. Und die Dauer, bis man endlich die Fahrerlaubnis in den Händen hat, wird immer länger. Es braucht mehr Fahrstunden oder einen wiederholten Prüfungsversuch. Das hat Gründe.

Über 40 Prozent der Fahrschüler schaffen deutschlandweit die praktische Prüfung nicht. Das trifft vor allem auf Städte zu, aber auch auf dem Land ist der Trend inzwischen angekommen.

»Auf jeden Fall« gibt es die Trendenz, dass heutzutage mehr Fahrschüler durch die Prüfung rasseln, weiß Jens Bernhard von der gleichnamigen Fahrschule, die in Homberg, Nieder-Ohmen und Alsfeld aktiv ist. Das gilt sowohl für die Theorie als auch für die Praxis. Prozentzahlen, wie die Durchfallerquote im Vergleich zu früheren Zeiten ist, erhebt er nicht, aber die Tendenz sei klar erkennbar.

Allerdings schränkt der Fahrschulbesitzer ein, »dass die Anforderungen höher sind als früher.« Das Verkehrsaufkommen ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Während früher ein Auto pro Haushalt reichte, sind es heute manchmal bis zu fünf, die vor der Türe stehen.

Zudem sei alles viel schnellebiger und das gestiegene Verkehrsaufkommen erfordert eine deutlich höhere Konzentration. Hier kommt dann das Handy ins Spiel, das als Ablenkungsinstrument die nötige Aufmerksamkeit abzieht. »Da kann ich im Unterricht so viel erzählen, wie ich will,« sagt Bernhard. Doch nur ein kleiner unachtsamer Moment kann im Straßenverkehr lebensgefährlich sein. Ein kurzer Blick aufs Smartphone kann genügen, um von der Fahrbahn ab und in den Gegenverkehr zu geraten.

Können und Wissen rund um den Straßenverkehr haben nachgelassen, sagt Bernhard. Das liege auch daran, dass bei einigen der Führerschein nicht mehr den gleichen Wert genießt wie früher, als Jugendliche es kaum erwarten konnten, endlich den »Lappen« in der Hand zu halten, um mobil zu sein.

Heute würden viele junge Menschen manchmal von früh bis spät von den Eltern oder Großeltern gefahren. Zudem machten es Ausbildung, Schule oder Hobbys teilweise schwer, Zeit für den Fahrschulunterricht zu finden.

Bernhard, der derzeit noch mit fünf Lehrern aktiv ist, merkt zudem den Fachkräftemangel in seiner Branche. Es werde immer schwieriger, Fahrlehrer zu finden. Die Ausbildung ist schwierig und muss selbst bezahlt werden. So ist er froh, dass ein 69-jähriger Kollege, der eigentlich schon Rentner war, noch Fahrstunden gibt. Maximal fünf Leute am Tag, mehr geht nicht, so Bernhard.

Regina Rotter von der Fahrschule Traffic-Work (Gemünden und Flensungen) kann ebenfalls berichten, wie sich vieles im Laufe der Jahre verändert hat. Sie erlebt teilweise Eltern, die regelrecht verzweifeln und sich fragen, »warum dauert das so lange mit den Führerschein« beim Nachwuchs? Auch sie bestätigt den Trend, dass die Durchfallerquote steigt. Das liege zum Teil daran, die die Theorieprüfung »heute deutlich anspruchsvoller und komplexer ist als früher«. Das spiegele sich dann in den Ergebnissen wider.

Es dauere teilweise sehr lange, bis die Theorie sitzt und bis die jungen Leute so weit sind. Zwölf Monate seien heutzutage fast Standard, »da schütteln manche Eltern mit dem Kopf und sagen, früher bei mir ging das doch in drei Monaten.« Vor 20 Jahren seien drei Monate auch wirklich noch die Regel gewesen, sagt Regina Rotter. Leider sei ein Durchwursteln (»Ich schaffe eine 4 minus, aber gleiche das mündlich aus«) nicht möglich: »Es heißt bei uns nur schwarz oder weiß.«

Generell sei der Verkehr aggressiver geworden, sagt sie, das merkt fast jeder, der auf Straßen oder Autobahnen unterwegs ist. Das sei aber nicht das Ausschlaggebende. Hier weist die Fahrschulinhaberin auf ein Problem hin, das ihrer Meinung nach mit einer geringeren Belastbarkeit bei vielen jungen Menschen zu tun hat. Sie seien oft einfach dem Stress einer Prüfungssituation nicht gewachsen. »Unter dem Druck der Prüfungssituation können sie die Leistung, die vorher vielleicht da war, nicht abrufen.«

Dazu kommen als Problem Konzentrationsmängel, die durch die Digitalisierung gefördert werden. »Ich nenne es den Handyblick,« sagt Rotter. »Die jungen Leute schauen im Auto nur nach vorn, nicht nach rechts oder links, der Rundumüberblick fehlt. Das ist fast so, wie man es manchmal auf der Straße sieht, wo sich der Kopf auch nur noch vornüber über das Smartphone beugt. So fahren sie dann auch Auto.« Im Straßenverkehr muss man allerdings versuchen, generell einen guten Überblick zu haben, um mögliche Gefahrensituationen schnell und richtig einschätzen zu können.

Während früher der Führerschein das Ticket »zur Freiheit« war, hat sich das geändert, die Motivation sei bei jungen Leuten gesunken. Das habe auch mit den »Oma- und Opa-Taxis« zu tun, die oft am Start sind, wenn es gilt, den Nachwuchs zu befördern.

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