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Von Lahore auf den Bau in Alsfeld

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Projekte erleichtern den Einstieg ins Berufsleben, wenn die Voraussetzungen bei den jungen Leuten nicht stimmen. Über zwei Förderprogramme kam Omair Ahmed 2017 zu der Baufirma Gluck. Nun absolvierte er die Gesellenprüfung als einer der besten seines Jahrgangs. Dafür musste er einige Hindernisse überwinden.

Der Aufwand für den neuen Maurer hat sich gelohnt. "Wenn alle Azubis so wären wie Umair, würden wir jedes Jahr drei nehmen", sagt Dieter Schaub, Obermeister der Bau-Innung und Chef der Firma Gluck. Seine Frau Anita Schaub-Gluck als Geschäftsführerin der Baufirma aus Schlitz hat die selben guten Erfahrungen mit dem jungen Mann gemacht. Das Besondere: Umair Ahmed kam als Flüchtling nach Deutschland, über ein Förderprogramm des Landes schnupperte er in das Bauhandwerk hinein und bewährte sich. Nun erhielt er den Gesellenbrief, "er hat eine sehr gute Maurerprüfung hingelegt", strahlt Schaub-Gluck.

Doch es war ein steiniger Weg, bis Ahmed bleiben konnte. Denn der junge Pakistaner war nur mit einer Bescheinigung einer Hochschule in Lahore nach Deutschland gekommen. "Er musste erst beweisen, dass er aus Pakistan stammt, um Papiere zu bekommen", erinnert sich Konstantin Schäfer von der Personalabteilung des Bauunternehmens. So erhielt Ahmed nur Duldungen für je einen Monat von der Ausländerbehörde. "Wir wussten oft nicht, ob Umair abgeführt wird und das Land verlassen muss." Chefin Schaub-Gluck ist überzeugt, "er hat zwischen Himmel und Hölle gelebt" in den gut zwei Jahren Unsicherheit.

Umair Ahmed selbst konzentriert sich auf die Arbeit, "die gesamte Zeit gestaltete sich für mich nicht immer einfach", umschreibt er den langen Weg in den Beruf. Er freut sich über den Abschluss als Innungsbester. Beim Landeswettbewerb kam er auf Platz 2. Sein Fazit: "Natürlich habe ich dabei auch jede Menge Erfahrung für meinen Beruf und das Leben in Deutschland gesammelt. Dafür bedanke ich mich ganz besonders bei meinen Arbeitskollegen und Kolleginnen."

Das Engagement in die Bürokratie zahlte sich aus, seit einige Monaten hat Ahmed eine Wohnung in Schlitz und darf im Land bleiben. Dabei half die angenehme Persönlichkeit des 27-Jährigen. "Er ist sehr nett, höflich, versteht schnell und ist zuverlässig", freut sich Schaub-Gluck.

Ahmed bleibt als Maurer bei der Firma Gluck mit ihren rund 80 Mitarbeitern und will später entscheiden, was er weiter machen will. Seine Integration zeigt, dass sich Engagement von beiden Seiten her auszahlt. Denn Ahmed war einer von 40 jungen Geflüchteten, die über Projekte ins Arbeitsleben integriert werden sollten - acht von ihnen haben das gemeistert.

Dabei halfen zwei Förderprogramme für Praktika in Handwerksbetrieben, wie sich Innungs-Obermeister Dieter Schaub erinnert. Wirtschaft integriert startete im Lehrbauhof Lauterbach, daran schloss sich "Berufsstart Bau" an. Die Projekte boten den Geflüchteten einen Einstieg über Lehrgänge im Lauterbacher Bildungszentren, an die sich Betriebspraktika anschlossen.

Von den 40 Teilnehmern begannen dann acht eine Ausbildung, die sie mit überdurchschnittlichen Ergebnissen abgeschlossen haben. Ahmed ist einer der besten des Jahrgangs. "Er hat ein Mauerwerk erstellt, da staunst du, das war klasse", strahlt Schaub-Gluck.

Das bedeutete für Umair Ahmed viel Disziplin, denn er hat bis Anfang diesen Jahres in einer Gemeinschaftsunterkunft gelebt. Dort war er der einzige, der morgens um 6 Uhr zur Arbeit musste, während die anderen schliefen. Die Arbeitsstellen sind meist weiter entfernt, das Bauteam fährt gemeinsam hin. Es spricht für die Persönlichkeit Ahmeds, dass er Praktikum und die dreijährige Ausbildung so gut geschafft hat, lobt Schaub-Gluck. Er hat schnell deutsch gelernt und versteht sich gut mit den Kollegen auf dem Bau. Auch beim Betriebsausflug war er voll integriert.

Doch dafür musste der Rahmen stimmen. Über das Projekt machte Ahmed einen Sprachkurs und hat schnell gelernt, sich zu verständigen. Dennoch brauchte er im ersten halben Jahr im Betrieb einen Übersetzer für einzelne Fragen. Zum Glück jobbte 2017 ein Student bei der Baufirma, der gut englisch sprach und den Mittler zwischen Ahmed und dem Polier bildete. Inzwischen ist Umair "bei allen beliebt und anerkannt", sagt Schaub-Gluck. Das ist nicht selbstverständlich: Andere Geflüchtete kamen für ein Praktikum in den Betrieb, aber bei ihnen passte es nicht.

Da es auf den Baustellen so gut klappte, nahm die Firma auch die Schwierigkeiten mit dem ungewöhnlichen Mitarbeiter in Kauf. Konstantin Schäfer hat sich dabei stark engagiert und ist zweimal mit Ahmed zum Konsulat in Frankfurt gefahren. Das war nötig, um Dokumente zu besorgen, die für unbefristeten Aufenthalt nötig sind.

Tücke im Detail war die Klärung der Staatsbürgerschaft, denn Ahmed hatte nur die Hochschulbescheinigung, sogar bei seinem in Pakistan lebenden Vater fehlten Unterlagen. Deshalb gab es erst nach vielen Monaten eine Duldung zur Ausbildung.

Auf die Frage, ob es sich gelohnt hat, meint Schaub-Gluck ohne Zögern "auf jeden Fall". Es sei eine Form der Wertschätzung für einen guten Mitarbeiter, dass man hilft, wo es nur geht.

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