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"Lage bisher gut gemeistert"

  • Kerstin Schneider
    vonKerstin Schneider
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Unbeschwert feiern, sich mit Freunden treffen, in den Urlaub fahren, der Fasching, schon wieder fällt wegen der Corona-Pandemie vieles aus. Und der Winter steht erst noch vor der Tür. Wie halten die Menschen das aus, die sich schon seit Monaten nach dem "alten Leben" zurücksehnen? Fragen an die Diplom-Psychologin Barbara Nicolai (Mücke).

Frau Nicolai, der Vogelsbergkreis steht gut da, aber bundesweit steigen die Corona-Infektionszahlen wieder deutlich. Welche Herausforderungen bringt die schon seit Monaten anhaltende Krise?

Gerade in Zeiten von Corona können Ängste und Angststörungen stärker als sonst ausgelöst werden. Durch die Ungewissheit und die Einschränkungen aufgrund der Pandemie fühlen sich Menschen verunsichert. Im Lockdown waren wir zudem auf den häuslichen Bereich beschränkt, Ablenkungen waren nur eingeschränkt möglich. Auch Hilfsangebote (Beratungsstellen, Ärzte, Therapeuten) wurden nur eingeschränkt angeboten oder wurden wegen der Angst vor Ansteckung vermieden.

Angst ist immer ein negatives Gefühl?

Angst ist eigentliche eine gesunde Reaktion auf bedrohliche Situationen. Der Körper wird blitzschnell in die Lage versetzt, zu handeln. Dies war in der Menschheitsgeschichte überlebensnotwendig und ist es in manchen Situationen heute noch. Wenn solche Alarmreaktionen allerdings der Situation unangemessen stark ausgeprägt sind, zu lange andauern und zu häufig auftreten, hat die Angst Krankheitswert und führt bei den betroffenen Menschen nicht selten zu ausgeprägtem Vermeidungsverhalten und einer deutlichen Einschränkung der Lebensfreude und Lebensqualität. Neben Depressionen sind Angststörungen eine der häufigsten psychischen Erkrankungen bei Frauen. Etwa 15 Prozent der Bevölkerung in Deutschland erkranken einmal in ihrem Leben an einer Angststörung. Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Die Angsterkrankung eines Familienangehörigen wirkt sich auch auf das gesamte Familiensystem aus.

Werden die Menschen im Umgang mit dem Virus zu sorglos?

Die Infektionszahlen steigen zwar wieder, sind aber in Deutschland immer noch vergleichsweise niedrig. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob die Befürchtungen und Sorgen der Menschen gegenüber dem Coronavirus tatsächlich abnehmen. In meinem Umfeld halten sich die Menschen (und in der Klinik begegne ich vielen Menschen aus allen Teilen Deutschlands) an die Abstandsregeln und die Maskenpflicht und zeigen damit Empathie und Fürsorgebereitschaft für ihre Mitmenschen. Ich halte den Anteil derjenigen, die sorglos mit der Pandemie umgehen, bzw., die die Gefahr verleugnen, für eher gering.

Die Einschränkungen gehen schon über Monate, das macht einigen zu schaffen

Die Einschränkungen, denen die Menschen (nicht nur) in Deutschland zurzeit ausgesetzt sind, sind zwar unangenehm, sie werden jedoch nicht zu nachhaltigen psychischen Störungen führen, soweit keine anderen Faktoren (zum Beispiel genetische Disposition (Veranlagung), Vorerkrankung, traumatische Erlebnisse) hinzukommen. Gerade wenn wir die Situation in anderen Ländern betrachten, haben wir die Situation hier bisher gut gemeistert.

Gerade junge Leute fühlen sich eingesperrt, sie wollen raus, feiern...

Dass junge Menschen gerne feiern und dass wir, wenn wir jung sind, Gefahren eher eingehen bzw. sie nicht beachten, war schon immer so. Auch bezüglich des Verbots von großen Feiern und des Besuchs von Kneipen und Diskotheken halte ich die Gefahr von psychischen Langzeitschäden für eher gering. Mehr Sorgen macht mir die wirtschaftliche Situation. Manche Menschen sind in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht und entwickeln daraufhin Zukunftsängste. Aber auch diesbezüglich geht es uns in Deutschland relativ gut.

Wie kann man im Alltag damit umgehen?

Meine Tipps sind: Im Hier und Jetzt leben, sich nicht in Angstszenarien hineinsteigern, auf die positiven Dinge achten, Kleinigkeiten wertschätzen (zum Beispiel in Urlaub im Vogelsberg anstatt auf den Kanaren). Eine gute Übung kann sein, sich am Abend hinzusetzten und aufzuschreiben, was ich am Tag Positives erlebt habe und/oder für was ich dankbar bin.

Wie können Gewohnheiten helfen?

Gewohnheiten haben eine starke Kraft. Unser Gehirn "liebt" Gewohnheiten. Gedanken, die wir immer wieder denken und Handlungsimpulse, die wir immer wieder haben, beschreibe ich gerne mit "Autobahnen" im Gehirn. Sie sind breit und bequem, sodass Informationen schnell und effektiv weitergegeben werden können. Wenn ich etwas anders machen möchte, ist das wie einen kleinen Trampelpfad beschreiten, der von der "Autobahn" abzweigt. Ich brauche zunächst eine Entscheidung für den neuen Weg.

Was noch?

Achtsamkeit, um nicht in alte Gewohnheiten zurückzufallen, um im Bild zu bleiben, nicht wieder "die Autobahn zu nehmen". Das funktioniert bei allem, was ich neu und anders machen möchte, so und ist im Prinzip auch das, was in einer Psychotherapie auf neuronaler Ebene passiert.

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